Vor dem G-7-Treffen

Trump und der Nixon-Schock

Von Alexander Armbruster
 - 12:21

Die Regierungschefs der sieben führenden westlichen Industrieländer (G 7) treffen sich und die Stimmung ist so schlecht wie lange nicht mehr. Kurz vor Beginn haben alle Teilnehmer noch einmal klargemacht, was sie von den anderen halten. „Nehmt eure Zölle und Barrieren runter oder wir werden das mehr als angleichen“, drohte der amerikanische Präsident Donald Trump über Twitter in Richtung Europäische Union und Kanada mit.

Der französische Präsident Emmanuel Macron und der kanadische Premierminister Justin Trudeau warnten, sie würden „nicht zögern“, Trump auf dem Gipfeltreffen zu „isolieren“. So weit ist es schon gekommen.

Es gibt viele Streitthemen zwischen den westlichen Verbündeten, besonders in Wirtschaftsangelegenheiten. Trump beklagt die Handelsbeziehungen zwischen den Vereinigen Staaten und im Grunde allen anderen bedeutenden Volkswirtschaften auf dem Planeten. Bereits auf den Weg gebracht hat er Zölle auf Stahl, Aluminium, Solarzellen und Waschmaschinen, in Aussicht stellt er Einfuhraufschläge zum Beispiel auf Autos. Die EU wiederum hat ihrerseits angekündigt, von dem 1. Juli an eigene neue Zölle zu erheben auf amerikanische Güter, andere Länder – China, Russland und Japan – haben entsprechende Vorbereitungen getroffen und der Welthandelsorganisation angekündigt.

Welthandelssystem kaputt?

Wie schlimm steht es um das Welthandelssystem? Ist das wirklich „kaputt“, wie Trumps oberster Wirtschaftsberater sagt? Ereignet sich gerade eine weltwirtschaftliche epochale Wende?

An dramatischen Vergleichen mangelt es jedenfalls nicht. Ein besonders frappierender dreht sich um ein Ereignis, das als „Nixon-Schock“ in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Im Mittelpunkt steht eine Entscheidung des verstorbenen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon, der die Vereinigten Staaten zu Beginn der siebziger Jahre regierte. David Frum, ein Redenschreiber George W. Bushs, zog diese Parallele im Magazin „The Atlantic“ schon im März. „Es ist besser mit der Erkenntnis zu beginnen, dass Trump das System zerbrochen hat in derselben Art und Weise, wie Richard Nixon das im Jahr 1971 tat“, schreibt Edward Alden, Fachmann des „Council on Foreign Relations“, nun in einem Beitrag für „Politco“.

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HandelsstreitTrump teilt gegen EU und Kanada aus

Doch was hat Nixon damals gemacht? Er beseitigte die damals etablierte Währungsordnung. Diese war beinahe 30 Jahre alt und wurde bereits im Juli 1944 während einer Konferenz in der amerikanischen Stadt Bretton Woods aus der Taufe gehoben.

Die Vertreter der 44 Nationen, die daran teilnahmen, beschlossen die Gründung des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Notfallhelfer in Krisenzeiten und entschieden aufgrund der Erfahrungen in der Zwischenkriegszeit dafür, die Wechselkurse der wichtigen Währungen aneinander zu binden mit dem Dollar als Ankerwährung. Die Vereinigten Staaten hatten sich mit einem entwickelten Finanzmarkt als größte und führende westliche Wirtschaftsmacht etabliert. Von da an galten feste Wechselkurse beispielsweise zwischen der deutschen Mark, dem französischen Franc oder dem britischen Pfund zur Weltleitwährung, die freilich gelegentlich nach Absprache geändert werden konnten.

Das „Bretton-Woods-System“

Dazu gehörte, quasi als Vertrauen bildende Maßnahme, zudem das Versprechen der Vereinigten Staaten, Dollar jederzeit zu einem festen Preis (damals 35 Dollar je Feinunze) in Gold umzutauschen, wenn etwa eine ausländische Zentralbank das mir ihren Währungsreserven tun möchte. Die gesamte Struktur wurde nach dem Gründungsort schlicht „Bretton-Woods-System“ genannt.

