Virtual- und Augmented Reality

Die Revolution der Realität

Von Tobias Müller
 - 16:54

In den europäischen Alpen hängen wir an einer Steilwand; ohne Sicherung. Ein mulmiges Gefühl, denn unter uns befindet sich nichts außer der Abgrund. Mit bloßen Händen hangeln wir uns entlang vereister Vorsprünge und bröckelnder Steine. Ein falscher Griff oder ein Fehltritt und es reißt uns hinab in die Tiefe. Die Szenerie ist nicht echt — die Angst vor dem Fall allerdings schon.

Dem Gehirn wurde ein Streich gespielt, denn es unterscheidet nicht zwischen Realität und Fiktion. Aber was ist das denn überhaupt, „Realität“? In der Psychologie heißt es, Realität ist nur eine Interpretation dessen, was das menschliche Gehirn verarbeitet. Und so wird das Virtual-Reality-Spiel „The Climb“ von Crytek zu einer regelrechten Mutprobe.

Pascal Tonecker, Leiter von Cryengine Enterprice Solutions, entwickelt berufliche Anwendungen für Produkte virtueller (VR) und erweiterter (AR) Realität des Crytek-Konzerns. Er vergleicht die Nutzung der Technologien mit einem luziden Traum, also dem Zustand des bewussten Träumens während des Schlafs: „Wenn man im Traum fliegt, fühlt es sich echt an, auch wenn man weiß, dass man schläft. Denn die Eindrücke, die man über die Sinne aufnimmt, sind real.“

Würde man „The Climb“ hingegen auf einem Computer spielen, mit gewöhnlichem Flachbildschirm und mit Maus und Tastatur, würde das Gehirn die Täuschung erkennen: „Die Umgebung, vermutlich ein Zimmer, würde nicht zu dem dargebotenen Inhalt des Spiels passen“, sagt Tonecker.

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Diese Hürde umgehen die neuen Technologien um virtuelle und erweiterte Realität: VR-Technologien funktionieren mit geschlossenen Brillen, welche die Sicht auf die Außenwelt abschirmen. Das Gerät erkennt die Kopfbewegungen des Trägers und zeigt ihm über einen integrierten Bildschirm die entsprechende Perspektive auf eine programmierte Welt.

Die erweiterte Realität zeichnet sich indes dadurch aus, dass eine reale Umgebung mit Informationen oder Projektionen angereichert wird: „AR-Technologien fügen ein fiktives Objekt in die reale Umgebung ein.“ Der Begriff des Hologramms, bekannt aus Science-Fiction-Filmen, komme dem ziemlich nahe, so Tonecker. Erste Anwendungen findet die erweiterte Realität beispielsweise in Museen.

Schon Platon wusste, dass Realität subjektiv ist

Doch so futuristisch diese Technologien auch erscheinen, so uralt ist die Idee, die dahinter steckt: Heute „Immersion“ genannt, warf bereits in der Antike der griechische Philosoph Platon die Frage auf: „Was, wenn unsere wahrgenommene Umwelt nur ein Schatten einer höheren Realität ist?“

Er wäre verblüfft: Rund 2000 Jahre später ist der Mensch in der Lage, die von Platon beschriebene Immersion technologisch zu erzeugen. Doch dabei geht es um mehr als reine Unterhaltung. Ob in der Städteplanung, zu Ausbildungszwecken oder für die Erzeugung virtueller Geschäftstreffen: Die Technologien um VR und AR werden in den nächsten Jahren Anwendungen in unzähligen Branchen finden — und unser Verständnis von Realität völlig auf den Kopf stellen.

Besondere Chancen sieht Tonecker in der Anwendung für Ausbildungszwecke: „Es gibt schon längst Flugsimulatoren, in denen Piloten Flugstunden absolvieren.“ Mit den neuen Technologien könnten Auszubildende künftig noch zielgerichteter auf Aufgaben in ihrem Beruf vorbereitet werden: „Einem angehenden Arzt können beispielsweise die Auswirkungen auf den Körper seines Patienten dargestellt werden, wenn eine Operation fehlschlägt; Polizeianwärter können so in besonders fordernde Situationen wie Demonstrationen oder Terroranschläge versetzt werden.“

Und der technologische Fortschritt hört mit der Etablierungen von VR und AR nicht auf. Wissenschaftler loten beispielsweise aus, wie man neuronale Netze des Gehirns anzapfen kann. So ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Realität mit der Fiktion verschmilzt.

Quelle: FAZ.NET
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