CES-Rede des Intel-Chefs

Mehr gibt’s zur Chip-Lücke nicht zu sagen, Herr Krzanich?

Von Roland Lindner, Las Vegas
 - 10:47

Wohl selten dürfte ein Vortrag von Brian Krzanich mit so viel Spannung erwartet worden sein. Schon seit Monaten stand fest, dass der Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Halbleiterkonzerns Intel am Montagabend die Eröffnungs-„Keynote“ auf der Elektronikmesse CES halten sollte, aber der Auftritt bekam in den vergangenen Tagen eine ganz neue Brisanz: Enthüllungen über gravierende Sicherheitslücken in Mikroprozessoren seines Unternehmens haben ihn in Erklärungsnot gebracht.

Die Schwachstellen setzten Milliarden von Geräten von Smartphones über Personalcomputer bis zu Großrechnern in Unternehmen dem Risiko von Hacking-Angriffen aus, es ist eine der größten Sicherheitslücken, die es jemals in der Computerindustrie gab. Für Krzanich bekam das Ganze einen zusätzlichen schalen Beigeschmack, weil er vor wenigen Monaten einen großen Teil seiner Intel-Aktien verkauft hat - just zu einem Zeitpunkt, als dem Unternehmen die Anfälligkeit seiner Chips schon bekannt war.

FAZ.NET erklärt: Was hinter der Chip-Lücke steckt.

Die große Frage war also, ob und in welcher Form das Thema nun zur Sprache kommen würde. Krzanich kehrte die Kontroverse nicht unter den Teppich und sprach sie sogar ganz am Anfang seiner Rede an. Er tat es aber auf eine sehr eigenartige Art und Weise und zeigte sich keineswegs zerknirscht. Er begann seine Ausführungen mit einem Dank an die Industrie, zusammen an dieser „branchenweiten Angelegenheit“ gearbeitet zu haben, die „mehrere verschiedene Prozessorarchitekturen“ betreffe. Das sei schon „wirklich bemerkenswert“ gewesen, sagte er.

Krzanich ließ dabei im Hintergrund ausgewählte Ausschnitte von Stellungnahmen einblenden, die verschiedene Technologieunternehmen wie Microsoft oder Amazon in den vergangenen Tagen zu den Sicherheitslücken abgegeben haben und in denen teils auch die Namen von Intels Wettbewerbern Advanced Micro Devices und ARM vorkamen. Er erweckte damit den Eindruck, Intel habe mit der Sache nicht mehr und nicht weniger zu tun als andere Unternehmen auch.

Chip-Sicherheitslücke
„Das wird ziemlich teuer“
© FAZ.NET, FAZ.NET

Das deckt sich freilich nicht ganz mit den Ausführungen der Sicherheitsexperten, die die Anfälligkeit der Mikroprozessoren für Hacking-Angriffe ans Licht gebracht haben. Bei einer der beiden Schwachstellen, die den Namen „Spectre“ trägt, kamen sie tatsächlich zu dem Schluss, dass alle Prozessoren verwundbar seien. Die andere Sicherheitslücke „Meltdown“ wurde von den Forschern aber nur bei Intel festgestellt, wenngleich nicht ausgeschlossen wurde, dass auch andere Anbieter betroffen sein könnten.

Der Rest kommt Ende Januar

Auf solche Nuancen ging Krzanich aber nicht weiter ein und beteuerte, es habe höchste Priorität für Intel, die Sicherheit von Daten zu gewährleisten. Es gebe bislang keine Hinweise dafür, dass Hacker die Schwachstellen ausgenutzt hätten, und Intel arbeite „unermüdlich“ daran, dass dies auch so bleibe.

Er riet, möglichst unverzüglich aktualisierte Software herunterzuladen, die Intel und Partnerunternehmen entwickeln, um das Problem zu beheben. Intel erwarte, bis Ende dieser Woche Updates für mehr als 90 Prozent der in den vergangenen fünf Jahren herausgebrachten Chips zu haben. Der Rest solle bis Ende Januar folgen.

Zu den Sorgen, die Updates könnten Computer deutlich langsamer machen, sagte Krzanich, dies hänge von der Arbeitsbelastung der Geräte ab. Intel werde mit seinen Partnern daran arbeiten, etwaige Leistungseinbußen zu minimieren. Manche Unternehmen wie Apple oder Google haben mitgeteilt, ihre Updates hätten zu keinen nennenswerten Beeinträchtigungen geführt.

Eine neue Abteilung für Sicherheitsfragen

Wie vielleicht nicht anders zu erwarten war, ließ Krzanich seine Aktienverkäufe ganz unerwähnt. Intel hatte in der vergangenen Woche schon knapp verlauten lassen, diese Transaktionen hätten nichts mit den Sicherheitslücken zu tun. Im Zuge des Bekanntwerdens der Bedrohung hat die Aktie von Intel in der vergangenen Woche an Wert verloren. Dagegen ist der Kurs des Konkurrenten AMD gestiegen.

Intel sieht sich mittlerweile im Zusammenhang mit den Enthüllungen auch mehreren Klagen gegenüber. Und intern zieht Intel offenbar weitere Konsequenzen aus der Affäre. Amerikanischen Medienberichten zufolge hat Krzanich seiner Belegschaft mitgeteilt, er wolle eine neue Abteilung ins Leben rufen, die sich mit Sicherheitsfragen beschäftigen soll. Intel hat das nicht bestätigt.

In seiner Rede in Las Vegas leitete der Manager nach wenigen Minuten zur Tagesordnung über, indem er sagte, wenn die Industrie wie jetzt in dieser Angelegenheit zusammenkomme, dann gebe es „endlose Möglichkeiten“. Das war für ihn das Stichwort, um den Blick in die Zukunft zu richten und Dinge vorzustellen, an denen Intel arbeitet.

Wie meistens bei seinen Auftritten in den vergangenen Jahren war dabei von den traditionellen Einsatzgebieten der Intel-Chips wie Personalcomputern nicht allzu viel zu hören, und er konzentrierte sich stattdessen auf futuristische Anwendungen. Er ließ 100 Mini-Drohnen für eine Lichtershow im Saal herumfliegen und sagte, dies werde Intel einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde bescheren.

„Das war fantastisch“

Er sprach über Initiativen auf dem Gebiet des autonomen Fahrens und stellte dabei Mobileye in den Mittelpunkt, den israelischen Sensor- und Kameraspezialisten, den Intel unlängst für mehr als 15 Milliarden Dollar gekauft hat. Und er zeigte, wie Intel bei den bevorstehenden Olympischen Winterspielen „Virtual Reality“-Übertragungen von Wettbewerben ermöglichen will, die Zuschauern das Gefühl geben sollen, sie seien direkt vor Ort.

Gegen Ende der fast zweistündigen Veranstaltung gab es auch noch einen deutschen Gast: Krzanich holte Florian Reuter auf der Bühne, den Vorstandschef von Volocopter. Das junge Start-up-Unternehmen aus Bruchsal nahe Karlsruhe, zu dessen Investoren Intel gehört, ist auf hubschrauberähnliche Drohnen spezialisiert, die vertikal abheben und landen können und als Flugtaxis gedacht sind. Es absolvierte vor wenigen Monaten seinen ersten autonomen Flug in Dubai.

Krzanich zeigte in Las Vegas ein Video, in dem er den Volocopter selbst ausprobiert. „Das war fantastisch“, sagt er darin am Ende des Fluges begeistert. Und es war sicher ein angenehmeres Abenteuer als das Krisenmanagement um Sicherheitslücken, mit dem er sich im Moment herumschlagen muss.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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