Technologiefestival

Salesforce feiert den Siegeszug der Cloud und sich selbst

Von Jonas Jansen, San Francisco
 - 18:30

Seine kurze Zeit im Rampenlicht hat Kasper Rorsted gleich für einen Abwerbeversuch genutzt. „Wir haben viele offene Stellen für Software-Entwickler“, sagt der Adidas-Vorstandsvorsitzende und grinst ins Publikum. Schließlich schauen ihn Tausende potentielle Bewerber an. Rorsted steht in einer riesigen unterirdischen Halle in San Francisco, sein Gesicht wird auf acht große Bildschirme projiziert, damit ihn auch jeder im Saal sehen kann.

Doch es ist nicht seine Veranstaltung, der Unternehmenschef ist nur ein Gast von vielen auf der Dreamforce, der größten Technologiekonferenz der Welt, die von dem Softwarekonzern Salesforce veranstaltet wird. Ihm gegenüber steht Mark Benioff, Gründer und Chef von Salesforce, der das Wildern in seinem Revier mit einem Lächeln abtut. Das gehört zur Show. Benioff hat Rorsted schließlich eingeladen, auf der Veranstaltung in nur zwei Minuten zu erzählen, wie der deutsche Sportartikelkonzern mit dem kalifornischen Softwareunternehmen zusammenarbeitet. Da darf der Gast aus Deutschland auch schnell noch Nachwuchs rekrutieren.

Adidas verfolgt seine Kunden durchs Netz

Dass der Chef des deutschen Sportartikelherstellers aus Herzogenaurach nach Kalifornien gereist ist, zeigt, wie wichtig der amerikanische Markt für Adidas geworden ist. Gut 26 Prozent Wachstum hat Adidas in den Vereinigten Staaten im abgelaufenen Quartal erzielt, der Online-Handel ist zuletzt gar um zwei Drittel gewachsen – was Einkaufen im Internet angeht, sind die Amerikaner deutlich eifriger als die Deutschen. Um seine Kunden dort noch besser zu erreichen, hat Rorsted deshalb eine neue Anwendung für Smartphones bauen lassen, die auf der Software von Salesforce basiert und zunächst auch nur in Amerika auf den Markt kommt.

Damit verfolgt Adidas die Käufer von Turnschuhen oder Sportkleidung über ihre Smartphones und Laptops durchs Netz – wer sich mit der neuen Adidas-Plattform verbindet und später ein Foto etwa der neuen Schuhe auf der Fotoplattform Instagram hochlädt, wird so gleich zum Werbemodell für neue Kunden – und bringt Adidas noch mehr Umsätze. 1,2 Millionen Turnschuhpaare verkauft das Unternehmen jeden Tag. „Kauft weiter!“, ruft Rorsted in San Francisco ins Publikum. Damit die Umsätze im Online-Handel steigen, setzt Adidas auf Salesforce.

Markt bekommt nur wenig Aufmerksamkeit

Das Unternehmen stellt Programme für das Kundenmanagement her, im Fachbegriff heißt das Customer Relationship Management, oder kurz CRM. Seit der Gründung im Jahr 1999 baut Salesforce komplett auf Cloud Computing, also die Bereitstellung von Software über das Internet. Anders als früher kaufen Kunden keine Lizenzen für Programme auf ihren Rechnern, sondern zahlen jährliche Gebühren für die Software, die dann aus der Datenwolke kommt. Damit hat Salesforce in den letzten Jahren ein gehöriges Wachstum verzeichnet, allein seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs von 70 Dollar auf mehr als 100 Dollar gestiegen, die Marktkapitalisierung beträgt 78 Milliarden Dollar.

Und trotzdem befindet sich das Unternehmen in einem Markt, der viel weniger Aufmerksamkeit bekommt als andere Technologieunternehmen wie Google, Amazon oder Microsoft. Um bekannter zu werden, gibt Salesforce ungemein viel Geld für Marketing aus: Die Dreamforce-Konferenz, die noch bis Donnerstag rund um das Moscone Center in San Francisco stattfindet, ist der beste Beweis dafür. Rund 170000 Menschen kommen in die Stadt, mehr als 300 Journalisten, darunter auch diese Zeitung, hat das Unternehmen eingeladen. Bei der Technologiekonferenz geht es allerdings um viel mehr als Werbung für Kunden wie Adidas oder um Partnerschaften mit Google und T-Mobile, der amerikanischen Tochtergesellschaft der Deutschen Telekom. Es gibt Medititationsseminare von französischen Mönchen, Veranstaltungen zur Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bezahlung. Oder es geht darum, Spenden zu sammeln für Nichtregierungsorganisationen.

