Einzelhandel

Die Innenstädte müssen attraktiver werden

Von Brigitte Koch
 - 11:20

Seit weit mehr als zweitausend Jahren gehören Stadt und Handel eng zusammen, treffen sich Menschen auf Märkten, um ihre Einkäufe zu erledigen, Geschäfte zu machen und Erlebnisse zu teilen. Soll eine Innenstadt lebendig, attraktiv und sicher bleiben, braucht sie intakte Handelsstrukturen. Wandern mehr und mehr Geschäfte auf virtuelle Marktplätze ab, droht der realen Welt der Bedeutungsverlust.

Zwar freut sich die Einzelhandelsbranche seit geraumer Zeit über eine gute Konsumlaune. Bei näherem Hinsehen ist es aber im Wesentlichen der Online-Handel, der das Wachstum treibt und von den Mehrumsätzen profitiert. Traditionellen Standorten in den Innenstädten macht dieser Boom hingegen mehr und mehr zu schaffen. Denn während der Branchenverband HDE in diesem Jahr für die gesamte Branche ein Plus von nominal 2 Prozent voraussagt, sieht er allein für den Online-Handel ein Wachstum von elf Prozent. Über alle Branchen hinweg kommt der Online-Handel bald auf einen Umsatzanteil von rund 10 Prozent.

Die Leerstände nehmen zu

Zwar verwischen die Grenzen zwischen on- und offline zunehmend, versuchen sich klassische Händler ebenso im Netz, wie Internetspezialisten mit der Eröffnung von Ladengeschäften experimentieren. Dass sich an normalen Werktagen weniger Menschen in den Fußgängerzonen und Läden tummeln, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war, ist inzwischen aber nicht mehr zu übersehen.

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Deutschlands Innenstädte sterben aus. Online einkaufen wird immer beliebter. Was können Händler tun?

Und das gilt längst nicht mehr nur für kleine oder mittlere Orte. Längst stehen auch größere Städte mit ihren Innenstadtlagen unter Druck. Gewisse Leerstände gab es immer, vor allem in unattraktiven Randlagen. Verwaiste Ladenlokale und Vermietungsschilder fallen aber inzwischen sogar auf vermeintlich glamourösen Flaniermeilen wie der Düsseldorfer Königsallee auf.

Der tiefgreifende Umbruch, der sich derzeit in der Einzelhandelsbranche vollzieht, lässt sich nicht zuletzt an den zahlreichen aktuellen Schieflagen ablesen. Denn ungeachtet der angeblich rauschenden Kauflust streichen derzeit ungewöhnlich viele namhafte Unternehmen die Segel oder sehen sich zu tiefgreifenden Korrekturen gezwungen: von Butlers über Strauss, Wöhrl, Pohland, Sinn-Leffers, Tom Tailor, Esprit bis hin zu Gerry Weber, um einige bekanntere Beispiele zu nennen. Mehr im Stillen vollzieht sich daneben ein Geschäftesterben bei Einzelkämpfern oder kleineren mittelständischen Familienbetrieben.

„Online“ ist nicht der alleinige Schuldige

Es wäre zu einfach, die Ursachen solchen Scheiterns allein auf den Siegeszug des Online-Handels und die veränderten Einkaufsgewohnheiten zu schieben. Gerade bei den jüngsten Sanierungsfällen kommen Managementfehler hinzu, sei es eine viel zu schnelle Expansion mit immer neuen Läden, das Überschütten des Marktes mit viel zu viel Ware oder die zunehmende Beliebigkeit der Sortimente. Gleichwohl halten es immer mehr Verbraucher für bequemer, per Mausklick einzukaufen, selbst wenn anschließend ein Teil der bestellten Ware zum Umtausch in die nächste Poststelle zurückgeschleppt werden muss. Gehen die Frequenzen in den Läden erst zurück und ist auch Schaufensterbummeln nicht mehr angesagt, stehen stationäre Händler vor einem zusätzlichen Dilemma. Denn es fehlen ihnen auch jene Spontan- und Impulskäufe, die gerade im Modehandel, aber auch bei Krimskramsläden à la Butlers eine große Rolle spielen.

Gerade für die Innenstädte gelten Mode und Textilien als besonders wichtige Ankersortimente. Ausgerechnet in diesem Segment ist der Online-Anteil mit rund 20 Prozent besonders hoch. Schafft es beispielsweise ein typischer Platzhirschanbieter nicht mehr, im Wettbewerb zu bestehen, so kann die Schließung eines solchen Hauses beträchtliche Folgen auch für die umliegenden Geschäfte haben. Nicht selten gerät die gesamte Nachbarschaft in den Strudel der Verödung. Wird immer weniger geboten, besteht immer weniger Grund für einen Besuch des Einkaufsquartiers.

Büßen Innenstädte und Stadtteilzentren zunehmend an Vitalität und Attraktivität ein, werden unterschiedlichste Interessensgruppen das Nachsehen haben. Seien es die Anwohner, die in ihrer Nachbarschaft nur noch ein begrenztes Warenangebot vorfinden und deren Wohnumfeld sich durch hässliche Leerstände verschlechtert, oder seien es die Immobilienbesitzer, die Einnahmen und Renditen in den Wind schreiben können.

Ambiente und Flair: Leipzig ist ein Trendsetter

Nicht nur der Einzelhandel ist aufgerufen, Konzepte gegen den drohenden Bedeutungsverlust zu entwickeln und für mehr Erlebnis in Läden und Fußgängerzonen zu sorgen. Preiswerteres Parken, eine bessere Erreichbarkeit, gleich ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder dem Bus, sind den Innenstadtpassanten genauso wichtig wie Freizeitangebote, die Einrichtung von freiem W-Lan oder Fragen von Sicherheit und Sauberkeit. Hier stehen die Kommunen in der Verantwortung. Der Bau von Outlet-Centern in der Nachbarschaft von ohnehin schon mit Problemen kämpfenden Innenstädten ist ebenso kontraproduktiv wie die Klagewut der Gewerkschaft Verdi gegen verkaufsoffene Sonntage. Ambiente und Flair sind die wichtigsten Argumente, wenn es um die Attraktivität von Einkaufsstädten geht, hat jüngst eine Umfrage ergeben. Als Musterbeispiele wurden Leipzig oder das rheinische Städtchen Hilden genannt. Ein Trip dorthin sollte sich für viele lohnen.

Quelle: F.A.Z.
Brigitte Koch-Frickenhaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Brigitte Koch
Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.
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