IT-Chefin bei Goldman Sachs

„Mädels, lernt coden!“

Von Corinna Budras
 - 11:36

Frau Hannaford, Sie arbeiten seit 26 Jahren als Programmiererin. Was hat Sie in diese Männerdomäne gebracht?

Als ich Anfang der achtziger Jahre die weiterführende Schule in London besuchte, hatte ich eine ganz besondere Mathelehrerin, die sich gerade als Computerlehrerin ausbilden ließ. Sie war ein unglaubliches Vorbild für mich. Das war eine ältere Frau, die schon auf die Rente zuging und sich trotzdem dazu entschloss, etwas ganz anderes zu machen.

Was hat sie Ihnen beigebracht?

Programmieren in Reinform. Das Erste, was wir gemacht haben, war die Haushaltskasse unserer Eltern in den Computer einzupflegen. Damals war ich 14 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob das für meine Mutter wirklich so wichtig war, aber das war unsere erste Aufgabe. Das alles war so selbstverständlich für mich, dass für mich nie in Frage stand, dass Frauen auch programmieren können. Mir ist erst viel später bewusst geworden, dass das tatsächlich von vielen in Frage gestellt wird.

Welche Rolle spielten Ihre Eltern?

Mein Vater war selbst Ingenieur, er hat mich in dieser Frage immer sehr unterstützt. Ich kam von einer reinen Mädchenschule an die Hochschule und war umringt von Männern. Unter ungefähr 1000 Studenten gab es drei Frauen. Das war ein ziemlicher Schock. Glücklicherweise hatte ich immer weibliche Rollenvorbilder. Mein erster Arbeitsplatz war in der IT-Abteilung einer Bank, und die wurde von einer Frau geleitet. Wir brauchen nicht viele Rollenvorbilder, aber es hilft, wenn man sehen kann, wie eine Karriere aussehen kann.

Hatten Sie als Frau in einem Männerberuf jemals mit Diskriminierung zu kämpfen?

Ich habe wenig negative Erfahrungen gemacht. Das liegt daran, dass das Umfeld, in dem ich mich seit jeher bewegt habe, ein sehr professionelles ist. Das gilt sowohl für die Informatik als auch für die Finanzbranche. Aber natürlich, wenn Menschen anders sind, fühlen sie sich schnell isoliert. Da ist es egal, ob sie ein anderes Geschlecht haben, anders aussehen oder eine andere Muttersprache sprechen. Das gilt auch für mich. In London gehen die männlichen Kollegen gerne nach der Arbeit noch im Pub ein Bier trinken. Ich bin aber nicht der Typ dafür. Auch in anderen Situationen habe ich mich manchmal gefühlt, als gehöre ich nicht richtig dazu. Das lag aber nie am Team, sondern an der Natur der Sache. Was mir immer geholfen hat, ist, dass mir die Arbeit so viel Spaß macht. Bei Goldman Sachs kommt es in erster Linie auf Leistung an. Deshalb habe ich mich auch vor 20 Jahren für Goldman als Arbeitgeber entschieden, weil ich wusste, dass ich hier als Softwareentwicklerin Karriere machen kann.

Was schreckt andere Frauen dann ab?

Die jungen Hochschulabsolventinnen fürchten sich gar nicht so sehr vor der Komplexität der Aufgabe. Viele finden es sehr cool, Programmiererin zu werden. Was sie viel mehr beschäftigt, sind Fragen der Arbeitsatmosphäre, ob das Umfeld sozial genug ist. Wenn sie dann zu uns kommen, um ein Sommerpraktikum zu machen, lieben sie es und finden den Job phantastisch.

Trotzdem klagen die Tech-Unternehmen im Silicon Valley, dass sie nicht genug Frauen finden. Wo ist das Problem?

