Cebit 2018

Deutsche Angst vor neuen Technologien?

Von Jonas Jansen und Thiemo Heeg, Hannover
 - 18:42

Chancen und Risiken der Digitalisierung – dieses Thema prägt jede Diskussion auf der Computermesse Cebit. Noch immer haben die Deutschen zu viel Angst vor der digitalen Zukunft, sagen Kritiker in Hannover. Und Politiker versuchen sich als Mutmacher – wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), der in Vertretung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in diesem Jahr die Messe eröffnete.

Gleich in seiner Eröffnungsrede am Montagabend und auch auf seinem Rundgang am Dienstag über die Technikmesse machte er sich vor allem für Künstliche Intelligenz „made in Germany“ stark. KI sei eine Basisinnovation, die alle anderen Innovationen überflügele und beiseite dränge, sagte Altmaier: „Wir werden mehr Menschen brauchen, die vor neuen Technologien keine Angst haben und sie weiterentwickeln.“

Es gehe nicht nur um die Ausbildung im eigenen Land. Deutschland müsse dafür sorgen, dass auch ausländische Entwickler attraktive Angebote bekämen und nicht nur darauf hoffen, dass deutsche Talente ins Ausland gezogen würden. „Sonst werden wir diese Auseinandersetzung nicht gewinnen“, sagte der Minister. Nicht nur in seiner Rede, auch während seiner Messevisite zeigte sich der Ressortchef an Unternehmensständen betont lässig, klopfte Jungunternehmern auf die Schultern und posierte mit hoch gestrecktem Daumen für Fotos.

Bloß nicht abgehängt werden

Auch Digitalministerin Dorothee Bär (CSU) versuchte es auf ihrem Rundgang mit Selbstironie. In einem Interview hatte sie sich kurz nach ihrer Ernennung für die Entwicklung von Flugtaxis eingesetzt. Am Stand des Chipherstellers Intel steht auf der Cebit ein solches herum. Das Start-up Volocopter hat dort ein Fluggerät ausgestellt, das aber am Boden bleibt. Bär nahm darin am Dienstag demonstrativ Platz.

Für die wirklich politischen Aussagen war auf der Cebit daher der Blick weg von den politischen Inszenierungen auf dem Rundgang nötig. Neben Künstlicher Intelligenz und den neuesten Entwicklungen zum autonomen Fahren geht es in Hannover auch darum, wie Deutschland es schafft, in der Digitalisierung nicht abgehängt zu werden.

Ein besonders schlechtes Zeugnis stellte Frank Riemensperger, Deutschlandchef von Accenture, den Unternehmen aus. „Wir sind in Deutschland noch nicht besonders weit gekommen, digitale Geschäftsmodelle zu bauen“, sagte Riemensperger. Deutsche Unternehmen seien sehr gut darin, ihre Produktion zu organisieren und dort jedes Jahr 1 bis 2 Prozent zu wachsen. „Aber etwas Neues passiert nicht, in vielen Bereichen sind wir nicht disruptiv.“

Wie kann man Vertrauen schaffen?

Riemensperger lud ein, verstärkt in Plattformen denken. „Was können wir gut in Deutschland? TÜV zum Beispiel: Aber wie kriegen wir das Angebot noch digitaler hin?“ Der Accenture-Chef ging auf der Konferenzbühne der Cebit äußerst kritisch mit seinen Managerkollegen ins Gericht. Deutschland sei schlecht darin, digitale Produkte zu monetarisieren. Ein erster Schritt, so sein Vorschlag: Unternehmen sollten ihre Umsätze getrennt ausweisen und damit den Digitalumsätzen mehr Aufmerksamkeit geben. Riemensperger warb dafür, sich in der Debatte um Technologie nicht von Ängsten treiben zu lassen. „Der Nutzen kommt am Ende nicht aus dem leeren Algorithmus, sondern aus dem, der viele Daten hat. Die müssen irgendwo herkommen.“

Dass das aber nicht immer so leicht zu erreichen ist, machte Datev-Chef Robert Mayr deutlich. Die Datev hat in ihren Rechenzentren Daten von rund 2,5 Millionen deutschen Unternehmen, von 12 Millionen Deutschen werden die Löhne von dem Dienstleister für Steuerberatung verwaltet. „In Data Analytics gilt immer der Grundsatz: Viel hilft viel“, sagte Mayr. Aber sein Unternehmen habe nun einmal ein Versprechen abgegeben: „Wir werden mit diesen Daten nicht handeln.“ Zwar sei es ein enormer Datenschatz, der aber mitunter auch Grenzen habe.

Wie man solche Grenzen überwinden kann, versuchte Ginni Rometty, die Vorstandsvorsitzende von IBM, zu erklären. Jeder rede über „big data“, dabei gehe es nicht um die Größe des Datenberges, sondern darum, ob man ihn klug analysiere. Unternehmen hätten eine riesige Chance, aus Daten schlaue Schlüsse zu ziehen, dafür müssten sie sich aber wandeln. „In der Zukunft werden Unternehmen wie ein Ökosystem aus Plattformen aussehen“, sagte Rometty. „Aber das wird nur passieren, wenn die Menschen der Technologie vertrauen. Das ist die größte Aufgabe unserer Zeit, dieses Vertrauen herzustellen.“

Junge Technologien fördern

Deshalb werde es ohne Transparenz auch keine erfolgreichen Beispiele für Künstliche Intelligenz geben. KI müsse immer erklärbar bleiben. Den Nutzern müssten viele Daten zur Verfügung gestellt werden, um ihnen Antworten auf ihre Fragen zu geben: „Wer hat das System trainiert und mit welchen Daten wurde es trainiert? Und können Programmierer die Entscheidung der Maschine erklären? Diese Fragen müssen immer beantwortet werden können“, sagte Rometty.

Unterdessen hat der deutsche IT-Mittelstand angesichts der marktbeherrschenden Stellung einiger globaler Software-Giganten Alarm geschlagen. „Monopole oder Oligopole bedrohen die Vielfalt und den Mittelstand“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands IT-Mittelstand (BITMi), Oliver Grün. Der Branchenverband Bitkom veröffentlichte eine Studie zum Trendthema Cloud-Computing. Demnach hat sich die Technologie in den Unternehmen in Deutschland durchgesetzt, doch die Sorge um die Datensicherheit hält viele Betriebe noch immer von der Nutzung öffentlicher Cloud-Angebote ab. Nach der Umfrage haben 56 Prozent dieser Unternehmen Sorge, dass Daten verloren gehen.

Auf lange Sicht werde aber kaum ein Unternehmen auf die Nutzung von Cloud-Angeboten verzichten können, sagte Axel Pols von Bitkom Research. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) forderte die Politik auf, digitale Innovationen vorantreiben. „Deutschland braucht mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung, um junge Technologien wie Blockchain oder Deep Learning zu fördern“, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf.

Quelle: F.A.Z.
Jonas Jansen
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.
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