Technik-Kommentar

Ingenieure braucht die Welt – oder?

Von Alexander Armbruster
 - 13:15

Wann genau Joshua Haldeman mit Kanada abgeschlossen hatte, ist unbekannt. Im Jahr 1950 jedenfalls packte der gelernte Chiropraktiker seine Siebensachen, zu denen vor allem ein einmotoriges Kleinflugzeug zählte, und zog mit Ehefrau Wyn und den drei Töchtern Lynne, Maye und Kaye nach Südafrika. Dort wurde der Abenteurer durchaus bekannt, etwa durch seine Expeditionen in die Kalahariwüste.

Haldemans Emigration war indes nicht allein Folge seiner Lust auf Neues, sondern auch einer verlorenen politischen Auseinandersetzung in der Heimat. Er gehörte einer in Nordamerika gewachsenen Bewegung an aus Technikfans, Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, welche die damals etablierten Politiker und Geschäftsleute und ihre Theorien für zunehmend ungeeignet hielten, um den Staat zu lenken; manche soziale Institution und beispielsweise auch der Preismechanismus kamen ihnen altbacken vor. An ihre Stelle sollten hochrationale Experten treten, die auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnis entscheiden.

Die Entstehung dieser „Technokratischen Bewegung“ war kein Zufall, sie speiste sich einerseits aus Zweifeln am Bestehenden angesichts der Weltwirtschaftskrise und andererseits aus dem durchaus beachtlichen technologischen Fortschritt, nicht nur in Amerika. Die Fließbandfertigung ermöglichte Massenproduktion in bislang nicht gekanntem Ausmaß, die Genetik entstand als eigene Disziplin, die Medizin machte gewaltige Fortschritte (Penicillin), Conrad Röntgen hatte längst die nach ihm benannten Strahlen entdeckt, Max Planck die Quantentheorie erdacht, Heinrich Hertz elektromagnetische Wellen gemessen.

Bahnbrechende Entwicklungen werfen neue Fragen auf

Das bestärkte unter Zeitgenossen wie Haldeman ein Gefühl, nachdem technische Expertise auf höchster Entscheidungsebene bessere Ergebnisse und mehr Wohlbefinden für alle erbringen könnte. Die Debatte darüber, was Technik leisten kann, verbreitete sich rasch. Der weit über das Literarische hinausragende Autor H.G. Wells, der Flugzeug und Kernkraft (und die Atombombe) voraussagte, propagierte gar eine von Ingenieuren und Wissenschaftlern begleitete Weltregierung als beste Hoffnung einer Menschheit, die sonst Gefahr laufe, in die Barbarei abzugleiten. Dagegen argumentierte der mit ihm befreundete George Orwell, der vor unreflektierter Technik-Zuversicht warnte, Missbrauch thematisierte in den durch ihn bekannt gewordenen Überwachungs-Szenarien und einen Weltstaat für ein utopisches Hirngespinst hielt.

Nun, ein Jahrhundert, viele neue Erfindungen und viele große und kleine Krisen später, läuft die Debatte abermals auf Hochtouren. Denn wieder stellen technische Errungenschaften die Art und Weise, wie wir leben, auf den Kopf. Künstliche Intelligenz und zielgenaue Genmanipulationen sind zwei Stichworte. Immer schnellere Rechner und gewaltige verfügbare Datenmengen stecken jeweils dahinter.

Wie groß die Umwälzung ist, zeigt sich beispielhaft daran, was es vor 15 Jahren noch gar nicht gab: Facebook, Twitter, iPhone und iPad, Android, Youtube, Apples App-Store, die Blockchain, Whatsapp oder 4G. Die Folgen all dessen werden langsam sichtbar und lösen geteilte Reaktionen aus: Auf Tech-Festivals tummeln sich zuversichtliche Fachleute, die auch über Unsterblichkeit und Weltraumreisen reden und ehemals theologische Fragen zu Ingenieurs-Problemen umwerten. Anleger trauen ihnen viel zu, die drei Konzerne Alphabet (Google), Amazon und Apple etwa sind zusammen gerade 2,4 Billionen Dollar wert an der Börse, Amazon-Gründer Jeff Bezos der reichste Mensch der Welt.

Tüftler, Visionäre – und Skeptiker

Andererseits herrscht Skepsis, distanzieren sich selbst Teile des Bürgertums von kulturellen Begleiterscheinungen dieser wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erfolge und einer libertären Attitüde, wie sie etwa das Silicon Valley pflegt. Parallel dazu – Technologie bleibt ein globales Phänomen – ist die technikfixierte Einparteien-Diktatur China zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt geworden. „Fünfminutenaudienzen und Minutengespräche am Telefon“ sind zu neuen Zeiteinheiten geworden, die das Leben der Menschen bestimmen, stellte der Kulturhistoriker Karl Lamprecht im Jahr 1912 fest.

Video starten

Von Roboter chauffiertIngenieure bauen „Transformer“ mit Sitzplätzen

Heute sind Kurznachrichten und spontane Fotos an ihre Stelle getreten, was (unter Älteren) gelegentlich Kopfschütteln auslöst. Das Spannungsverhältnis zwischen Technik-Optimismus und Kulturpessimismus ist offenkundig. Aber ganz ehrlich: Irgendwie hilft beides. Es braucht die Tüftler und Visionäre, die erklären, welche Chancen sich aus dem Sammeln und Auswerten hochsensibler persönlicher Daten ergeben, mit allein fahrenden Autos oder Tablets für jeden Schüler. Zugleich sind die konstruktiven Skeptiker wichtig, die Datensouveränität anmahnen, daran erinnern, dass für eine gute Schule auch ausreichend Personal und renovierte Toiletten essentiell sind, die allgemein darauf hinweisen, dass Neues nicht automatisch besser ist und dass Planbarkeit Grenzen hat.

Joshua Haldeman verunglückte übrigens im Jahr 1974 mit dem Flugzeug. Risikofreude und Wagemut hat er erfolgreich weitergegeben – ein Enkel ist nach Amerika ausgewandert, steinreich geworden und ebenfalls Abenteurer, im unternehmerischen Sinn: Er heißt Elon Musk.

Quelle: F.A.Z.
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenAmerikaAmazon