Selbstfahrende Autos

Testen für das Netz der Zukunft

Von Martin Gropp
 - 12:58

Wenn es stimmt, dass Daten der Rohstoff des 21. Jahrhunderts, sind, dann hätten die Universität Aachen, der Kreis Düren und der Telekommunikationskonzern Vodafone den Ort für ihr Mobilitätstestfeld kaum besser wählen können. Das Feld befindet sich auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche in Aldenhoven, nordöstlich von Aachen. Es spiegelt damit den Übergang von der alten in die neue Zeit: Wo noch bis vor 25 Jahren Bergarbeiter Steinkohle zu Tage förderten, proben heute eine ganze Reihe von Forschungseinrichtungen oder Unternehmen, wie sich aus dem neuen Rohstoff Gewinn ziehen lassen könnte.

Der Ort dafür ist das „5G Mobility Lab“ von Vodafone. Vor rund einem Jahr hat der Netzbetreiber begonnen, das Mobilitätslabor aufzubauen. Seit Anfang dieses Monats können dort nun Autozulieferer oder Fahrzeugproduzenten Erfahrungen sammeln, wie sie mit der nächsten Mobilfunkgeneration 5G Autos und Infrastruktur miteinander vernetzen können, um neue Fahrerassistenzsysteme bis hin zu automatisierten Fahrfunktionen zu entwickeln. Die fünfte Generation des Mobilfunks wollen die Netzbetreiber voraussichtlich bis zum Jahr 2020 zur Marktreife bringen.

„In unserer Vision gibt es diese Verkehrstoten nicht mehr“

Auf dem Testfeld in Aldenhoven stehen derzeit vier Anwendungsszenarien im Mittelpunkt – von der „Landstraße der Zukunft“ über die „Kreuzung der Zukunft“ und die „Bergkuppe der Zukunft“ bis zum „Parkplatz der Zukunft“. In allen spielt die Vernetzung eine grundlegende Rolle. Auf der vernetzten Kreuzung erkennen die Autos zum Beispiel, wenn ein Fußgänger plötzlich zwischen parkenden Fahrzeugen hervortritt und bremsen dann automatisch ab. Auf der vernetzten Landstraße nutzen hinter einem Lastwagen her fahrende Autos dessen nach vorne gerichtete Kamera. So soll der Hintermann erkennen können, wann die Gegenfahrbahn frei ist, um gefahrlos zu überholen. Und wenn es um das Park-Szenario geht, muss der Testfahrer gar nicht mehr am Steuer sitzen. In der Zukunftsvision soll ein automatisiert fahrendes Auto alleine zu einem freien Parkplatz finden.

Laut Hannes Ametsreiter, dem Geschäftsführer von Vodafone Deutschland, hat das Telekommunikationsunternehmen ein höheres Ziel angetrieben, das Testfeld aufzubauen. „Heute sterben jeden Tag neun Menschen im Straßenverkehr in Deutschland. Unsere Vision ist eine Welt, in der es diese Verkehrstoten nicht mehr gibt“, sagt Ametsreiter. Diese Ideen seien keine Hirngespinste mehr, sondern würden sehr bald schon Realität sein. „Deshalb ist es wichtig, diese neuen Möglichkeiten zu testen und dadurch stetig zu verbessern.“ Umsonst sind die Probeläufe nicht. Eine Stunde Testfeldnutzung kostet zwischen 80 und 400 Euro – je nachdem, ob Unternehmen oder Wissenschaftler die Teststrecke und die dazugehörige Netzinfrastruktur für sich alleine nutzen wollen oder nicht.

Die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen ist für Vodafone nicht das einzige Ziel. „Wir vernetzen alles, was Räder hat: Autos, Motorräder, Fahrräder. Und natürlich ist das für uns ein Wachstumsfeld“, sagt Ametsreiter. Vodafone habe bisher schon mehr als zehn Millionen Autos in Europa mit einem Netzanschluss versorgt. „Wenn wir aber gleichzeitig die Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen, Staus verhindern oder Emissionen senken, ist das auch für die Gesellschaft von enormem Vorteil.“ Wie viel Geld das Unternehmen investiert hat, verrät es nicht.

Die Mischung aus Geschäftspotential und gesellschaftlichem Nutzen haben auch andere Unternehmen und Forschungseinrichtungen entdeckt. So hat sich die Deutsche Telekom mit der Fraunhofer Gesellschaft in Berlin zusammengetan, um aus der deutschen Hauptstadt auch die 5G-Hauptstadt hierzulande zu machen. Auch Vodafone ist an der Berliner 5G-Initiative beteiligt. In der saarländischen Stadt Merzig testet die Telekom wiederum eine Lösung, die künftig die Parkplatzsuche erleichtern soll. In den vergangenen Monaten haben T-Systems, eine Tochtergesellschaft des Netzbetreibers, sowie das Bauunternehmen Strabag in einer Straße und auf einem Platz in Merzig insgesamt 30 Sensoren verbaut.

Die Sensoren werden bis Ende des Jahres aufzeichnen, ob ein Parkplatz belegt oder frei ist. So will die Telekom Erfahrungen sammeln, ob sich die Sensoren tatsächlich dazu nutzen lassen, den Parkplatzsuchverkehr in Städten zu verringern. Die Suche nach freien Stellplätzen verbraucht derzeit oft viel Zeit und ist vor allem mit Emissionen verbunden, die sich einsparen ließen. Auch deshalb nennt die Autobranche diese Verkehrsart oft als einen Ansatzpunkt, um etwa den Ausstoß des Klimagases Kohlendioxid oder des Luftschadstoffs Stickoxid in den Städten zu verringern.

Und wie viel kostet das?

Den Verkehr auf Überlandfahrten effizienter und sicherer zu gestalten ist schließlich das Ziel des „Digitalen Testfelds Autobahn“, den das Bundesverkehrsministerium schon vor zwei Jahren einrichtete. Auf einem Abschnitt der A9 in Bayern finden derzeit ebenfalls schon eine Reihe von Erprobungsfahrten statt. Auch hier sind wiederum Netzbetreiber wie Vodafone, Telekom oder auch Telefónica Deutschland beteiligt. Dazu kommen Netzwerkausrüster wie Nokia oder Ericsson, Forschungseinrichtungen wie die Technische Universität Dresden oder das Fraunhofer Institut sowie eine Reihe von Autoherstellern – von Audi, BMW bis zum japanischen Konkurrenten Toyota.

Geht es nach Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter reicht es aber nicht nur aus, die neuen Anwendungsmöglichkeiten intensiv zu testen. „Die Herausforderungen sind vielfältig und groß – von den Investitionen in unser Glasfasernetz bis zur neuen Technik, die wir in unsere 5G-Stationen einbauen werden“, sagt Ametsreiter.

Wie viel dieser Ausbau hin zum neuen Mobilfunkstandard kosten wird, steht noch nicht fest. Ebenso wenig ist klar, ob er sich am Ende auch für die Netzbetreiber auszahlen wird. Denn irgendwann werden sie für die mit dem Standard verbundenen Lizenzen bieten müssen. „Deshalb ist es für die ganze Branche mit Blick auf die Vergabe von neuen Mobilfunklizenzen wichtig, dass diese nicht zu viel kostet“, sagt Ametsreiter. Nur so habe die Branche genug Geld, „um die Investitionen in die Zukunft stemmen zu können“.

Quelle: F.A.Z.
Martin Gropp - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Martin Gropp
Redakteur in der Wirtschaft.
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