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Kommentar zur Cebit

Letzte Chance

Von Thiemo Heeg
 - 09:16

Wenn die Cebit in dieser Woche in Hannover ihre Tore öffnet, steht viel auf dem Spiel. Im Kleinen wie im Großen. Im Kleinen geht es um eine Computermesse, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, sich jetzt als buntes Technik-Festival neu erfinden will und darin ihre letzte Chance wittert. Im Großen geht es um die deutsche Wirtschaft, die eine der gravierendsten Herausforderungen der vergangenen Jahrzehnte bewältigen muss – die Digitalisierung – und darin ziemlich hinterherhinkt.

In Hannover soll einer vom anderen profitieren. Die Cebit inszeniert sich als ein Ort, in dem digitale Vordenker innovationsträgen Managern frische Ideen mit auf den Weg geben. Die Zukunft der Messe wiederum hängt davon ab, dass die Unternehmen dieses Angebot annehmen. Längst nicht alle tun das. Die Deutsche Telekom, bisher einer der größten Aussteller, schickt nur ihre zweite Managementgarde, und die auch nur zum Konferenzprogramm. Auf einen teuren eigenen Stand verzichtet die Telekom ebenso wie der Softwareriese Microsoft.

Das ist umso schmerzlicher, als die Cebit stets für historische Meilensteine gut war. In den 1980-er Jahren als Ausgründung aus der Hannover-Messe entstanden, schrieb das einstige „Centrum der Büro- und Informationstechnik“ IT-Geschichte. Bill Gates stellte dort Windows 95 vor, Apple präsentierte seinen Tabletcomputer Newton, Intel seine neuesten Pentium-Prozessoren. Die ersten MP3-Player trafen dort auf ein staunendes Publikum, ebenso wie die ersten leistungsfähigen Digitalkameras. Anfang des Jahrtausends zog die Messe mehr als 800000 Gäste aus aller Welt in die niedersächsische Landeshauptstadt.

Zu solcher Massenherrlichkeit wird die Ausstellung nicht mehr zurückfinden. Heute ist die Deutsche Messe froh, wenn ein Viertel des einstigen Besucherstroms auf ihr Messegelände findet. Trotzdem sollte man die Cebit noch nicht abschreiben. Nach gut drei Jahrzehnten und einigen Strategiewechseln versucht es der Veranstalter 2018 mit einem komplett neuen Konzept. Festival heißt die Devise, die Erfolg versprechen soll. Damit knüpft Hannover an Formate an, die auch woanders immer beliebter werden. Digitalkonferenzen wie South by Southwest in Texas punkten, indem sie Geschäft und Unterhaltung verbinden.

Zu wenig Zeit, zu wenig Geld

Kein Wunder also, dass selbst Unternehmen mit seriös-drögem Image wie SAP auch hierzulande auf Show und Erlebnis setzen. Der Geschäftssoftwarekonzern tritt auf der Cebit mit einem 60 Meter hohen Riesenrad auf. In den 40 Kabinen erwartet die Besucher, so das Versprechen, ein „Jahrmarkt der Innovationen“. Und während einige führende Aussteller aus früheren Zeiten der Computermesse den Rücken kehren, rücken einige führende Vertreter der neuen Digitalwelt nach. Salesforce hat abermals eine ganze Halle für sich gemietet, Facebook präsentiert sich erstmals in Hannover. „Alle großen Unternehmen, die die digitale Transformation maßgeblich prägen, machen mit bei der neuen Cebit“, jubelt die Messegesellschaft – und verzichtet raffinierterweise darauf, den Umkehrschluss auszusprechen: Wer nicht in Hannover ist, kann die digitale Transformation nicht mitprägen.

Dass gerade in Deutschland in dieser Hinsicht noch erhebliche Defizite herrschen, stellt der Digitalverband Bitkom immer wieder warnend heraus. Pünktlich vor Messebeginn veröffentlichte er eine Umfrage, wonach vier von fünf deutschen Unternehmen inzwischen zwar über eine Digitalstrategie verfügen. Nur jedes vierte jedoch investiert tatsächlich in digitale Geschäftsmodelle. Und zahlreiche Manager klagen in Sachen Digitalisierung über fehlende Zeit und über fehlendes Geld.

Dazu kommt das süße Gift der Zufriedenheit. Viele Mittelständler freuen sich derzeit über volle Auftragsbücher. Die Geschäfte mit ihren etablierten Produkten laufen glänzend. Das ist ebenso schön wie gefährlich. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass die Digitalisierung alle Unternehmen, alle Branchen und alle Lebensbereiche trifft. Und sie läuft exponentiell schnell ab – wie ein stetig beschleunigender Zug, auf den man irgendwann nicht mehr aufspringen kann. Mancher Firmenchef hat freilich Scheu, überhaupt aufzuspringen. Jeder vierte fühlt sich durch die Digitalisierung gelegentlich überfordert und jeder zehnte würde lieber in einer Welt ohne digitale Technologien leben.

Digitalisierung mit Leben füllen

Dieser Wunsch geht jedoch ebenso wenig in Erfüllung wie der Wunsch der Pferdekutscher im beginnenden 20. Jahrhundert, das Automobil möge wieder verschwinden. Das Internet bleibt, bildet das Fundament der heutigen und der künftigen Welt, durchdringt Wirtschaft und Gesellschaft, mit allen Chancen und Risiken.

Das alles ist Thema in Hannover – und ein Messebesuch hilft vielleicht, den diffusen Begriff Digitalisierung mit Leben zu füllen. Eine Idee zu bekommen, wie die Welt morgen aussieht: mit VR-Brillen, Drohnen, autonomem Verkehr, smarten Städten, humanoiden Robotern, Künstlicher Intelligenz, dem Internet der Dinge. Es wäre jedenfalls eine bittere Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet in diesen revolutionären Zeiten eine Messe wie die Cebit mangels Interesse abgeschafft würde.

Quelle: F.A.Z.
Thiemo Heeg
Redakteur in der Wirtschaft.
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