SXSW-Festival

Zwischen Obama und „Grumpy Cat“

Von Roland Lindner, Austin
 - 04:10
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Der amerikanische Präsident Barack Obama ist im letzten Jahr seiner Amtszeit in Reiselaune. Im April will er nach Deutschland kommen und zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hannover Messe eröffnen. Bis dahin warten noch andere Großveranstaltungen auf ihn, zum Beispiel in dieser Woche im texanischen Austin.

Am Freitag soll Obama auf dem Technologie-, Musik- und Filmfestival „South by Southwest“ auftreten. Für die Veranstalter ist das Coup, denn zum ersten Mal in der dreißigjährigen Geschichte des Festivals gehört ein amtierender amerikanischer Präsident zu den Rednern. Und wenige Tage nach Barack Obama wird auch dessen Frau Michelle Obama auf der Bühne in Austin sein. Nicht jeder Festivalbesucher wird freilich den Präsidenten bei seinem Auftritt in einer Austiner Konzerthalle zu Gesicht bekommen können. Die Tickets werden über eine Lotterie vergeben. Wer nicht zum Zuge kommt, muss sich damit begnügen, das Ganze im Internet per Streaming zu verfolgen.

Obamas Besuch auf dem Tummelplatz für Technologiebegeisterte in Austin kommt zu einem interessanten Zeitpunkt. Denn die amerikanische Regierung liefert sich seit einigen Wochen eine heftige Auseinandersetzung mit dem Elektronikkonzern Apple, einem der prominentesten Technologieunternehmen der Welt. Das Justizministerium will Apple dazu bringen, das iPhone eines der beiden Attentäter zu entschlüsseln, die im Dezember im kalifornischen San Bernardino 14 Menschen getötet haben. Apple wehrt sich dagegen und hat eine Grundsatzdebatte über Privatsphäre und Sicherheit angestoßen.

Privatsphäre und Verschlüsselung

Obamas Auftritt soll sich offiziell darum drehen, wie die Technologiebranche bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen wie Klimawandel helfen kann. Aber es ist gut denkbar, dass ihm auch Fragen nach der Verschlüsselungsdebatte gestellt werden. Der Präsident wird sich dabei nicht darauf verlassen können, dass das Publikum ihm wohlgesonnen ist, denn wenn es um Themen wie die Wahrung von Privatsphäre geht, ist das Festival nicht gerade ein regierungsfreundliches Pflaster. Vor zwei Jahren erntete der frühere Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden, der Spionageprogramme der amerikanischen Regierung an die Öffentlichkeit gebracht hat, viel Applaus, als er bei einer Podiumsdiskussion aus seinem russischen Exil zugeschaltet wurde.

Was immer Obama sagen wird: Der Streit zwischen Apple und der Regierung wird in Austin auf jeden Fall eine Rolle spielen. Vor wenigen Tagen wurde das Programm um eine Podiumsdiskussion zum Thema Verschlüsselung ergänzt. Daneben gibt es eine Reihe anderer Veranstaltungen mit ähnlichen Schwerpunkten. Zum Beispiel eine Diskussion über Privatsphäre mit Vertretern der Technologieunternehmen Google, Microsoft und Facebook. Apple selbst scheint sich zumindest in Austin aus der Debatte herauszuhalten. Der Elektronikkonzern beschränkt seine Präsenz auf weniger kontroverse Dinge und schickt einen Manager für einen an Filmemacher gerichteten Workshop rund um seine Online-Plattform iTunes.

Von Obama über Iggy Pop bis Grumpy Cat

South by Southwest, auch „SXSW“ genannt, vereint drei verschiedene Veranstaltungen unter einem Dach. Neben der am Freitag beginnenden „SXSW Interactive“, die sich um Technologiethemen dreht, bilden Film und Musik jeweils eigene Schwerpunkte. Die breite Aufstellung des Festivals sorgt dafür, dass sich in Austin jedes Mal eine eigenwillige Mixtur von Zeitgenossen versammelt. Neben den Obamas können Besucher diesmal zum Beispiel auch Punklegende Iggy Pop sehen oder die zu Internetruhm gekommene Katze „Grumpy Cat“, die schon in den vergangenen Jahren zu den Stars in Austin gehörte.

Ursprünglich begann South by Southwest 1987 als kleine Musikkonferenz, und erst im Laufe der Jahre wurde der Aktionsradius ausgeweitet. Die SXSW Interactive war lange der kleinste Teil der Veranstaltung, ist aber mittlerweile zur stärksten Säule geworden. Im vergangenen Jahr hatte South by Southwest insgesamt 84.000 Besucher, wovon knapp 34.000 auf SXSW Interactive entfielen.

