<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Diplomatische Akademie Wien

Eine Elite für den Weltfrieden

Von Michaela Seiser
 - 15:44
zur Bildergalerie

In der Favoritenstraße 15A im vierten Wiener Bezirk steht ein geschichtsträchtiges Palais. Auf dessen Grund spazierte schon die Regentin Maria Theresia. Denn wo heute die Diplomatische Akademie (DA) beheimatet ist, war einst die Sommerresidenz der Kaiserfamilie. Für viele seiner heutigen Benutzer ist es das Tor zur Welt. Julia Dorbandt geht jeden Tag hier ein und aus. Die 23 Jahre alte Studentin stammt aus Weiden in der Oberpfalz und studiert im ersten Jahr an der Diplomatischen Akademie. Hier bereitet sie sich auf eine internationale Laufbahn vor. „Diese Ausbildung eröffnet mir ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Ich kann maßgeschneidert wählen“, sagt sie. Die Programme seien sehr interdisziplinär angelegt. Trotzdem ist eine Spezialisierung möglich. „Es gibt viele Perspektiven.“

In Mannheim hat Julia Dorbandt ein Kultur- und Wirtschaftsstudium mit dem Bachelor abgeschlossen. Sie würde sich daher auf Wirtschaft spezialisieren. Eine Zukunft als Diplomatin ist für sie aber nicht die erste Wahl. Zwar hat sie in der deutschen Botschaft in Mexiko schon ein Praktikum gemacht – aber es sei für Frauen in der Diplomatie schwierig, Fuß zu fassen, sagt sie. Die meisten der Entsandten im höheren Diplomatischen Dienst sind tatsächlich Männer. Ihre Erklärung: „Es ist einfacher für Männer, mobil zu sein.“

Sie selbst hat seit ihrem sechsten Lebensjahr in Amerika gelebt, dann in Mexiko. Mit 14 Jahren kam sie zurück nach Bayern und stellte fest, wie schwierig die Anpassung ist. Bei einem Auslandssemester in Spanien hat sie Viola Christian getroffen. Die ist inzwischen 26 Jahre alt und hat Nordamerika-Studien in München absolviert. Ihr Vater ist Amerikaner, die Mutter Deutsche. Viola Christian weiß, was ein multikulturelles Leben bedeutet, sie ist zwischen verschiedenen Kulturen groß geworden. Über die Diplomatische Akademie hat sie im Internet gelesen und sich dann für diese zusätzliche Ausbildung entschieden. Ihre Erwartungen wurden erfüllt: Die Kurse seien vielseitig. Sie schätzt den Überblick über Menschenrechte, Migration, Geschlechter, EU-Recht. Es sei eine perfekte Kombination in einem internationalen Umfeld. „Man lernt hochkarätige Leute kennen“, sagt sie. Jeder hier ist zwischen mehreren Kulturen aufgewachsen. Da gehe es nicht nur darum, Sprachen zu sprechen, sondern Völker zu verstehen. „Wir können in Komitees mitwirken und einen Ball mitgestalten.“ Da bekomme man praktisches Wissen. Regelmäßige Treffen von Absolventen schweißen diese kleine Gemeinschaft zusätzlich zusammen.

„Auf der Uni ist man eine Matrikelnummer. Hier weiß jeder deinen Namen“

Die beiden Studentinnen genießen die intensive Betreuung: „Auf der Uni ist man eine Matrikelnummer. Hier weiß jeder deinen Namen. Das ist schön“, sagt Viola Christian. Tatsächlich kommen auf 180 Studenten 70 Professoren. Nach Angaben der Direktion kann keine andere postgraduale Bildungseinrichtung mit einem solchen Betreuungsverhältnis aufwarten. Weinwanderungen, Picknicks, Museumsbesuche sowie Filmabende verstärken das familiäre Ambiente für die Studenten, die aus allen Teilen der Welt kommen.

Viola teilt ihre Zeit zwischen Masterarbeit und Bewerbungsschreiben auf. Sie möchte in Wien bleiben, wo unter anderen die Unido – die Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung – einen Sitz hat. Andererseits interessiert sie sich für Nichtregierungsorganisationen (NGO). „Am liebsten würde ich für ein Gender-Projekt arbeiten oder im Umweltbereich“, sagt sie. Sie findet es durch ihre multikulturelle Herkunft spannend, in der Welt herumzukommen: „Heimat ist kein Ort, sondern das Gefühl, sich überall zu Hause zu fühlen.“

Wer es wie Viola Christian oder Julia Dorbandt an die Diplomatische Akademie geschafft hat, gehört zu einer Auslese. Der Andrang ist groß, wie Emil Brix, der Leiter dieser traditionsreichen Einrichtung, berichtet. 700 Interessenten bewerben sich, für 100 ist Platz. „Wir können es uns leisten, die Besten zu nehmen“, sagt er. Die zugelassenen Bewerber haben alle einen exzellenten Notendurchschnitt, sprechen sehr gutes Englisch, und sie haben ein herausragendes Motivationsschreiben verfasst, dem ein hoher Stellenwert zukommt. Akademische Empfehlungen werden vorausgesetzt.

