Elektromobilität

Dieser Visionär ist der wahre Tesla

Von Carsten Knop
 - 11:53

Ein Auto, das seinen Namen trägt, fliegt jetzt für Millionen Jahre durchs All. Es hätte ihm gefallen. Denn schon zu Lebzeiten war der Erfinder Nikola Tesla für besondere Ideen zu haben. Manche von ihnen erschienen damals, in den Jahren zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert, verrückt. Andere waren genial. Tesla begegnete den wichtigsten Erfindern seiner Zeit; er zählte selbst zu ihnen, seine Arbeiten wurden gar von einem der Vorfahren des heutigen amerikanischen Präsidenten Donald Trump von Staats wegen begutachtet. Er experimentierte mit Gasentladungslampen, entwickelte den Tesla-Transformator zur Erzeugung von hochfrequentem Wechselstrom, ersann den ersten Radiosender, das Radar und die erste Fernsteuerung. Er wollte mit Hochfrequenzströmen die Atmosphäre zum Leuchten bringen. Fachleute sagen, dass man den Einfluss Teslas bis heute in Geräten sehen könne – von „intelligenten“ Lautsprechern wie Amazons Echo bis zu Raketenabschussdrohnen.

Finanziert wurde er von schillernden und bis heute weltberühmten Milliardären wie John Pierpont Morgan und John Jacob Astor IV, der später mit der Titanic untergehen sollte. Tesla selbst konnte mit Geld nicht umgehen. Für das Unternehmen, das mit Elektroautos die Welt erobern will und dabei riesige Verluste auftürmt, hätte es deshalb keinen besseren Namensgeber geben können. Tesla, das heißt: Grandios scheitern, oder aber mehr als nur die Welt erobern. Das gilt für den amerikanischen Hersteller von Elektroautos, der von dem höchst selbstbewussten Milliardär Elon Musk geführt wird. Und das galt gleichermaßen für Nikola Tesla, der viele ganz phantastische Ideen hatte, nicht aber den Geschäftssinn seiner Zeitgenossen Thomas Alva Edison oder George Westinghouse.

Deshalb ist der echte Tesla in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten – obwohl in der Physik sogar die Maßeinheit der magnetischen Flussdichte nach ihm benannt ist. Auch das weiß kaum jemand. In seiner Zeit hingegen war Nikola Tesla bekannt. Ein Bild von ihm war 1931 immerhin auf dem Titel des „Time“-Magazins zu finden. Doch vor fast genau 75 Jahren, im Januar 1943, ist der im heutigen Kroatien geborene Tesla verarmt in New York gestorben. Tesla brauchte zur Umsetzung seiner Ideen stets viel Geld. Auch sein Lebensstil war eher aufwendig, seine Hotelrechnung im Waldorf Astoria in New York hoch. Seine prominenten Geldgeber waren nicht immer geduldig. Mit Elon Musk und seinem Unternehmen Tesla sind sie es heute.

Zwischen Ehrgeiz und Größenwahn

Gerade erst hat Tesla abermals einen stattlichen Verlust gemacht. Die Schwierigkeiten in der Produktion des neuen „Model 3“ sind nicht gelöst. Weitere Verzögerungen sind nicht auszuschließen. Musk ficht das nicht an: „Wenn wir einen Roadster zum Asteroidengürtel schicken können, können wir wahrscheinlich auch die Produktion des Model 3 lösen“, sagte er nur – und ein solcher Spruch hätte im Zweifel auch von Nikola Tesla kommen können. Tesla wird derzeit an der Börse mit rund 58 Milliarden Dollar bewertet und lässt damit manche deutlich größeren Autohersteller wie Ford hinter sich. Für den Namensgeber wäre das eine wahre Genugtuung. Auch Musks Ehrgeiz hätte zu ihm gepasst. Denn der geht davon aus, dass Tesla das Potential hat, in zehn Jahren eine Billion Dollar wert zu sein. Das Unternehmen wurde dabei gar nicht von Musk, sondern von den Unternehmensgründern Martin Eberhard und Marc Tarpenning nach Nikola Tesla benannt. Nach seinem Einstieg wurden Eberhard und Tarpenning von Musk schnell vor die Tür komplimentiert, was ganz ausgezeichnet zu den faszinierenden Abgründen passt, die sich um Unternehmen, Gründer und Namensgeber auftun.