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Gerade für junge Start-Up-Unternehmen ist South by Southwest in den vergangenen Jahren zu einer immer wichtigeren Plattform geworden. Das hat damit zu tun, dass hier im Jahr 2007 der Kurznachrichtendienst Twitter seinen Durchbruch schaffte, als er rege von den Festivalbesuchern genutzt wurde. Seither schwebt über dem Festival jedes Mal die Frage, welches Unternehmen diesmal groß herauskommen könnte. Eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie Twitter hat es freilich nicht wieder gegeben, und bisweilen haben sich die Stars von South by Southwest als kurzlebige Phänomene herausgestellt. Im vergangenen Jahr zum Beispiel war die Smartphone-Anwendung Meerkat, die das Übertragen von Live-Videos ermöglicht, ein Festivalliebling. Aber schon nach kurzer Zeit wurde Meerkat vom Konkurrenzdienst Periscope abgehängt, der zu Twitter gehört. Mittlerweile hat sich Meerkat dazu gezwungen gesehen, den Schwerpunkt seines Geschäftsmodells zu verlagern, weg von den Live-Videoübertragungen, mit denen die App einst bekannt wurde.

Auch deutsche Start-Ups dabei

Dennoch kommen jedes Jahr wieder etliche Start-Ups mit großen Träumen nach Austin. 48 von ihnen werden auch diesmal wieder am Wettbewerb „SXSW Accelerator“ teilnehmen und nach dem Muster einer Castingshow im Fernsehen gegeneinander antreten. Dabei wird es auch drei deutsche Kandidaten geben. Spherie aus Hamburg und Splash aus Berlin werden in der Kategorie für Produkte rund um virtuelle Realität um den Sieg kämpfen. Das Berliner Unternehmen Lofelt ist im Wettbewerb von Start-Ups mit Unterhaltungstechnologien. Lofelt stellt ein Armband her, das es ermöglichen soll, Musik nicht nur zu hören, sondern zu fühlen, indem es Bassvibrationen durch den Körper fließen lässt. Schon im vergangenen Jahr gab es aus deutscher Sicht einen großen Erfolg. Das Hamburger Unternehmen Sonormed gewann den Wettbewerb in seiner Kategorie mit „Tinnitracks“, einer Musiktherapie für Menschen, die unter Ohrensausen („Tinnitus“) leiden.

Die Besucher der SXSW Interactive können aus einer verwirrenden Vielfalt von rund 900 Vorträgen und Podiumsdiskussionen auswählen. Viele von ihnen drehen sich um große Technologietrends wie künstliche Intelligenz, Roboter oder am Körper tragbare elektronische Geräte („Wearables“). Eine dreitägige Sonderveranstaltung gibt es zu Technologien, die das Eintauchen in virtuelle Welten erlauben („Virtual Reality“) oder das reelle Umfeld mit digitalen Bildern anreichern („Augmented Reality“). Eine der vielen Diskussionen ist dabei ausschließlich der Frage gewidmet, wie Virtual Reality die Pornoindustrie verändern könnte.

Zu den mit Spannung erwarteten Rednern in Austin wird diesmal Chris Urmson gehören, der für den Internetkonzern Google die Entwicklung selbstfahrender Autos verantwortet. Der Auftritt kommt nur kurz, nachdem Google zugeben musste, zum ersten Mal mit einem seiner Autos einen Unfall mitverursacht zu haben. Über eine andere Form des Transports in der Zukunft wird der in Deutschland geborene Dirk Ahlborn sprechen. Ahlborn will mit seinem Unternehmen die Hochgeschwindigkeitsbahn Hyperloop bauen, ein Projekt, das ursprünglich von Elon Musk vorgestellt wurde, dem Vorstandsvorsitzenden des Elektroautoherstellers Tesla.

Um das diesjährige Festival hat es schon vor einigen Monaten eine Kontroverse gegeben. So führte es im vergangenen Herbst zu einem Aufschrei, als zwei Podiumsdiskussionen aus dem Programm genommen wurden, die sich um Online-Belästigung in Videospielen drehen sollten. Begründet wurde dies damit, dass von mehreren Seiten mit Gewalt vor Ort in Austin gedroht worden sei. Daraufhin hagelte es Kritik an den Veranstaltern, denen vorgeworfen wurde, Redefreiheit zu unterdrücken, und mehrere Medien drohten mit einem Boykott von South by Southwest. Die Organisatoren machten schnell einen Rückzieher und kündigten an, eine ganze eintägige Sonderveranstaltung zum Thema Belästigung im Internet auszurichten. Es ist ein brisantes Thema in einer Zeit, in der sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter vorgeworfen wird, zu wenig gegen Hasskommentare zu tun. Und es ist ein Beispiel dafür, dass die ansonsten für ihren Technologieoptimismus bekannte Veranstaltung in Austin auch die Schattenseiten der digitalen Welt nicht ignorieren kann.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lindner, Roland (lid.)
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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