Anwalt gegen Volkswagen

„VW hat den Verstand verloren“

Von Roland Lindner, New York
 - 12:43

Auf Michael Melkersen ist Volkswagen derzeit gar nicht gut zu sprechen. Der amerikanische Anwalt taucht in der kürzlich veröffentlichten Netflix-Dokumentation „Dirty Money“ auf, die sich um die Affäre um Abgasmanipulationen in Dieselmotoren des deutschen Autoherstellers dreht, und er zieht darin einen Nazi-Vergleich. Begleitet von düsterer Hintergrundmusik sagt er: „Natürlich kann man nicht anders, als in der Geschichte an eine andere Serie von Ereignissen zurückzudenken, bei denen Menschen von einer Person vergast worden sind, die bei der Eröffnung der ersten Volkswagen-Fabrik war und dort eine Rede gehalten hat.“ In dem Moment wird ein Bild von Adolf Hitler eingeblendet, der vor der Miniaturversion eines VW Käfer steht. Und kurz danach ist eine Nachstellung der Abgastests an Affen zu sehen, die der Autohersteller in einem Forschungslabor im Bundesstaat New Mexico durchführen ließ. Völlig verängstigte Tiere sitzen in Kästen, in die weißer Rauch geleitet wird.

VW findet den Nazi-Vergleich „aufrührerisch“ und hat deshalb eine sechsmonatige Verschiebung des Prozesses beantragt, den Melkersen im Namen eines VW-Kunden angestrengt hat und der am 26. Februar vor einem Gericht in Virginia beginnen soll. Unter den gegenwärtigen Umständen sei kein fairer Prozess möglich, heißt es in dem Antrag. Der Konzern könne die Fälle nicht in einer Atmosphäre verhandeln, in der er „direkt mit Hitler und dem Holocaust und anderen Schrecken“ in Verbindung gebracht worden sei, die „keine Relevanz“ zu den Betrugsvorwürfen hätten. Dabei habe Melkersen ausdrücklich zugestimmt, „aufrührerische Aspekte der deutschen Geschichte“ außen vor zu lassen. VW regte sogar an, Melkersen wegen seines Auftritts in dem Netflix-Film zu „disziplinieren“. Zumindest sollten nun zuerst Prozesse verhandelt werden, die sich nicht um Mandanten von Melkersen drehen.

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Schadensforderung von 725.000 Dollar

Der Anwalt ist sich keinerlei Schuld bewusst. „VW hat den Verstand verloren“, sagt er der F.A.Z. mit Blick auf die Forderung nach disziplinarischen Schritten gegen ihn. Die Verbindung von VW zum Nazi-Regime sei ein wesentlicher Teil der Dokumentation gewesen, deshalb habe sein Kommentar in den Zusammenhang gepasst. Er habe dem Unternehmen zudem lediglich zugesagt, die dunklen Seiten seiner Geschichte nicht vor Gericht anzusprechen, und er habe weiterhin „null Absicht“, dies zu tun, denn das halte er für „nicht angemessen“. Sehr wohl wolle er aber im Prozess die Labortests mit den zehn Affen zur Sprache bringen. Denn diese Tests zeigten, dass es bei VW „ein Muster unethischen Verhaltens“ gegeben habe.

VW hat in der Abgasaffäre in Amerika schon eine ganze Serie von außergerichtlichen Vergleichen geschlossen, unter anderem mit Verbrauchern. Aber es gibt noch immer viele Kunden, die sich dem Vergleich nicht anschließen wollen, und Melkersen vertritt mehr als 300 von ihnen. Er hätte fast schon im Sommer 2016 seinen ersten Prozess geführt, aber seine damalige Mandantin, die Fahrerin eines VW Beetle, habe vorher einem Vergleich zugestimmt. Auch damals habe VW zwischenzeitlich versucht, eine mehrmonatige Verschiebung des Prozesses zu erreichen („die wollen Prozesse um jeden Preis vermeiden“).

Der jetzt angesetzte Prozess dreht sich um David Doar, einen Mann aus North Carolina, der 2014 für knapp 25.000 Dollar die Dieselversion eines VW Jetta gekauft hat und sich wegen der Abgasschummeleien betrogen fühlt. Melkersen fordert 725.000 Dollar für seinen Mandanten, worin auch sogenannte „Punitive Damages“ enthalten sind, also eine zusätzliche Strafe, die über den erlittenen Schaden hinausgeht. Der Anwalt will nicht spekulieren, ob womöglich auch dieser Fall in einem Vergleich enden könnte, noch bevor er vor Gericht verhandelt wird. „Das hängt von VW und meinem Mandanten ab. So etwas ist letztendlich immer eine Frage des Geldes.“

Melkersen hat die VW-Affentests publik gemacht

Es ist vor allem Melkersen zu verdanken, dass die VW-Affentests publik wurden. Auf die Existenz der Tests wurde der Anwalt nach eigener Aussage beim Durchforsten von Dokumenten über den einstigen VW-Ingenieur James Liang aufmerksam. Liang wurde vergangenes Jahr im Zusammenhang mit der Abgasaffäre zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Melkersen erzählt, er habe ein mehrere Jahre altes Schreiben gefunden, in dem es um eine Vertragsverlängerung Liangs gegangen sei. Darin habe es geheißen, der Ingenieur sei wichtig für das Amerika-Geschäft, und als eine Begründung seien die Laborversuche in New Mexico genannt worden. Von da an recherchierte der Anwalt weiter, und schließlich teilte er seine Erkenntnisse mit den Dokumentarfilmern.

VW äußert sich in seinem Antrag verächtlich über den Netflix-Film und setzt das Wort „Dokumentation“ wiederholt in Anführungsstriche. Der Film sei nicht neutral, die Frau des Produzenten habe selbst ein Dieselfahrzeug von VW gehabt. Und obwohl der Forschungsleiter in dem Labor die Tests als „ziemlich ruhige Sache“ beschrieben habe, würden sie im Film wie Tierquälerei dargestellt. Den Zuschauern werde auch nie gesagt, dass es sich bei den Szenen mit den Affen um eine Nachstellung handelt. Anwalt Melkersen hält dagegen, das gehe aus dem Abspann des Films klar hervor. Dort ist in der Tat zu lesen, die Tierschutzorganisation „American Humane“ sei bei den Dreharbeiten vor Ort gewesen und es seien dabei keine Tiere zu Schaden gekommen. „VW kann das bestimmt nicht behaupten.“

Quelle: F.A.Z.
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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