Digitalisierung

Google erobert die Schulen

Von Inge Kloepfer
 - 16:34

Der große Sprung nach vorn ist Bundesbildungsministerin Johanna Wanka fünf Milliarden Euro wert. So viel will sie in die rund 41.000 Schulen Deutschlands investieren, um Lehrern und Schülern Zugang zum digitalen Lernen zu ermöglichen. Denn Deutschland ist auf diesem Feld Entwicklungsland. Andere Länder, auch so kleine wie Estland oder Luxemburg, sind deutlich weiter.

Doch was nicht ist, soll irgendwann werden. Unternehmen aus der freien Wirtschaft positionieren sich schon – allen voran IT-Konzerne mit Speicher- und Rechenkapazitäten, Start-ups für neue Bildungstechnologien, große und kleine Bildungsverlage sowie Unternehmen für die Hardware. Ihre Vertreter geben sich bei denen, die derzeit den großen Sprung nach vorne vorbereiten, die Klinke in die Hand. Der Run auf die Schulen hat begonnen. Wie aber sieht das Lernen der Zukunft aus?

Jedenfalls nicht so wie die Computerräume, die so manche Schulleitung heute noch stolz präsentiert, wenn sie danach gefragt wird. Computerräume sind fast schon so aus der Zeit gefallen wie die Sprachlabore, die in den siebziger und achtziger Jahren als das Nonplusultra galten. In der Zukunft soll jede Schule an ein Breitbandkabel angeschlossen und jedes Klassen- und Lehrerzimmer mit W-Lan ausgestattet sein.

Digitalisierung ist überall, in den Schulen allerdings bisher nur in den Hofpausen

Die Schüler haben mobile Endgeräte wie Notebooks, Tablets oder Smartphones. Mit diesen loggen sie sich in eine Schul-Cloud ein, können Aufgaben online erledigen, Unterrichtsmaterial herunterladen und bearbeiten und natürlich kommunizieren. Bücher und Tafeln werden aus dem Unterricht allerdings nicht verschwinden, genauso wenig die Diskussionen in der Klasse. Da werden die Kultusminister ein Auge draufhalten: „Es geht nicht darum, Buch und Heft durch den Labtop zu ersetzen, sondern zu ergänzen, wenn das Digitale einen pädagogischen Mehrwert bringt“, sagt Susanne Eisenmann, Bildungsministerin von Baden-Württemberg und Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Sie orchestriert die Länder dabei, sich bis zum Sommer auf Eckpunkte in Sachen Digitalisierung zu einigen, damit das Geld von Wanka, das noch nicht in den Haushalt eingestellt ist, irgendwann fließen kann.

Die Situation heute ist für Schüler, Lehrer und Eltern alles andere als befriedigend. Für Präsentationen, die ohne Powerpoint oder Keynote kaum noch akzeptiert werden, bringen viele Schüler ihre eigenen Rechner oder Smartphones in den Unterricht, in der Hoffnung, dass sich diese irgendwie mit dem Beamer verbinden lassen. Auf die schuleigenen Notebooks verlässt sich kaum jemand. Denn irgendetwas funktioniert garantiert nicht. Eltern sausen in letzter Minute in Computerläden, um bestimmte Adapter zu besorgen, damit der Vortrag nicht schon an der Hardware scheitert. Digitalisierung ist überall, in den Schulen allerdings bisher nur in den Hofpausen.

Für das digitale Lernen braucht es zweierlei: Infrastruktur und Lerninhalte. Beides kann die öffentliche Hand nicht im Alleingang entwickeln und bereitstellen. Sie tut das mit Instituten und Unternehmen. Das Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam (HPI), Exzellenz-Center für IT Systems Engineering, das von SAP-Gründer Hasso Plattner ins Leben gerufen wurde, wird in einem Feldversuch zunächst 26 von insgesamt 300 Schulen des Exzellenz-Netzwerks Mint-Ec mit Cloud-Computing ausstatten.

In der Cloud lässt sich alles erledigen

Die Schulen des Netzwerks und das HPI werden vom Bundesbildungsministerium mit 1,5 Millionen Euro unterstützt. Clouds haben einen großen Vorteil: Sie sind kostengünstig und flexibel, haben enorme Speicher- und Rechenkapazitäten und bieten einfache Zugriffsmöglichkeiten auf IT-Dienste. Vorbei wären dann die Zeiten, in denen ein passionierter Lehrer versucht, die Geräte und die Software der Schule zu pflegen, von einem Raum zum nächsten springt und nicht nachkommt.

