Wichtig für Elektroautos

Bosch-Chef: Batteriefabrik lohnt sich wohl nicht

Von Susanne Preuß, Ludwigsburg
 - 17:40

Bosch-Chef Volkmar Denner fordert von der Autobranche mehr Transparenz. „Wir müssen alles tun, um wieder Vertrauen zurück zu gewinnen“, ist sein Blick auf den Dieselskandal und seine Folgen: „Wir müssen zeigen, wie wir vorgehen, welche technischen Lösungen es gibt und wie diese wirken. Und wenn die Autos auf der Straße vergleichbare Abgaswerte zeigen wie im Labor, dann ist von den Vorwürfen das meiste schon vom Tisch“, sagt Denner. Auch mit den NGOs, den Nichtregierungsorganisationen, müsse man eine ganz andere Art der Zusammenarbeit pflegen.

„Wir haben die Deutungshoheit verloren“, gesteht Denner ein. Notwendig sei eine faktenbezogene Diskussion. Dann werde klar, dass der Diesel keine überkommene Technologie sei, sondern bezüglich der Abgase vergleichbar mit einem Benziner, in punkto Partikel sogar besser. Für die eigenen Entwickler müsse das Ziel sein, sich nicht mehr mit gesetzlichen Grenzwerten zufrieden zu geben: „Ein Verbrenner soll im Wesentlichen nur noch das ausatmen, was er eingeatmet hat.“ Im Vorstand des Branchenverbands VDA setzt Denner sich für eine entsprechende Kampagne ein, stellt aber auch klar: „Bosch macht nur mit, wenn sie nach vorne gerichtet ist.“

50.000 Mitarbeiter im Diesel-Geschäft

Entsprechend ungehalten reagiert der Bosch-Chef auf die Schlagzeilen über Abgastests mit Affen und Versuche mit Menschen: „Ich bin entsetzt“, sagte er vor Journalisten in Ludwigsburg: „Wieder ein Rückschlag im Bemühen um die Versachlichung der Diskussion über den Diesel.“ Bosch selbst ist im Jahr 2013 aus der Forschungsgemeinschaft EUGT ausgetreten, die diese Versuche zu verantworten hat. Man sei mit der wissenschaftlichen Arbeit nicht zufrieden gewesen, deutete Denner an – aber mit den erst später gestarteten Versuchen mit Affen habe die Entscheidung nichts zu tun.

Die Dieselkrise, die seit dem Aufdecken von Manipulationen an VW-Motoren im Herbst 2015 zu laufend sinkenden Zulassungszahlen für Diesel-Autos geführt hat, ist für Bosch als größten Lieferanten von Dieseltechnik eine konkrete Bedrohung. Rund 50.000 der insgesamt 400.000 Bosch-Mitarbeiter werden dem Diesel-Geschäft zugerechnet. Sollten die Diesel-Verkäufe weiter zurückgehen, „haben wir ein Beschäftigungsthema“, kündigte Rolf Bulander an, der in der Bosch-Geschäftsführung für die dominante Mobilitätssparte verantwortlich ist. Wann und in welchem Umfang es zu Überkapazitäten kommen wird, lässt sich schwer abschätzen, sagt Bosch-Chef Denner. Das Nutzfahrzeug-Geschäft, das bisher die Rückgänge der Auto-Nachfrage kompensiere, sei traditionell sehr volatil, teilweise auch abhängig von der Gesetzgebung: „Das mit der Kompensation wird eventuell nicht mehr lange gut gehen.“

Die Elektromobilität ist kurzfristig kein Ausweg, stellt Denner klar. Die Anforderungen an die Produktion von Dieseltechnologie seien teilweise so hoch wie in der Chipfertigung – solche Maschinen seien nicht für die Elektromobilität zu gebrauchen. „Kein anderes Unternehmen ist so breit aufgestellt in der Elektromobilität wie Bosch. Aber wir brauchen Zeit für die Transformation.“ Der Bau einer Batteriezell-Fabrik, der seit langem geprüft wird, scheint nach den Ausführungen von Denner eher unwahrscheinlich. „Es geht bei der Entscheidung über die Zellproduktion auch um die Frage, wie ausschlaggebend diese für den unternehmerischen Erfolg in der Elektromobilität ist“, gibt er zu bedenken und fügt hinzu, wie gut die Bosch-Batterien doch heute schon seien, obwohl man die Zellen nicht selbst herstelle, sondern zukaufe.

