IAA und der Dieselskandal

Zu auswendig gelernten Antworten fehlen Fragen

Von Thorsten Winter
 - 13:19

Die junge Frau im knallroten Kleid am Stand von Citroen stutzt kurz. Zu überraschend kommt für sie die Frage. Das überrascht wiederum ihr Gegenüber, will es doch etwas zum Diesel wissen, also zu einem der Autothemen schlechthin in diesen Wochen: „Diesel? Ja, haben wir“, sagt die Hostess, als sie sich gesammelt hat, und versichert: „Alle schön sauber.“ Die Motoren der auf der Internationalen Automobil-Ausstellung ausgestellten Dieselmodelle der Schwestermarke von Peugeot erfüllten alle die Euro-Norm-6. Sie reinigten die Abgase mit dem Ad-Blue genannten Harnstoffgemisch und hätten zum Teil bessere Energieeffizienz-Werte als die Benziner. Alles schön gelernt während der Schulung für die Autoschau auf dem Messegelände in Frankfurt.

„Das ist ein wichtiges Thema“, sagt die junge Frau lächelnd. Wie viele Besucher ihr denn bisher Fragen zum Dieselmotor gestellt haben angesichts der Aufregung um zu hohe Stickoxidwerte in den Abgaben? „Sie sind der Erste“, antwortet die Hostess, die den zweiten Tag in Folge am Citroen-Stand steht. An den ersten beiden Tagen der IAA, die Journalisten und Vertretern anderer Autohersteller sowie Zulieferern vorbehalten sind, sei das Interesse an diesem Thema trotz des Skandals gering. Eine Kollegin nickt bestätigend.

„Gestern einer, heute zwei“

Nächster Versuch, bei Opel ein paar Stände weiter in Halle 8. Dort rasseln die für die Autoschau geschulten Mitarbeiter die Basisdaten auf Anfrage freundlich herunter. Vor der IAA seien sie ausdrücklich auf Fragen zum Diesel-Skandal vorbereitet worden, heißt es. Schließlich sah sich auch die Marke mit dem Blitz eine Zeitlang dem Verdacht ausgesetzt, mit einer unerlaubten Software im Abgasstrang die Schadstoffwerte manipuliert zu haben. Der Verdacht ist ausgeräumt worden, doch im Zweifel bleibt in den Köpfen immer etwas hängen. Und immerhin berichtet einer von drei befragten Opel-Mitarbeitern, Besucher hätten ihm schon gezielt Fragen nach dem Diesel gestellt. „Gestern einer, heute zwei.“ Also auch nicht gerade die Masse.

Hostessen am Stand von Hyundai vermitteln ein ähnliches Bild. Es kämen ab und an schon Fragen zum Selbstzünder – aber die meisten gäben sich mit Standardinformationen zufrieden. Und die lauten: Schon jetzt erfüllten die Dieselmotoren der südkoreanischen Marke, deren Vertrieb in Deutschland von Offenbach aus gesteuert wird, die Euro-6-Norm, und 2018 führe Hyundai die Abgasreinigung per Ad-Blue ein und löse die Katalysatortechnik ab. Auf tiefergehende Fragen können die in cremefarbene Kleider mit blauer Schleife gehüllten Mitarbeiterinnen am Stand im Zweifel reagieren, indem sie per Tablet ein umfangreiches Dokument zu Rate ziehen.

Brite lobt Chef der Opel-Mutter

Doch wer will es schon genau wissen? Ein Japaner, der für Honda arbeitet, hat nach eigenem Bekunden vom Diesel-Skandal noch nichts gehört, ein Südkoreaner, der bei Hyundai vorbeischlendert, weiß immerhin grob, um was es geht. Aufregung: Fehlanzeige. Selbst am Stand der tief in den Diesel-Skandal verstrickten Volkswagen-Tochter Audi, die 850 000 Dieselautos zurückruft, herrscht plakativ Gelassenheit: Nicht eine einzige Frage haben sie bisher zu diesem Thema beantworten müssen, wie eine junge Frau und ihr Kollege, beide im dunklen Anzug mit weißem Hemd, versichern.

Doch nicht alle IAA-Besucher lässt der Skandal kalt. Ein Journalist vom „Daily Telegraph“ zeigt sich erstens voll im Bilde und zweitens meinungsstark. Wenn nun etwa VW eine Elektro-Auto-Offensive ankündige und ein europäisches Batteriebündnis anrege, dann wirke das wie „Greenwashing“ des Konzerns, der in Amerika hohe Strafen zahlen müsse. Nicht nur in Deutschland sei der Diesel in Verruf geraten – in Großbritannien seien die Neuwagenverkäufe in diesem Segment zuletzt um ein Fünftel eingebrochen. „Die Leute laufen vom Diesel weg.“ Eine eilige Hinwendung zum E-Auto berge indes große Risiken für Firmen, Mitarbeiter und Politik. Doch als einziger Automanager traut sich derzeit Carlos Tavares, Chef der Opel-Mutter PSA, dies auch offen anzusprechen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Winter, Thorsten (thwi)
Thorsten Winter
Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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