HPI-Direktor Christoph Meinel beschreibt die Zukunft so: „Um 8 Uhr morgens loggt sich Schüler X persönlich ein. Das System, das alle Schüler mit Namen und Klasse erfasst hat, weiß, dass die erste Stunde von X Deutsch ist. Sofort findet er das Unterrichtsmaterial, das vom Lehrer eingestellt worden ist, und das, was er selbst dort abgelegt hat. Alles ist da.“ In der Folgestunde das Gleiche für ein anderes Fach. In der Cloud lässt sich alles erledigen – von der Bereitstellung des Unterrichts bis hin zur Verwaltung der Schule. Digital könnte es fortan nicht nur im Informatikunterricht, sondern auch in Deutsch und Geschichte zugehen. Es lässt sich auch alles speichern.

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Meinel hat eine Reihe von Wissenschaftlern an das Projekt gesetzt, um die bereitgestellten Clouds exemplarisch mit Lerninhalten zu füllen. Wirtschaftlich hat das HPI keine Aktien im Spiel. Das werden, wenn die Sache einmal läuft, andere haben: die großen Cloud-Anbieter wie etwa die Telekom oder Amazon und natürlich diejenigen, die Bildungsinhalte produzieren. Einer der Internet-Giganten aus dem Silicon Valley hat den Fuß schon ziemlich weit in der Tür: Google. Der amerikanische Konzern ist längst Anbieter von Bildungsinhalten und drängt mit seinem Angebot Google-Classroom mit Macht in die Klassenzimmer in aller Welt. Hier gibt es alles aus einer Hand, die Hardware in Form von Chrome Books, die Software für Vernetzung, Material, interaktives Lernen und Schul- und Schülerorganisation.

In Deutschland ist Google zurückhaltender

Wenn Google mit Millionen von Dollar das indische Schulsystem unterstützt, ist da nicht nur Altruismus im Spiel. In Deutschland ist der Konzern zurückhaltender. Mit Angeboten wie „Google Expeditions“ können die Schüler mit ihren Smartphones und Virtual-Reality-Brillen „Klassenreisen“ unternehmen. Auf Breitbandkabel und Klassen-W-Lan will der Konzern hier gar nicht erst warten. Die Schüler verbinden sich mit ihren eigenen Smartphones mit dem lokalen Hotspot, den der Lehrer aufgebaut hat, und gehen unter seiner Anleitung auf Reisen – auf die Chinesische Mauer oder auch in die Blutbahn des Körpers.

Doch er bietet noch mehr: „Open Roberta“ zum Beispiel, eine webbasierte Programmierumgebung für Schüler, die damit das Programmieren (Coding) lernen können. „Google ist ein Technologieunternehmen. Wir haben natürlich ein großes Interesse daran, dass sich sehr viel mehr Schüler als bisher für Technologie und Coding interessieren und Spaß daran haben, auch wenn nicht jeder von ihnen später Ingenieur oder Programmierer werden muss“, sagt Sabine Frank, Leiterin des Bereichs Regulierung, Verbraucher- und Jugendschutz bei Google Deutschland.

Unternehmen in Schulen sind ein heikles Thema

Der Internet-Riese hat sich in Deutschland allerdings namhafter Partner bedient, um die Programme zu entwickeln und zu betreiben, der Stiftung Lesen etwa und dem Fraunhofer-Institut, über dessen Server auch die Coding-Versuche der Schüler laufen. Aus gutem Grund: Unternehmen in Schulen waren und sind in Deutschland seit jeher ein heikles Thema – inzwischen vor allem wegen der Daten, die Lehrer und Schüler täglich produzieren, wenn die neue Welt erst installiert ist.

Denn in der Cloud wird alles gespeichert. Übt der Schüler mit einem Lernprogramm, hinterlässt er Spuren, die nicht nur Rückschlüsse auf seine kognitiven Fähigkeiten zulassen, sondern auch Prognosen über seine künftigen Abschlüsse. Das birgt Chancen und Gefahren, die man nicht den Unternehmen überlassen sollte. Die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka will die Fäden denn auch nicht aus der Hand geben: „Auch der digitale Wandel ändert nichts daran, dass der Staat für das Geschehen an unseren Schulen verantwortlich ist – und bleibt“, sagt sie. Noch erscheint die schöne neue Welt in weiter Ferne. Doch das könnte sich mit dem Ausbau der Infrastruktur ziemlich schnell ändern. Denn ist die technische Anwendung erst einmal gegeben, nutzen die Lehrer auch das Netz.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kloepfer, Inge (ink.)
Inge Kloepfer
Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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