Fragwürdige Standards

Ekelwurst mit Auszeichnung

Von Jan Grossarth
 - 21:57

Ob im Edeka, Norma, Aldi, Rewe oder Lidl: Hunderte Lebensmittel tragen als Qualitätssiegel die Medaillen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG). Die gibt es zuhauf – und offenbar allzu einfach. Das meinen nun etwa auch Verbraucherpolitiker wie Johannes Fechner (SPD) und Volker Ulrich (CSU), die an der Vertrauenswürdigkeit des Siegels zweifeln.

Anlass der Diskussion war eine Recherche des ZDF-Magazins „Frontal 21“. Das hatte im Namen einer Scheinfirma den Preisrichtern der DLG eine gepanschte Wurst vorgesetzt. Die Wurst bestand zu 46 Prozent aus Separatorenfleisch – einem Pressbrei aus Knochenfleisch und Knochenmark, dessen Beigabe in Fleischprodukte laut Gesetz kennzeichnungspflichtig ist. Die Wurst war darüber hieraus mit einem Anteil von 27 Prozent Wasser „gestreckt“ – und erhielt die DLG-Medaille in Silber.

Verbraucher dürften von einem solchen Siegel allerdings erwarten, dass es Aufschluss auf Qualität gibt – etwa die Keimbelastung oder die Wahrheit der Inhaltsangaben. Doch die DLG verlässt sich in dieser Sache auf die Herstellerangaben, wie sie in einer Stellungsnahme am Mittwoch unterstrich. An der Lauterkeit einiger der vielen dutzend deutschen Wurstersteller, Zulieferer und anderer Fleischverarbeiter sind aber Zweifel angebracht. Gerade kürzlich waren am Landgericht Osnabrück Unternehmer angeklagt, die an Fleischverarbeiter als Zwischenlieferant Separatorenfleisch geliefert hatten – laut dem Gericht teils, ohne es als solches zu benennen. Das Betrugsprozess wurde gegen eine Geldzahlung von 75.000 Euro eingestellt.

Tochtergesellschaft verdient an den Tests

Die Auszeichnung mit einem angesehenen Gütesiegel wirft Fragen in Richtung der DLG auf. Diese argumentiert, es wäre selbst labortechnisch leider unmöglich, Separatorenfleisch-Beigaben nachzuweisen. Aber das versuchen die Tester für die DLG auch nicht: Überwiegend basiert deren Urteil „Silber“, „Gold“ oder „Bronze“ auf sogenannten sensorischen Tests. Testpersonen, meist aus der Lebensmittelindustrie, machen dafür etwa verschiedene Geschmackstests oder beurteilen die Konsistenz und den Geruch.

Die peinliche Auszeichnung für die falsche Wurst wirft nun ein Licht auf dieses aus dem Lebensmittelhandwerk kommende Verfahren, für das es allerdings sogar einige DIN-Normen gibt. Es stellt sich die Frage, inwieweit die Siegelvergabe für die DLG selbst zu einem rentablen Geschäftsmodell geworden ist. Dafür spricht, dass die als landwirtschaftlicher Wissensverein vor mehr als 130 Jahren gegründete DLG eine Tochtergesellschaft dafür gegründet hat: Die DLG TestService GmbH. Wie diese Zeitung erfuhr, setzt diese im Jahr mindestens einen einstelligen Millionenbetrag um.

„Bronze“ ist kein Gütenachweis

Der Umfang der Tests gibt einen Eindruck bezüglich des Geschäftsvolumens: Rund 30.000 Lebensmittel durchlaufen im Jahr den Test, teilte ein Sprecher am Mittwoch auf Anfrage mit. Die Hersteller zahlten jeweils 105 bis 698 Euro dafür.

Die Kriterien für die Vergabe seien nicht gerade streng, war aus kritischen Insiderkreisen zu vernehmen. Eine gewöhnliche Wurst bekomme „Gold“, eine mit Abstrichen schmackhafte noch „Silber“, und „Bronze“ sei schon alles andere als ein Gütenachweis. „Die drei Stufen entsprechen nicht den Schulnoten 1, 2 und 3, sondern tatsächlich eher 3,4 und 5“, sagte der Insider.

Die DLG erwiderte, sie könne diese Ansicht nicht nachvollziehen. Die Kriterien seien auf der Website der Organisation veröffentlicht und transparent, so der Sprecher. Jedoch sprechen die Zahlen für die laxe Vergabe: Nur 5 bis 20 Prozent der getesteten Lebensmittel erhalten kein Qualitätssiegel. Der Sprecher stellte vielmehr die DLG als das Opfer des medialen Geschehens dar. Die ZDF-Journalisten hätten eine falsche Angabe gemacht, was die Inhaltsstoffe betreffe. „Wir sind bewusst getäuscht worden“, schrieb der Sprecher dieser Zeitung.

Zur prämierten Test-Wurst für „Frontal 21“ sagte deren Hersteller, der westfälische Metzgermeister Franz Josef Voll: „Es ekelt mich an, so etwas zu machen. Wir haben wirklich, wenn ich das Wort so verwenden darf, Schund genommen.“ Die Verwendung von Separatorenfleisch vom Rind ist seit dem BSE-Skandal der frühen 2000er Jahre verboten, die gekennzeichnete von Geflügelfleisch ist erla

ubt. Der Wurst wurde Proteinpulver aus Blut zugesetzt, um die Wasserzugabe zu verdecken.

Gar nicht so einfach
So wird vegetarische Wurst gemacht
© picture-alliance/dpa/M. Wüstenhagen, Deutsche Welle

Der größte Schlachtkonzern Tönnies gab an, Separatorenfleisch an Verarbeiter zu verkaufen, es selbst aber nur als Tierfutter zu verarbeiten: „Wir sehen es als unsere Pflicht an, Fleisch, das von einem Nutztier stammt, auch bestmöglich zu verwenden.“ Die Verbraucherorganisation Foodwatch bemängelte, es sei völlig unklar, wofür genau die rund 70.000 Tonnen in Deutschland verarbeiteten Separatorenfleisches verwendet würden.

Quelle: F.A.Z.
Jan Grossarth
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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