Tierversuche bei Volkswagen

Klappe auf, Affe tot?

Von Uwe Marx und Roland Lindner
 - 20:19

Dass die Verwendung von Affen in Tierversuchen keine Bagatelle ist, zeigt schon die große Empörung über derartige Versuche im Auftrag deutscher Autohersteller. Dass sie eine Ausnahme ist, zeigt ein Blick in die Statistik: Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft wurden 2016 hierzulande 2 Millionen Tiere in Versuchen eingesetzt, 79 Prozent davon waren Nagetiere, vor allem Mäuse und Ratten. Dahinter folgten Fische (12 Prozent), Kaninchen (5 Prozent) und Vögel (2 Prozent). Und die Affen? 2016 wurden 2462 Affen und Halbaffen verwendet, weniger als im Vorjahr (3141). Menschenaffen sind außen vor, sie wurden in Deutschland zuletzt 1991 für wissenschaftliche Zwecke verwendet.

Stefan Treue, Direktor des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen, sagte der F.A.Z., dass in Deutschland nur jedes 2000. Versuchstier ein Affe ist – und dass die Anforderungen an solche Tests hoch sind. Vereinfacht gilt: Was an einem Regenwurm erforscht werden kann, darf nicht an einer Maus erforscht werden, was mit einer Maus funktioniert, darf nicht am Affen getestet werden. Deren Einsatz muss gut begründet sein. Natürlich sei es „essentiell“, die Giftigkeit von chemischen Substanzen zu ermitteln, ob Medikamente, Farben oder eben Abgase; das fordere die EU. Aber es gebe ethische Standards. Für jedes Tier müsse begründet werden, warum dieses und kein anderes herhalten müsse. Das gelte vor allem für Affen, die in 80 Prozent der Fälle in der Giftigkeitsprüfung eingesetzt würden, insbesondere in Tests von neuen Medikamenten.

Ergebnisse der Tests nicht veröffentlicht

Liegt da nicht der Verdacht nahe, dass die Versuche an Affen für Volkswagen und Co. in die Vereinigten Staaten delegiert wurden, weil dort die Hürden niedriger sind? Treue hegt zwar Zweifel, ob die ethischen Standards eingehalten wurden. Aber er sagt auch, dass die Unterschiede zwischen Deutschland und Amerika nicht besonders groß seien. Bei skeptischer Sichtweise könne man ein Ausweichen in die Vereinigten Staaten vermuten, bei wohlwollender Sichtweise gebe es eine harmlosere Erklärung: Die technischen Voraussetzungen seien dort einfach besser gewesen.

Tilo Weber, Referent für Alternativmethoden zu Tierversuchen beim Deutschen Tierschutzbund, sagt: „Es ist dubios, dass die Ergebnisse der Tests nicht veröffentlicht wurden.“ Ohnehin seien Inhalationsversuche an Affen eher unüblich. In Europa müsse in Tierversuchen bewiesen werden, dass etwas nicht gesundheitsschädlich sei, um auf den Markt zu kommen. In Amerika müsse bewiesen werden, dass etwas schädlich sei, um dann eventuell vom Markt genommen zu werden. „Da liegen natürlich ganz andere ökonomische Interessen dahinter.“

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Fragwürdige StudieBreite Kritik an Abgasversuchen

Experimente an 820.000 Tieren in Amerika

Volkswagen und Co. sind nicht die ersten Autohersteller, die mit solchen Experimenten für Schlagzeilen sorgen. Anfang der neunziger Jahre geriet General Motors in Erklärungsnot, als bekanntwurde, dass er in Unfalltests Ratten, Hunde, Schweine, Kaninchen und andere Tiere eingesetzt hat. Die „New York Times“ schrieb, dass in diesen Tests 19.000 Tiere umgekommen seien. Die Tierschutzorganisation Peta rief zum Boykott von General Motors auf, und der Autokonzern stellte diese Tierversuche ein.

Insgesamt ist die Zahl der Tierversuche in den Vereinigten Staaten zuletzt gestiegen. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums gab es 2016 Experimente an mehr als 820.000 Tieren, ein Zuwachs von 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Am häufigsten werden Meerschweinchen, Kaninchen und Hamster für Tierversuche eingesetzt, an vierter Stelle stehen Affen. Die Zahl der Affen, die in Tierversuchen eingesetzt werden, ist 2016 um 15 Prozent auf mehr als 70.000 gestiegen.

Quelle: F.A.Z.
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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