Salesforce feiert sich selbst

Die halbe Stadt ist zur Dreamforce lahmlegt, für ein Konzert im Rahmen der Veranstaltung mietet Salesforce mal eben das Baseballstadion der San Francisco Giants mit fast 50.000 Sitzplätzen. Salesforce-Chef Benioff ist extravagant, in seinen Reden lässt er ständig hawaiianische Wörter einfließen, weil er die Insel so liebt. Der Milliardär sieht sich als Weltverbesserer und redet auch gerne so. Er lade keine Gäste ein, sondern Freunde. In diesem Jahr sind es neben Unternehmern wie der IBM-Chefin Ginni Rometty auch Prominente wie die ehemalige First Lady Michelle Obama oder die Schauspielerin Natalie Portman.

Doch Benioff ist auch einer, der gerne dick aufträgt. Gerade baut er ein neues Hauptquartier für seine Mitarbeiter, es wird das höchste Gebäude der Stadt. Er vergleicht sein Unternehmen in Grafiken mit den Wettbewerbern, freilich nur in solchen, in denen Salesforce immer vorne liegt, etwa in der Kundenzufriedenheit. Sein Cloud-Unternehmen sei im Vergleich zur Konkurrenz am schnellsten bei 12,5 Milliarden Dollar Umsatz angelangt, gemessen am Jahr der Gründung. Was Benioff dabei verschweigt: Noch hat Salesforce diese Zahl überhaupt nicht erreicht, sondern peilt sie erst für das Jahr 2019 an. Zuletzt hat das Unternehmen 8,4 Milliarden Dollar Umsatz erzielt.

Auch kleiner Unternehmen aus Deutschland sind da

Einige Unternehmen wie Adidas, IBM oder Deloitte haben große Stände auf dem Gelände aufgebaut, auch sie geben große Summen dafür aus, neue Kunden für ihre Marketinglösungen zu gewinnen, die auf Salesforce-Software basieren. Etwas kleiner geht es da noch bei Celonis zu, einem Münchener Start-up, das zum ersten Mal auf der Dreamforce einen Stand gemietet hat. Das Unternehmen bietet sogenanntes Process Mining an. Dabei wühlt sich die Software durch Datenberge der Kunden und findet so heraus, wo es in der Lieferkette hakt, wo die Produktion stockt oder wo der Kunde seinen Bestellprozess abbricht. Der Umsatz hat sich im vergangenen Jahr nahezu verdreifacht und beträgt nun mehr als 20 Millionen Euro.

Einer der wichtigsten Partner des noch jungen Unternehmens ist der deutsche Softwarekonzern SAP, einer der größten Konkurrenten von Salesforce. Trotzdem haben die drei Gründer des Start-ups fünf Mitarbeiter nach San Francisco geschickt, um für die Celonis-Kundenplattform auf Salesforce-Basis zu werben. Zuletzt hätten nämlich viele ihrer Kunden gefragt, ob es ihr Produkt auch mit der Salesforce-Cloud gebe, berichtet Jan-Philipp Thomsen, der sich für Celonis um die verschiedenen Programme für Unternehmensplattformen kümmert. So teste Roche, eines der größten Pharmaunternehmen der Welt, gerade, wie Celonis mit Salesforce funktioniert.

Gleichzeitig bieten die Münchner an, dass die Kunden auch andere Cloud-Angebote, etwa von SAP oder Oracle, mit Salesforce verbinden können. „Unsere Software ist erst einmal unabhängig von der Cloud-Plattform“, sagt Thomsen. Bestehende Partnerschaften seien trotzdem sehr wertvoll. „Aber wir hören darauf, was unsere Kunden nachfragen.“ Und das scheint – bei allem Werbegetöse, das der Salesforce-Chef Benioff auf der Dreamforce macht – für den Softwarekonzern im Geschäft mit dem Kundenmanagement zu fruchten. Egal, ob die Partner noch Start-ups sind oder Weltkonzerne.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Jansen Jonas
Jonas Jansen
Redakteur in der Wirtschaft.
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