Vorwürfe gegen Amazon

Was tun mit Retouren?

Von Hanna Decker
 - 09:54

Die Meldung sorgte für Empörung: Versandhändler Amazon soll gigantische Mengen an Waren vernichten – obwohl sie eigentlich noch zu gebrauchen wären. So berichteten es „Frontal 21“ und die „Wirtschaftswoche“ am Dienstagabend. Waren im Wert von mehreren zehntausend Euro habe sie jeden Tag zerstören müssen, sagt eine Mitarbeiterin. Nicht nur Kleidung, sondern auch Waschmaschinen, Kühlschränke, Rasenmäher. Manchmal mit kleinen Macken, aber grundsätzlich neuwertig.

Amazon bestreitet nicht, dass Produkte vernichtet werden. Für den Versandhändler scheint die Entsorgung zumindest in einigen Fällen die günstigste Lösung zu sein. In einem Statement schreibt das Unternehmen: „Amazon engagiert sich dafür, Warenabfall zu vermeiden und arbeitet kontinuierlich an der Verbesserung von Nachfrageprognosen, um die Anzahl an nicht verkauften Artikeln zu minimieren.“ Für nicht verkaufte oder zurückgegebene Produkte gebe es mehrere Möglichkeiten.

Zurückgeschickte, kaum benutzte Produkte werden geprüft, falls erforderlich repariert, neu verpackt und „wann immer möglich“ über das Programm Amazon Warehouse weiterverkauft. Ist das nicht möglich, gibt Amazon nach eigener Aussage Produkte an die gemeinnützige Plattform Innatura weiter. Das gelte etwa für Spielzeug, Schuhe, Kleidung und Drogerie-Artikel; Lebensmittel würden an lokale Tafeln weitergeleitet.

Das Problem: Darauf fällt nach Recherchen von „Frontal 21“ 19 Prozent Umsatzsteuer an. Die Sendung rechnet vor, dass etwa auf Shampoo im Wert von 100.000 Euro 19.000 Euro Umsatzsteuer fällig werde, die Entsorgung aber nur 5000 Euro koste. Amazon weist darauf hin, dass es mit Aufkäufern von Restbeständen zusammenarbeitet, wenn Produkte nicht verkauft, weiterverkauft oder gespendet werden können. Die würden die Waren dann über andere Kanäle weiterverkaufen.

Otto-Rücksendezentrum in Hamburg

Nicht nur für Amazon sind Retouren ein Problem. Besonders oft wird Kleidung und Konsumelektronik zurückgeschickt, nach Angaben des Dienstleisters Hermes Fulfilment gehen etwa 40 Prozent der Kleidungsstücke zurück. Die Otto-Friedrich-Universität Bamberg schätzt, dass in Deutschland jedes Jahr 280 Millionen Rücksendungen zusammenkommen. Möglich macht es das Widerrufsrecht. In Deutschland können Verbraucher zwei Wochen lang Artikel ohne Begründung zurückgeben. Viele Onlinehändler zeigen sich kulant und übernehmen auch das Porto für die Retouren. Denn ansonsten springen die Kunden ab.

Umsatzstärkster Online-Shop für Bekleidung in Deutschland ist die Otto-Gruppe. Gemeinsam mit ihren Tochterunternehmen Bon Prix, Baur und About You kam sie im vergangenen Jahr auf 1,94 Milliarden Euro Umsatz, weit vor Zalando. Im Hamburger Stadtteil Bramfeld hat sie eines der größten Rücksendezentren Europas gebaut. Bis zu 50 Millionen Artikel werden dort jährlich abgewickelt, täglich können es bis zu 200.000 sein. Allein die Verarbeitung der Retoure am Standort kostet dem Unternehmen zufolge pro Artikel einen Euro, Transportkosten kommen noch oben drauf.

Ziel des Konzerns ist es deshalb, die Zahl der Rücksendungen zu reduzieren. Kunden werden etwa mit dem Hinweis „der Umwelt zuliebe“ auf das Problem aufmerksam gemacht, sobald sie das gleiche Kleidungsstück in drei oder mehr Größen in den Warenkorb legen. Dadurch sei die Retourenquote schon signifikant gesenkt worden.

Zurückgeschickte Artikel werden vom Onlinehändler in der Regel nicht gewaschen, sondern wenn überhaupt nur aufgebügelt, ordentlich gefaltet und dann wieder eingeschweißt. 95 Prozent aller Retouren müssen dem Unternehmen zufolge überhaupt nicht behandelt werden. Stark verschmutzte Ware hingegen lande in der Altkleidersammlung.

Zalando hingegen – nach Otto mit Abstand zweitgrößter Online-Versandhändler in Deutschland (1,23 Milliarden Euro Umsatz) – hat seinen Retourenservice gerade erst noch ausgeweitet. Kunden des Premium-Programms Zalando Plus müssen ihre Pakete nicht mehr zur Post bringen, sondern können sie sogar von zu Hause abholen lassen. Mangelhafte Ware – etwa mit fehlenden Knöpfen – verkauft das Unternehmen immerhin in seinen Outlet Stores weiter.

Quelle: FAZ.NET
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