Wer aufgenommen wird, entscheidet sich für eine kostspielige Ausbildung mit fünfstelligen Gebühren. Bis zu einem Notendurchschnitt von 1,5 wird im zweiten Studienjahr die Hälfte dieser Gebühren erlassen. Zwar gibt es verschiedene Stipendien. Doch „ohne die Unterstützung meiner Eltern könnte ich das nicht bewältigen“, sagt Julia Dorbandt. So dürfte es vielen hier gehen. Die Kosten führen zur Beschleunigung des Studiums. „Dadurch, dass es so viel kostet, muss man sich anstrengen, um rasch fertig zu werden. Gut, dass dieser Druck besteht“, sagen die beiden Studentinnen. Auch Viola Christian studiert mit familiärer Hilfe und Nebenjobs. Ihr Ziel sei es, sinnstiftend zu arbeiten und zumindest auf ein Einstiegsgehalt von 2500 Euro im Monat zu kommen. Der Titel ihrer Masterarbeit lautet: Frauen und revolutionäre Bewegungen im Kalten Krieg – der Fall Ulrike Meinhof.

„Wien ist die Welthauptstadt der Diplomatie“

Entgegen des Rufs in der breiten Öffentlichkeit ist die DA keine ausschließliche Kaderschmiede für Diplomaten. Die große Mehrheit landet in der Wirtschaft, in internationalen Organisationen oder im öffentlichen Dienst. Warum Wien so ein guter Boden für angehende Diplomaten und polyglotte Spezialisten ist, begründet Emil Brix – selbst Absolvent der Akademie und viele Jahre als Botschafter, zuletzt in Moskau, seinem Land dienend – so: „Wien ist die Welthauptstadt der Diplomatie.“ Er spricht damit den Wiener Kongress und die Diplomatenkonvention an. Zudem hat Wien eine lange Tradition in Fragen des Völkerrechts sowie eine Nähe zu internationalen Einrichtungen: Die Stadt ist der einzige UN-Sitz in der EU.

In der als Wiener Kongress bezeichneten Langzeittagung, die zwischen September 1814 und Juni 1815 stattfand, ordnete sich nach der Niederlage Napoleon Bonapartes in den Koalitionskriegen Europa neu. Nachdem sich die politische Landkarte des Kontinents als Nachwirkung der Französischen Revolution erheblich verändert hatte, legte der Kongress wiederum zahlreiche Grenzen neu fest und schuf neue Staaten. Weil sich die Gastgeber bemühten, den Aufenthalt der Kongressteilnehmer möglichst angenehm zu gestalten, wurde viel gefeiert und in den Salons intrigiert. Die Abfolge geselliger Ereignisse, Bälle und sonstiger Vergnügungen veranlasste Charles Joseph Fürst von Ligne in einem Brief an den französischen Staatsmann und Diplomaten Talleyrand vom 1. November 1814 zur Äußerung: „Der Kongress tanzt, aber er kommt nicht vorwärts. Es sickert auch nichts durch als der Schweiß dieser tanzenden Herren.“ Der zweite von Brix angesprochene wichtige Markstein – das Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen (WÜD) – ist die Neufassung und Kodifikation des gewohnheitsrechtlich entwickelten Diplomatenrechts. Dieser völkerrechtliche Vertrag wurde nach Vorarbeiten der Völkerrechtskommission der UNO 1961 in Wien abgeschlossen und ist seit dem 24. April 1964 in Kraft. Das Abkommen regelt den diplomatischen Verkehr einschließlich Immunität der Diplomaten.

