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Kommentar zur Digitalisierung

Bringt die Schulen ans beste Netz!

Von Carsten Knop
 - 11:34

Der Streit um die Digitalisierung des Unterrichts in deutschen Schulen ist mit einem immerwährenden Elternabend vergleichbar. Die Diskussion zieht sich hin, sie wird emotional – und am Ende steht ein Ergebnis, das im Matheunterricht als kleinster gemeinsamer Nenner bezeichnet werden würde.

Die einen empfehlen das konzentrierte Studium eines guten Buchs, die anderen wollen die ganze Schule in die digitale Datenwolke schicken. Dann rechnet einer aus, dass das Geld sowieso nicht reicht, die Lehrer fehlen oder keine Ahnung haben.

Schließlich zitiert irgendjemand eine der zahlreichen Erkenntnisse des Hirnforschers Manfred Spitzer, der mit seinem Hinweis auf die digitale Demenz zum Dagobert Duck unter den Wissenschaftlern seines Fachs geworden sein dürfte. Und die Schüler? Fragen sich, warum ihre Ranzen platzen, daheim alles viel moderner ist als in der Schule und Papa und Mama von der Arbeit nur noch erzählen, das eigne Unternehmen werde durch die Digitalisierung auf den Kopf gestellt und das ganze Leben sowieso.

Digitalisierung und humanistischer Bildung sind kein Widerspruch

Um den Nenner also etwas zu vergrößern, soll es hier nicht um Details künftiger Lerninhalte gehen, also nicht um die Frage, in welcher Form die Digitalisierung in die Pädagogik Einzug halten sollte. Wohl aber ist es Zeit dafür, den Streit über das Ob zu beenden. Denn selbstverständlich müssen in Deutschland nicht nur Autos und Maschinen an das beste verfügbare Netz angeschlossen werden können, sondern auch die Schulen.

Dass es in Deutschland selbst darüber noch eine Diskussion gibt, dass es gar heißt, wer so argumentiere, sei allein technikverliebt und habe ansonsten von Schule keine Ahnung, baut einen Gegensatz zwischen Digitalisierung und humanistischer Bildung auf, den es an der Stelle nicht gibt.

Auch der Hinweis, von den 5 Milliarden Euro Anschubfinanzierung, die der Bund im Rahmen des Digitalpakts in die Schulen investieren wolle, entfalle gerade einmal ein fünfstelliger Betrag auf jede einzelne Schule, ist eher ein Witz denn ein Argument. Selbstverständlich reicht das Geld nicht, was man merken wird, wenn man beginnt zu investieren. Das wird dazu führen, dass noch mehr Geld für dieses sinnvolle Projekt ausgegeben wird, was aber nie passieren wird, wenn man nicht irgendwann damit anfängt. Auch hier ist der größtmögliche Divisor das größtmögliche Totschlagargument von Pädagogen, die in Ruhe gelassen werden wollen.

Was hält die deutschen Länder also auf, ihre Schulen an moderne Glasfaserleitungen anzuschließen und flächendeckend W-Lan-Router zu verbauen, die drahtlose Internetzugänge bis in das letzte Klassenzimmer und das hinterste Chemielabor ermöglichen? Ist es nur das Unvermögen, derartige Zugänge anständig zu planen und dann ausführen zu lassen? Das könnte man schnell ändern.

Falls mehr dahintersteckt, hilft vielleicht der Hinweis weiter, dass eine solche Infrastruktur kein trojanisches Pferd ist, um dem Erlernen alter Sprachen wie Latein oder Griechisch den Garaus zu machen, sondern dass sie vollkommen Inhalte-neutral ist. Welche Daten durch die Leitungen fließen, liegt allein im Ermessen der Schule.

Mehr Eigeninitiative von den Lehrern ist gefragt

In der Schule wiederum ist es ebenso selbstverständlich an der Zeit, dass sich die Lehrerkollegien engagierter mit dem befassen müssen, was diese digitale Infrastruktur möglich machen könnte. Dabei muss ihnen zum einen selbstverständlich der Arbeitgeber helfen. Andererseits müssen sich auch die Lehrer sagen lassen, dass für sie in Fragen der Digitalisierung nichts anderes gilt als für jeden Mitarbeiter eines normalen Unternehmens auch: Der Wandel vollzieht sich so schnell, dass man sich nicht auf mögliche Weiterbildungsangebote vom Chef verlassen darf.

Ohne Eigeninitiative geht es nicht. Es muss nicht jeder Programmieren lernen, aber es schadet nicht zu wissen, wie im Netz alles mit allem zusammenhängt, wie Programmieren ganz grundsätzlich funktioniert und was HTML5 und Java-Script mit dem Netz zu tun haben. Vielleicht hilft ein kleiner, gar nicht so hinkender Vergleich: Das ist ebenso wichtig, wie es gut ist, zu wissen, mit welchen Worten Cäsar sein Buch „Der Gallische Krieg“ beginnt oder wer Marie Curie war.

Die Baustellen angehen

Wenn erst einmal die digitale Infrastruktur gebaut wäre, könnten kluge Lehrer ihren Unterricht so gestalten, dass die Möglichkeiten der Digitalisierung wenigstens potentiell erforscht werden könnten. Wer sich mit der Materie auskennt, weiß allerdings auch, dass die Datenschutzgrundverordnung die Nutzung intelligenter Lernprogramme im Schulunterricht verhindert, wenn nicht zuvor alle Eltern dem explizit zugestimmt haben. Wenn Schüler 16 Jahre alt werden, müssen auch sie ihre Zustimmung erteilen.

Dieses De-facto-Verbot personalisierter Lernprogramme ist die zweite Baustelle – nach der Installation der Router und der Verlegung der Glasfaserkabel. Auch hier geht es nicht um die Form, also die Art und Weise des künftigen Unterrichts, sondern darum, überhaupt eine Lösung für die Schulen zu finden, die im Alltag praktikabel ist. Diese Diskussion ließe sich ebenfalls ohne Ideologie führen. Danach könnte man weitersehen, ohne digital dement zu werden, sich gegenseitig mit Studien zu erschlagen oder die nächste Bildungsreform ausrufen zu müssen.

Quelle: F.A.Z.
Carsten Knop
Chefredakteur digitale Produkte.
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