Es ist schon ein Unterschied, auf Tech-Konferenzen einen Vortrag zu halten, verglichen etwa mit der Finanzbranche. Das mag Sie überraschen, aber auf Tech-Konferenzen gibt es sehr wenig Frauen. Vielleicht hat das Silicon Valley auch deshalb Probleme damit, weil viele Unternehmen kleiner und jünger sind. Dort gibt es einfach noch keine eingespielten Prozesse. Ich halte das jedenfalls für komplett inakzeptabel. Es gibt sowieso schon unglaublich wenig exzellente Ingenieure. Wenn Sie dann auch noch die Hälfte der Weltbevölkerung als potentielle Mitarbeiter ausschließen, ist das eine ziemlich schlechte Geschäftsstrategie. Ich frage mich, ob solche Unternehmen langfristig überleben können. Wenn man zusammensitzt und ein Problem diskutiert und alle sind genauso wie du, wird auch keine andere Lösung dabei herauskommen. Sie brauchen unterschiedliche Ansätze, unterschiedliche Herangehensweisen. Nicht nur was das Geschlecht angeht, auch Unterschiede im Alter, in der Herkunft und der Bildung.

Aber wo bleiben denn die Frauen?

Ich finde das so frustrierend. Ich hatte eine phantastische Karriere, und ich schaue mich um und denke: Warum realisieren Frauen das nicht? Stattdessen werden sie Medizinerinnen und Chemikerinnen.

Auch nicht einfach.

Es ist sogar viel schwieriger. Aber inzwischen gibt es in Europa sogar weniger junge Frauen, die sich für diese technisch orientierten Fächer interessieren, als noch vor fünf Jahren. Dafür gibt es zwei Gründe: Der erste ist, dass an europäischen Schulen Programmieren immer noch nicht als Kernfach unterrichtet wird, das ist in den Vereinigten Staaten ganz anders. Der zweite ist, dass viele gar nicht wissen, welche faszinierenden Berufsmöglichkeiten es gibt. Vor fünf Jahren gab es die Stelle eines „Data Scientist“ noch gar nicht. Und jetzt gibt es Hunderttausende offene Stellen in diesem Bereich in ganz Europa. Dabei wurden die Ausbildungsmöglichkeiten dafür gerade erst geschaffen. Das ist schon ein Nachteil, dass man jetzt mit dieser großen Geschwindigkeit Schritt halten muss, in der neue Jobs durch die Technologie entstehen. Ich habe letztens ein großes Pariser Modeunternehmen gesprochen. Sie wollen sich ihre Lieferkette anschauen: Wer trägt in welchem Land gerade welche Art von Mode? Dafür suchen sie Datenanalysten. Ist das nicht ein unglaublich cooler Job?

Ist die Einstellung in Amerika wirklich so anders als in Europa?

Leider ja. Es ist eine Tatsache, dass in den Vereinigten Staaten an mehr Schulen „Computer Science“ unterrichtet wird. In Amerika unterstützen wir ein Sommer-Programm mit verschiedenen Highschools, das sich „Girls who code“ nennt. Wir bieten zwei zehnwöchige Programmierkurse für insgesamt 40 Mädchen an. In Europa wäre es schwierig, solche Kurse zu füllen, fürchte ich . . .

Glauben Sie?

Viele Schulen bringen den Kindern Computerprogramme bei: Word, Excel, all das. Aber Programmierkurse gibt es kaum, es gibt auch nicht genügend Informatiklehrer, selbst hier in Deutschland, wo das Ingenieurswesen einen sehr guten Ruf hat. Ich finde es ein wenig beängstigend, dass wir in unseren Schulen immer noch einige Fächer wichtiger finden als Programmieren, wenn höchstwahrscheinlich viele Jobs in der Zukunft IT-Kenntnisse erfordern. Ich glaube, das ist ein großes Problem für Europa.

Warum das?

Schauen Sie sich doch den Wandel der Arbeitswelt an: Früher kamen meine Kollegen an und baten mich, für sie etwas zu programmieren. Jetzt ist meine Arbeit ein wichtiger Faktor der Geschäftsstrategie. Viele Unternehmen sind mittlerweile Technologie-Unternehmen, sogar Supermärkte oder Modehäuser. Inzwischen braucht jedes Unternehmen Programmierer, egal welche Branche. Das sieht man auch an Goldman Sachs. Hier arbeiten 9000 IT-Experten. Sie wollen ihre Zeit nicht damit verplempern, ständig die gleichen Aufgaben zu wiederholen. Deshalb automatisieren wir viele Aufgaben. Aber das bedeutet in den wenigsten Fällen, dass der Job ganz wegfällt. Es bedeutet nur, dass er sich wandelt. Das setzt auch unglaubliche Ressourcen frei. Die Leute können sich jetzt mit anderen Dingen beschäftigen, die ihnen auch viel besser gefallen.

