GroKo-Einigung

Koalitionsvertrag zu 70 Prozent aus SPD-Feder

Von Marcus Jung
 - 08:04

Als Martin Schulz in der vergangenen Woche vor die Presse in Berlin trat, sprach er davon, dass der Koalitionsvertrag „in einem großen Maße sozialdemokratische Handschrift“ trage. Was mancher Journalist kommentierte und sich in der Unzufriedenheit vieler Christdemokraten ausdrückte, haben Wissenschaftler mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) bewiesen. Rund 70 Prozent im Koalitionspapier gehen auf das Parteiprogramm der SPD zurück. Nur 30 Prozent können der Union zugeordnet werden. Das zeigt eine Auswertung des Karlsruher Unternehmens Thingsthinking, die der Frankfurter Allgemeine Zeitung vorliegt.

„Nach wenigen Sekunden war klar, dass das Bauchgefühl der Presse und Analysten bezüglich des Vertrages durch die Maschine bestätigt wird. Die SPD hat deutlich mehr Teile ihres Parteiprogramms im Koalitionsvertrag unterbekommen“, sagt Sven Körner, Geschäftsführer von Thingsthinking. Die Wissenschaftler bestätigen: die Unterhändler der SPD haben hart und gut verhandelt.

Die Ausgründung des Karlsruher Instituts für Technologie kombiniert schon seit längerem KI-Techniken, um Maschinen das Verstehen von Texten beizubringen – und damit die Semantik, also die Bedeutung ganzer Sätze bis hin zu einzelnen Wörtern, hinterfragen zu können. Soweit es nicht um simple Übersetzung und Satzkonstruktionen geht, ist das menschlich Gehirn dem Computer noch überlegen. Doch die Lücke schließt sich mit Hilfe der Entwickler zunehmend.

Körner versteht die Maschinen als eine Art „Gapelstapler fürs Hirn“. Die Software hilft der Maschine, Texte inhaltlich zu vergleichen, kontextbasierte Entscheidungen selbst zu treffen und – so drückt es Körner aus – „Dinge zu Ende“ zu denken. So konnte die Maschine anhand der Parteiprogramme erkennen, dass die Aussage der CDU „Wir wollen, dass alle unsere Kinder die bestmöglichen Erziehung, Bildung und Betreuung erhalten, unabhängig von Herkunft und Lebenssituation der Eltern“ deckungsgleich mit folgender Aussage der SPD ist: „Wir werden die Benachteiligung von Kindern armer Eltern beseitigen und ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe ermöglichen.“

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Ein weiterer Vorteil: Während die Sinnesorgane des Menschen ermüden und das Gehirn Zeit braucht, um Eindrücke zu verarbeiten, konnte die Künstliche Intelligenz Parteiprogramme und das 179 Seiten starke Koalitionspapier von SPD und Union innerhalb weniger Sekunden überprüfen; in 8200 Sätze und 4500 Abschnitte unterteilt sie das Papier. „Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen: Die Maschine findet im Schnitt zwei- bis dreimal so viele thematische Verbindungen des SPD-Parteiprogramms im Koalitionsvertrag als im CDU/CSU- Programm“, erklärt Körner. Um Fehlerquellen auszuschließen, gaben die Wissenschaftler der KI diverse Quoten an semantischer Ähnlichkeit der Wörter vor. Man könne der Maschine zwar sagen, wie frei sie Aussagen interpretieren dürfe – „das Verhältnis der Abdeckung im Koalitionsvertrag verschiebt sich aber nicht“, schlussfolgert Körner. „Das scheint sich stringent durchzuziehen“.

Um sich mit dem Ergebnis der KI wirklich sicher sein zu können, drehten die Entwickler letztlich den Vergleich um. Sie prüften, wie viel Koalitionsvertrag in den jeweiligen Parteiprogrammen von 2017 steckte. Im Anschluss verglichen sie die Positionen der Union und der SPD. Das Ergebnis: Die KI fand deutlich mehr Textpassagen des Koalitionspapiers im SPD-Programm. In dem Kontext weisen die Wissenschaftler aber darauf hin, dass bis zu einem Drittel beider Parteiprogramme semantisch sehr ähnlich sind. Wer kritisiert, dass die beiden Parteien inhaltlich kaum zu unterscheiden sind, wird sich bestätigt sehen.

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Verhandlungen beendetSchulz: Koalitionsvertrag trägt Handschrift der SPD

Quelle: F.A.Z.
Marcus Jung
Redakteur in der Wirtschaft.
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