Nikola Tesla wurde am 10. Juli 1856 im Dorf Smiljan geboren, das nur einige hundert Einwohner zählt. Er studierte an verschiedenen Universitäten des Habsburger Reiches und lebte dann in Budapest, wo er 1882 eine Anstellung bei einem Repräsentanten der Firmen des amerikanischen Erfinders und Unternehmers Thomas Alva Edison fand. Dort machte Tesla einen guten Eindruck: 1882 kam er mit Empfehlung nach Paris zum Hauptrepräsentanten in die Europäische Edison-Zentrale, Charles Batchelor. Der formulierte etwas später in einem Schreiben, das Tesla Edison als Empfehlung übergeben sollte: „Ich kenne zwei hervorragende Leute, der eine sind Sie, Herr Edison, und der andere steht vor Ihnen.“

Mit so viel Lob in der Tasche zog Tesla im Jahr 1884 tatsächlich nach New York, um für Edison zu arbeiten. Die beiden Männer wurden aber keine Freunde, ganz im Gegenteil. Insofern ist es höchst interessant, dass Elon Musk einst ausgerechnet Edison als Vorbild genannt hat – und eben gerade nicht Tesla.

Nun muss man wissen, dass Edison seinerzeit ausschließlich auf Gleichstrom setzte, Tesla aber ein Verfechter des Wechselstroms war. Zwar fließt durch die Netze der Welt schon lange Wechselstrom. Denn der Vorteil des Wechselstroms bestand im Unterschied zum Gleichstrom bis vor kurzem darin, dass allein er über weitere Strecken ohne große Verluste zu transportieren ist. Erst jüngst hat der Gleichstrom in dieser Hinsicht durch neue Entwicklungen aufgeholt. Damals aber galt das nicht. Zu Beginn des Stromzeitalters gab es deshalb nur Gleichstrom, der vor Ort produziert wurde und nur über geringe Strecken transportiert werden konnte. Es war die Welt von Edison; Tesla hatte etwas anderes im Kopf. Tesla und Edison, das passte nicht zusammen. Man trennte sich im Streit.

Zwischen Gleichstrom und Wechselstrom

Einige Zeit später lernte Tesla den amerikanischen Unternehmer George Westinghouse kennen. Westinghouse hatte im Unterschied zu Edison die Vorteile des Wechselstroms früh erkannt. Tesla wiederum konnte dafür die notwendigen Motoren bauen, die zudem effizient und vergleichsweise zuverlässig waren. Im Jahr 1896 entwarf Tesla das Stromerzeugungssystem an den Niagarafällen. Das war ein großer Fortschritt für sein Wechselstromsystem; der Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten. Allein das ist Stoff für einen Kinofilm, der im April in die deutschen Kinos kommt: „The Current War“ zeigt, wie Edison und Westinghouse um das erste amerikanische Stromnetz wetteifern. Auf der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893 traten Edison und Westinghouse als Konkurrenten im Kampf um deren nächtliche Beleuchtung auf. Der Filmtitel nimmt Bezug auf die englischsprachigen Begriffe „Alternating Current“ und „Direct Current“ für Wechselstrom und Gleichstrom.



Und dann ist da noch Teslas erstes Patent über die drahtlose Energieübertragung, das zu einem Streit mit dem Italiener Guglielmo Marconi führte. Erst nach Teslas Tod stellte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten fest, dass Tesla der Erfinder der drahtlosen Funktechnik und damit der Erfinder des Radios gewesen ist. Tesla selbst hatte davon nichts mehr. Apropos Tod: Tesla war zwar längst amerikanischer Staatsbürger, doch nach seinem Ableben inmitten des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmte das „Office of Alien Property“ (Das Amt für das Eigentum von feindlichen Ausländern) gleichwohl seine Papiere. Geprüft wurden die Unterlagen von John Trump, einem Onkel des heutigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, der Elektrotechniker und Physiker war. Er empfahl die Freigabe der Unterlagen. Aber erst im Jahr 1951 fand der Nachlass seinen Weg in Teslas Heimat, das damalige Jugoslawien. Heute gehört der Nachlass zum Weltkulturerbe.
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Roter Tesla als FrachtversuchIm All angekommen

Und das Unternehmen Tesla? Gegründet im Jahr 2003, hat es sich inzwischen auf Elektroautos, aber auch auf Energiespeicher für Lithium-Ionen-Batterien und auf Photovoltaikanlagen für Wohngebäude spezialisiert. Der Verlust, der dabei aufläuft, wäre Tesla wohl kein Dorn im Auge gewesen. Nur dass Musk Edison zum Vorbild hat, das hätte ihn gewiss geschmerzt. Und der Vater der Elektromobilität war möglicherweise sowieso Sibrandus Stratingh, der von 1785 bis 1841 lebte. Der entwickelt 1835 ein Fahrzeug mit elektrischem Motor auf der Basis nichtaufladbarer Batterien. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Quelle: FAZ.NET
Carsten Knop
Chefredakteur digitale Produkte.
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