Kein großer Spielraum für Gewinne

Die Chance bestehe generell darin, dass ein Milliardenmarkt entstehe. Bosch rechnet ganz grob damit, dass bis zum Jahr 2030 der jährliche Bedarf an Batteriezellen auf 1000 Gigawattstunden steigen wird. Um in diesem Markt eine führende Position zu erreichen, brauche man einen Marktanteil von 20 Prozent – also Fertigungskapazitäten von 200 Gigawattstunden. Für eine entsprechende Batteriefabrik wäre eine Investition von 20 Milliarden Euro nötig, erklärte Denner. Ob sich das Geschäft rechnen könnte, zog er gleich selbst in Zweifel.

Auch mit künftigen Zelltechnologien werde ein harter Preiskampf ausgetragen und etablierte Marktteilnehmer (im wesentlichen fünf asiatische Hersteller) verfügten über starke Wettbewerbsvorteile. Der Spielraum für mögliche Gewinne sei gleichzeitig nicht besonders groß, denn drei Viertel der Herstellkosten entfalle auf das Material. Denner hob zudem darauf ab, dass sowohl in Fragen der Technik wie auch des Marktes vieles sehr schwer vorhersehbar sei, nicht zuletzt wegen des langen Planungshorizonts.

„Wir gehen davon aus, dass wir unsere Entscheidung in einigen Wochen kommunizieren können“, sagte Denner. Einen Zusammenhang mit den Bemühungen des EU-Vize-Präsidenten Maros Sefcovic um eine europäische Batterie-Allianz gebe es in der Sache nicht, wird bei Bosch betont. Die Alternativen zu einer Großinvestition in die Batteriezell-Produktion ließ die Bosch-Geschäftsführung noch im Dunkeln. Man werde die Mittel für die Transformation einsetzen, sagte Denner lediglich, und dass es notwendig sei, ein Finanzpolster zu haben, um auch für Zukäufe im Tech-Bereich gewappnet zu sein, die heutzutage häufig mit Milliardensummen bewertet werden.

78 Milliarden Euro Umsatz

Ausdrücklich nennt Denner es als Ziel für Bosch, im Internet der Dinge (IoT) führend zu werden. „Während das Silicon Valley die digitale Welt vernetzt, vernetzt Bosch die reale Welt“, lautet das Leitmotiv. 38 Millionen internetfähige Produkte habe man im vergangenen Jahr verkauft, über die Bosch-IoT-Suite würden derzeit 6,2 Millionen Sensoren, Geräte und Maschinen vernetzt. Derzeit arbeite Bosch an 170 eigenen IoT-Projekten, von der Mobilität über Gebäude bis hin zur vernetzten Landwirtschaft.

Für den zukünftigen Erfolg mögen solchen Entwicklungen bedeutend sein, das aktuelle Geschäft ist nach wie vor von der Automobiltechnik geprägt. Zum Gesamtumsatz von 78 Milliarden Euro steuerte die Sparte Mobilität im vergangenen Jahr 47,4 Milliarden Euro Umsatz bei (plus 7,8 Prozent). Weit abgeschlagen folgen Konsumgüter mit 18,5 Milliarden Euro (plus 4,5 Prozent), Industrietechnik mit 6,7 Milliarden Euro (plus 6,3 Prozent) und Energie- und Gebäudetechnik mit 5,4 Milliarden Euro (plus 3,1 Prozent).

Der Konzern erzielte damit ein Ebit (Ergebnis vor Zinsen und Steuern) von 5,3 Milliarden Euro (nach 4,3 Milliarden Euro im Vorjahr). Mit einer Ebit-Marge von 6,8 Prozent liegt Bosch deutlich hinter anderen großen Autozulieferern zurück, was Bosch-Chef Denner mit der niedrigeren Rendite in den anderen Sparten erklärte. Für das laufende Jahr erwartet man bei Bosch Wachstumsraten zwischen 2,5 und 3 Prozent.

Quelle: F.A.Z.
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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