Was kann man machen, um die Frauen zum Programmieren zu bringen?

Wir versuchen schon einiges. Wir arbeiten gerade an einem Programm, das 20 000 Frauen zum Programmieren bringen möchte. Frauen unter 26 Jahren bieten wir kostenloses Training an. Außerdem hat Goldman Sachs gemeinsam mit der Oxford Universität ein Programm aufgesetzt, um sozial benachteiligten Mädchen das Programmieren beizubringen. Die gehen ein Jahr lang nach Oxford und lernen dort Programmieren. Das Selbstvertrauen, das die Mädchen dadurch bekommen, ist unglaublich. Sie tun etwas, von dem sie nie geglaubt hätten, dass sie es können, und es gelingt ihnen sehr gut. Deshalb fragen sie sich: Wenn ich das in Oxford kann, was kann ich sonst noch schaffen? Einige bleiben in der Branche, andere versuchen noch etwas anderes, werden Maschinenbauerin oder auch Hebamme, ganz egal. Wir wollen nur, dass sie sehen, was sie alles erreichen können.

Wie überzeugt man denn nun seine Kinder, Programmieren zu lernen?

Man überzeugt sie, indem man ihnen sagt, was sie damit anstellen können. Mein Mann und ich unterrichten an Schulen in sozial benachteiligten Stadtvierteln und nutzen dabei Lego Mindstorm Roboter. Mit diesen Robotern kann man einen Dinosaurier bauen oder ein Auto. Das ist so cool. Man muss Mädchen nicht viel erklären, wenn man ihnen sagt, dass man damit ein Modehaus kreieren kann.

Was stellen Sie selbst damit an?

Wir lieben es, zu Hause Dinge zu automatisieren, die ansonsten ziemlich ineffizient sind. Wir laufen zum Beispiel nicht mehr durch das Haus und schalten überall das Licht aus. Jetzt sagen wir nur noch: Licht aus. Wir haben in unseren Kühlschrank Sensoren einbaut, zum Beispiel für Milch. Deshalb misst er jetzt immer, wie viel Milch wir haben, und bestellt die immer nach. Vergangene Woche war ich zwei Tage unterwegs, und als ich zurückkam, war wieder frische Milch im Kühlschrank. Das ist doch wunderbar. Wir trinken so viel Tee, deshalb ist Milch wichtig. Auch die Tatsache, dass wir Schlüssel benutzen, ist ziemlich altmodisch, man verliert sie andauernd, und richtig sicher sind sie auch nicht. Deshalb haben wir jetzt überall biometrische Eingänge.

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Und das funktioniert?

Wunderbar, nur leider nicht, wenn es sehr kalt ist, deshalb stand ich nachts auch schon einmal eine halbe Stunde in der Kälte und kam nicht rein. Wir haben jetzt also für die Eingangstür beides. Es hat mein Verhältnis zu meinem Haus komplett verändert. Jetzt ist es viel angenehmer. Ich habe einen Sensor an meinem Schlüssel, deshalb weiß mein Haus immer, wann ich mich ihm nähere. Dann macht es schon mal die Lichter an. Ich mag das, früher war es dunkel und kalt.

Haben Sie keine Angst davor, gehackt zu werden?

Ich weiß, dass viele Leute skeptisch sind, aber ich sehe einfach keinen Sinn darin, durch das Haus zu laufen und überall das Licht auszumachen, wenn es auch anders geht. Aber es ist sinnvoll, die Balance zu wahren zwischen physischen und digitalen Sicherheitsvorrichtungen. Unser Gartentor ist zum Beispiel nicht automatisiert, da müssten die Einbrecher immer noch rüberklettern. Viele haben ja auch eher davor Angst, dass Technologie ihr Leben bestimmt. Dabei gibt es doch unglaubliche Vorzüge. Das Internet hat mein Haus und mein Leben so viel schöner gemacht.

Was sind Ihre Lieblingsfeatures?

Das Licht und die Tatsache, dass ich meinem Haus sagen kann, wann ich ein Bad möchte. Das finde ich wunderbar.

Quelle: F.A.S.
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
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