Dieselaffäre

Ehemaliger Porsche-Vorstand in Untersuchungshaft

 - 15:03

Infolge des Abgasskandals hat die Münchner Staatsanwaltschaft einen weiteren ranghohen Manager des Autokonzerns Volkswagen festgenommen. Oberstaatsanwältin Andrea Grape bestätigte der F.A.Z., dass der Beschuldigte schon dem Ermittlungsrichter vorgeführt worden ist und sich in Untersuchungshaft befindet. Sie sagte, dass Ermittler schon am Mittwoch zwei Privatwohnungen von Beschuldigten durchsuchten und mindestens eine Person verhaftet wurde. Angaben zur Identität des Verhafteten machte die Sprecherin nicht.

Wie zu hören ist, soll es sich um Wolfgang Hatz handeln. Der Ingenieur war bis zum Bekanntwerden des Dieselskandals im September 2015 Forschungs- und Entwicklungsvorstand von Porsche sowie Leiter der Aggregateentwicklung des Volkswagen-Konzerns. Damit war der 58 Jahre alte Hatz nicht nur einer der wichtigsten Verantwortlichen für die Motoren-Entwicklung, er galt auch als Vertrauter des ehemaligen Konzernchefs Martin Winterkorn. Die Verteidigungsstrategie von Volkswagen, wonach der Vorstand nichts von den Manipulation der Motoren gewusst habe, gerät damit unter Druck.

Mit den jüngsten Durchsuchungen ist der Kreis der verdächtigen Personen, die von den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen im Zusammenhang mit den Manipulationen der Abgaswerte betroffen sind, ausgeweitet worden. Gegen zahlreiche Manager des Konzerns laufen Ermittlungen, zwei Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft. Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft wollte sich auf Nachfrage nicht dazu äußern, wer darüber hinaus von der Ausweitung der Ermittlungen der Behörden betroffen ist. Amtierende oder frühere Vorstände des Automobilbauers aus Ingolstadt gehörten nicht dazu. „Unter den Beschuldigten befinden sich weiterhin weder aktuelle Vorstandsmitglieder der Audi AG noch ehemalige Mitglieder der Audi AG“, erklärte sie.

Eine neue Stufe

Und doch erreicht mit der Verhaftung von Hatz die Aufklärung der Hintergrunde der Manipulationen und der mutmaßlich für den Skandal Verantwortlichen eine neue Stufe. Denn der heute 58 Jahre alte Manager hat an vielen Positionen des Zwölf-Marken-Konzerns mitgewirkt. Bei Audi, VW und Porsche trug er Verantwortung für die Motorenentwicklung. Von 2001 bis 2007 war er Chef dieser Abteilung in Ingolstadt. Im Anschluss wechselte er zur Muttergesellschaft nach Wolfsburg, dort verantwortete er die Aggregate-Entwicklung im VW-Konzern und war zugleich Generalbevollmächtigter der Volkswagen AG. 2011 zog Hatz in den Vorstand der Porsche AG ein, als Verantwortlicher für Forschung und Entwicklung. Diese Position hatte er bis zu seiner Beurlaubung im September 2015 inne.

Vor allem seine Zeit bei Audi dürfte für die Ermittler von großem Interesse sein. Denn die Marke mit den vier Ringen gilt als die Keimzelle des Dieselbetrugs. Hier wurde jene Betrugssoftware entwickelt, die zur Verschleierung von Dieselabgasen benötigt wurde – und die in mehr als 11 Millionen Autos des Volkswagen-Konzerns eingesetzt worden ist. Als Hatz noch für Audi arbeitete, berichtete Ulrich Weiß an ihn, der früheren Leiter der Audi-Motorenentwicklung in Neckarsulm. Enger Mitarbeiter von Weiß war wiederum Giovanni Parmio. Gegen den Italiener ermittelt die Staatsanwaltschaft München II wegen des Verdachts auf Betrug und strafbarer Werbung.

Der Audi-Techniker gilt den Strafverfolgern als Schlüsselperson: Er soll neben anderen Beschuldigten dazu beigetragen haben, die amerikanischen Umweltbehörden jahrelang mit manipulierten Schadstoffwerten über den wahren Abgasausstoß der fraglichen 83.000 Drei-Liter-Dieselmotoren zu täuschen. Seine Aussagen können für den Audi-Vorstand durchaus brisant sein, sollte sich in den weiteren Ermittlungen der Münchner Strafverfolger herausstellen, dass die Motoreningenieure auf Anweisung gehandelt haben. Der Anwalt des Beschuldigten erklärte schon, dass sein Mandant nicht die unternehmenspolitische Entscheidung treffen konnte.

Razzia im März

Parmio sitzt seit Anfang Juli in Untersuchungshaft. Wie Weiß wurde auch er unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Dieselskandals Ende 2015 von seiner Arbeit freigestellt, im Frühjahr 2017 folgten die fristlosen Kündigungen. Über die neuerliche Entwicklung hat Audi „keine weiteren Erkenntnisse“, wie ein Unternehmenssprecher gegenüber der F.A.Z. sagte. „Bei uns hat es keine weiteren Durchsuchungen gegeben.“

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt seit dem Frühjahr 2016 im Dieselskandal. Im März dieses Jahres durchsuchten Ermittler Produktionsstätten von Audi in Ingolstadt und in Neckarsulm. Auch die VW-Konzernzentrale in Wolfsburg und die Büroräume der Kanzlei Jones Day wurden durchsucht und Daten beschlagnahmt. VW und Jones Day wehrten sich gegen diese Vorgänge vor Gerichten. Ende Juli entschied das Bundesverfassungsgericht: Die während der Razzia sichergestellten Akten dürften vorerst nicht als Beweismittel verwendet werden. Ein Zugriff der Ermittler ist er ab kommenden Jahr möglich.

Anmerkung der Redaktion

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung konnte weder Herr Hatz noch sein Rechtsanwalt für eine Stellungnahme erreicht werden. Zwischenzeitlich haben wir Kenntnis von einer Stellungnahme des Verteidigers von Herrn Hatz erhalten, welche wie folgt lautet: „Der einzige Belastungszeuge sitzt seit Monaten in U-Haft und versucht alles, um dort herauszukommen. Nur deshalb beschuldigt er unseren Mandanten. Seine Vorwürfe entbehren jeder Grundlage.“

Quelle: cag./hpe./mj.
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