Dass die DA die älteste ihrer Art ist, verdankt sie der Weitsicht Maria Theresias. Die Monarchin hat erkannt, dass nach der Logik des Krieges am besten eine Strategie des Dialogs fruchtet. Das bedeutete, Türkisch zu lernen, um die wichtigsten Gegner – das Osmanische Reich – zu verstehen. Hinter der 1754 eröffneten Akademie der Orientalischen Sprachen (und damit des Vorläufers der jetzigen Akademie) standen klare Herrschaftsinteressen, nämlich disziplinierte und loyale Dolmetscher in einem Internatsbetrieb mit Betonung auf der Einhaltung der Sitten, Andacht und Gehorsam mit striktem Sprachdrill auszubilden. Bis zu ihrer Einrichtung hatte die Orientalistik in Wien keine wirklich breite Basis erhalten, obwohl es immer wieder aufgrund der Konfliktlagen mit dem Osmanischen Reich und den zwei Türken-Belagerungen Wiens das dringende Bedürfnis gab, sich intensiv mit dem Kulturraum des Gegners auseinanderzusetzen. Aus den Gegebenheiten der damaligen Zeit – der unmittelbaren Nachbarschaft des Habsburger Imperiums zum Osmanischen Reich –, dem dadurch herrührenden Bedürfnis und wohl auch der Notwendigkeit, diplomatische Kontakte sowie Handelsbeziehungen herzustellen, entstanden die ersten Überlegungen, die türkische Sprache zu erlernen. Diese Strategie ist auch heute aktuell. Eine faire Weltordnung setze eine Logik des Dialogs voraus, findet Brix. Daher stehen in der Ausbildung neben Geschichte, Geographie, Kultur und Religion weiche Inhalte im Vordergrund. Dazu gehören Empathie und das Wissen, wie man mit anderen umgeht. Gefragt seien emotionale Intelligenz und Vertrauen, heißt es.

Zehn Prozent aus Deutschland

Für deutsche Studenten ist dies nicht Teil der Ausbildung als angehende Diplomaten. Doch gibt es reges Interesse. Von 180 Studenten sind zehn Prozent Deutsche. Nach ihrer Beendigung sind sie in verschiedensten Funktionen anzutreffen. Friedrich Däuble beispielsweise hat es nach diversen Stationen im Ausland wieder in die Donau-Metropole gezogen, wo er derzeit Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen ist. Die Weltordnung bestimmt die Zukunft der Akademie mit: „Wir müssen bedenken, dass wir in ein asiatisches Jahrhundert gehen. Daran wird man nicht vorbeikommen“, skizziert Brix die strategische Ausrichtung. Da werde man stärkere Schwerpunkte setzen müssen. Es gibt Austauschprogramme mit den Universitäten Stanford, Bologna, Jerusalem, Moskau.

Für ihn ist die wichtigste Anforderung die Bereitschaft, interdisziplinär zu denken. Als wegweisend sieht Brix die Idee der digitalen Diplomatie: Das seien neue Zugangsweisen für Diplomaten und internationale Beziehungen. „Für Verhandeln und Dialogführung genügen nicht mehr die klassischen Modelle. Man muss firm sein im digitalen Bereich“, sagt er. Big Data und Kryptowährung seien Herausforderungen, denen sich auch seine Zunft stellen müsse. Mit seinem Stab versucht er daher, eine entsprechende Ausbildung zu entwickeln. Am Ende soll ein Masterprogramm für digitale Internationale Beziehungen stehen. Zusammengearbeitet wird hier mit der Universität Jerusalem wegen deren Kompetenz in technischen Detailfragen. Frühestens im Wintersemester 2020/21 dürfte das Programm eröffnet werden.

Die Kosten für das Studienjahr 2018/19 belaufen sich bei allen Programmen auf 12 900 Euro. Das begehrteste ist der zweijährige interdisziplinäre „Master of Advanced International Studies“. Der Schwerpunkt liegt hier auf Politikwissenschaft und internationalen Beziehungen, Wirtschaft, Geschichte und Recht. Dabei konzentrieren sich die Studierenden auf jene Disziplinen, die nicht Teil ihres vorangegangenen Studiums waren. Ein Jurist wird sich etwa verstärkt mit Wirtschaft auseinandersetzen. Der zweijährige „Master of Environmental Technology & International Affairs“ verbindet eine technische mit einer umweltpolitischen Ausbildung in internationalen Beziehungen. In einem einjährigen postgradualen Lehrgang in internationalen Beziehungen entwickeln die Studenten in einem multikulturellen Umfeld Verständnis für internationale Zusammenhänge und Problemstellungen. Schließlich sind Karrieren in internationalen Organisationen oder im Diplomatischen Dienst begehrt. Zudem gibt es noch ein „Doctor of Philosophy“-Programm. Mit diesem Fächermix und der neuen digitalen Ausrichtung ist die Diplomatie seit der Zeit der Donau-Monarchie längst im Republikanischen angekommen.

Quelle: F.A.Z.
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenWienAusbildungMaria TheresiaStudentenUNMexikoFrauenMänner