Zunächst funktionierte das Gebilde ziemlich stabil. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahren nahmen die Spannungen indes zu. Die Vereinigten Staaten benötigten viel Geld, um den Vietnam-Krieg zu bezahlen, zugleich weitete der damalige Präsident Lyndon B. Johnson staatliche Sozialprogramme („Great Society“) aus. Die infolgedessen deutlich expansiver gewordene Fiskalpolitik führte zu steigenden Teuerungsraten. Wegen des fixierten Wechselkurses machte dies für sich genommen für amerikanischen Unternehmen schwieriger, mit ausländischen Wettbewerbern zu konkurrieren, urteilte nicht nur der verstorbene Ökonom Ronald McKinnon, der zu den besten Kennern des internationalen Währungssystems zählte.

Als zu Beginn der siebziger Jahre die Arbeitslosigkeit in Amerika zunahm, stand der mittlerweile amtierende Präsident Nixon vor einem Dilemma. „Um wieder Vollbeschäftigung und eine ausgeglichene Leistungsbilanz herzustellen, mussten die Vereinigten Staaten irgendwie eine reale Abwertung des Dollar herbeiführen“, schreiben die beiden Ökonomen Paul Krugman und Maurice Obstfeld in ihrem Standardlehrbuch über internationale Wirtschaftsbeziehungen: „Die erste Möglichkeit war ein Rückgang des amerikanischen Preisniveaus als Reaktion auf die einheimische Arbeitslosigkeit, verbunden mit einem Anstieg der ausländischen Preisniveaus als Reaktion auf die andauernden Dollarkäufe der Zentralbanken.“ Es war damals die Aufgabe der deutschen, japanischen, britischen und französischen Notenbank, die Kurse ihrer Währungen gegenüber dem Dollar stabil zu halten. „Die zweite Möglichkeit war, dass der Nominalwert des Dollar gegenüber anderen Währungen gesenkt wurde“, so Krugman und Obstfeld.

Rückblick 1971: der „Nixon-Schock“

Nixon entschied sich für den zweiten Weg. Der war freilich schwierig, weil sich die Vereinigten Staaten mit dem Dollar als Ankerwährung für so einen Schritt mit allen anderen Ländern ins Benehmen setzen mussten – und nicht überall auf Gegenliebe stießen. Der Präsident setzte daraufhin die anderen Länder im Alleingang unter Druck: Am 15. August des Jahres 1971 verkündete er, dass die Vereinigten Staaten sich nicht weiter ihr Gold-Umtauschversprechen halten würden. Außerdem ordnete er einen zehnprozentigen Aufschlag auf alle Einfuhren an, auch die aus den Nachbarländern Kanada und Mexiko, mit dem Ziel, die anderen Regierungen an den Verhandlungstisch zu zwingen und zu erreichen, dass diese zustimmten ihre Währungen aufzuwerten.

Dieses Ereignis gilt seither als „Nixon-Schock“. In harten Verhandlungen stimmten etwa Deutschland oder Japan zu, im Dezember 1971 gab es eine Einigung („Smithsonian Agreement“). Die neu vereinbarten Kurse hielten allerdings nicht all zu lange – keine anderthalb Jahre später endete dieses System fester Wechselkurse, die Länder gaben die Währungskurse frei, die Inflation der siebziger Jahre folgte.

„Ähnliche Gespräche auf höchster Ebene braucht es jetzt auch“, findet Fachmann Alden mit Blick auf den Handelsstreit zwischen Trump und den amerikanischen Verbündeten. Doch er ist skeptisch: „Die Vereinigten Staaten sind wirtschaftlich weit weniger dominant als im Jahr 1971, Amerikas Verbündete sind weniger darauf vorbereitet, die Legitimität von Trumps Klagen zu akzeptieren, und Trumps Team ist deutlich weniger kompetent und erfahren als es Nixons Berater waren, zu denen Paul Volcker, Pete Peterson, Robert Hormats und Henry Kissinger zählten.“

Ein großer Unterschied zum Beginn der siebziger Jahre, der die Grenzen des Vergleichs zwischen dem „Nixon-Schock“ und einem „Trump-Schock“ aufzeigt, ist indes auch schlicht die derzeitige wirtschaftliche Verfassung der Vereinigten Staaten: Die Wirtschaftsleistung der größten Volkswirtschaft der Welt wächst robust, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Inflation ebenfalls. Und trotz allem öffentlichen Poltern, Drohen und Kritisieren scheint es auch sehr gewagt, Trump vorzuwerfen, er habe die internationale Finanzordnung wirklich zerbrochen, so wie Nixon das mit dem Bretton-Woods-System tat. Zumindest bislang. Da sprechen Handelsvolumen, Wachstumsraten allerorten und Börsenkurse eine ganz andere Sprache.

Quelle: FAZ.NET
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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