Diesel-Affäre
Kommentar

Am E-Auto wird die Welt nicht genesen

Von Rainer Hank
© dpa, F.A.S.

Woran erkennt man, dass ein Diesel-Auto eine Dreckschleuder ist? Antwort: nicht am Auspuff, sondern an den vorgeschriebenen Grenzwerten. Verkehrsbedingte Stickoxid-Emissionen sind in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland um siebzig Prozent zurückgegangen. Doch noch schneller als die Schadstoffe sanken die maximal erlaubten Verschmutzungsmengen, weshalb der Ingenieur säubern kann, wie und was er will: Sein Diesel bleibt immer eine Dreckschleuder, sollte der technische Fortschritt auch noch so überwältigend sein.

Auch beim Fortschritt gilt nämlich das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens. Es geht uns mittlerweile so gut, dass wir viel Zeit haben, uns mit den Schattenseiten des besseren Lebens zu beschäftigen. Der Fortschrittsoptimismus wurde verdrängt von der Technikfolgenabschätzung. Das Risiko, dass Auto-Abgase der neuesten Verbrennermotoren zu einem früheren Tod führen, ist zwar extrem gering, viel geringer jedenfalls als die Gefahr, von einer Leiter zu fallen. Doch mit schwachen Wahrscheinlichkeiten hat der tonangebende Moralismus noch nie Schwierigkeiten gehabt: Rigorismus setzt sich stets absolut. Dessen Kosten werden delegiert an den Ingenieur.

Vorbild ist das kommunistische China von heute

Es ist am Staat, „die Entscheidungen zu treffen, die niemand trifft, wenn der Staat sie nicht trifft“: So hat es der Ökonom John Maynard Keynes in einer berühmten Rede über das „Ende des Laissez-faire“ 1926 an der Berliner Universität dekretiert. Nach Diesel-Skandal und Diesel-Gipfel hat sich ein breiter Konsens darüber gebildet, dass Keynes zuzustimmen sei. Die Automobilindustrie habe es verschlafen, auf die Zeichen der Zeit zu achten: Sie hält halsstarrig an einer veralteten, umweltschädlichen Antriebstechnik fest, weigert sich aus schnödem Profitinteresse, den Weg zum Fortschritt der Elektromobilität zu beschreiten und schädigt damit nicht nur unser Klima und unsere Gesundheit, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Jetzt, wo also offenkundig der Markt versagt habe, müsse die Politik ran, die beim Dieselgipfel viel zu samtpfotig mit den Autobauern umgegangen sei, und die Konzerne und die autovernarrten Bürger zu ihrem Glück zwingen: Verbietet den Verbrenner, so schallt es aus allen Kanälen. Schließt die Städte für Autos, so lange, bis alle Fahrzeuge nur noch elektrisch schnurren! Anstatt sich mit den Kartellbrüdern der Branche ins Bett zu legen, soll die Regierung der Wirtschaft die Ziele vorgeben. Das Ganze überwacht die Deutsche Umwelthilfe.

Vorbild dieses Wirtschaftsmodells einer politischen Suprematie über die Märkte ist das kommunistische China von heute. Dort wird in Fünfjahresplänen verordnet, was die Unternehmen zu produzieren haben. Mit Milliardensummen erzwingt der chinesische Staat den Umstieg zur Elektrotechnologie. Ziel ist es, China zur weltweit führenden Industrienation zu machen.

Schuftende Sklaven in Afrika

Sozialistische Planwirtschaft im Automobilbau ist inzwischen der Traum vieler Leute in der freien Welt; in der Energiepolitik macht man es spätestens seit Fukushima ohnehin schon so. Lediglich aus kosmetischen Gründen vermeidet man den Begriff Planwirtschaft, spricht stattdessen semantisch verträglicher von Industriepolitik.

Was soll daran falsch sein? Eigentlich alles. Im Kern aber vor allem die Hybris der zentralen Planer samt ihrer intellektuellen Entourage, die Zukunft voraussehen und planbar dem menschlichen Zugriff unterwerfen zu können. Woher wissen die Elektromobilisierer, dass die Batterietechnik dem Verbrennungsmotor überlegen ist? Elektroautos sind auf absehbare Zeit teuer und träge; es dauert Stunden, bis der Akku wieder voll ist. Schlimmer noch: Ihre Öko- und Moralbilanz ist längst nicht so überlegen, wie die Elektrofreunde behaupten, so lange fossile Stoffe zur Stromherstellung benutzt werden und Sklaven in Afrika für die seltenen Mineralien der Batterien schuften müssen.

Menschen überschätzen ihre planerischen Fähigkeiten

Dabei kennen wir die Elektroprobleme von morgen noch gar nicht. Wer entsorgt all die vielen Millionen ausgemusterter Autobatterien? Die Planer täten gut daran, schon einmal einen E-Batterie-Endlager-Gipfel für das Jahr 2045 in den Kalender einzutragen. Aber bis dahin sind die heutigen Staats-Paternalisten längst pensioniert, können also auch nicht mehr für die Folgen ihrer Fehlplanung politisch haftbar gemacht und bestraft werden.

Menschen überschätzen sich, wenn sie die Zukunft planen wollen. Das ist eine Kränkung, die vor allem den Eliten zu schaffen macht. Dabei weiß niemand, ob der Elektroantrieb wirklich dem Verbrenner überlegen ist und ob es nicht womöglich Alternativen zu beidem gibt – Wasserstoff, synthetische Kraftstoffe –, die noch überzeugender sind, die wir aber heute noch gar nicht kennen. Dass nach aller bisheriger Erfahrung die Zukunft zwar Ergebnis menschlichen Handelns, nicht aber menschlichen Entwurfs ist, könnte Anlass zur Gelassenheit gegenüber den Wegen und Umwegen der sozialen Evolution sein. Doch allein schon die Mahnung zu solcher Bescheidung versetzt die Alarmisten in hellen Aufruhr.

Quelle: F.A.S.
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