Elektromobilität

Aufladen in weniger als zehn Minuten

Von Henning Peitsmeier, München
 - 21:02

Es ist eine Zusammenarbeit führender Automobilhersteller, die nicht sogleich unter Kartellverdacht gerät: BMW, Daimler, Volkswagen und Ford wollen gemeinsam ein flächendeckendes Netz von Stromladepunkten an allen Fernstraßen in Europa errichten – und damit endlich die Ära der Elektromobilität einläuten.

Den Plan dazu haben die vier Partner schon vor gut einem Jahr veröffentlicht, aber erst jetzt wurde er umgesetzt. Basis ist das neue Gemeinschaftsunternehmen mit dem Namen Ionity, in dem vom kommenden Jahr an zunächst 50 Mitarbeiter am Firmensitz in München beschäftigt sein werden. Ionity kündigte am Freitag an, noch in diesem Jahr 20 Stromtankstellen bauen zu wollen. Bis 2020 sollen es 400 Schnellladestationen sein. Ein europaweites Hochleistungs-Ladenetz sei „für die Marktdurchdringung der Elektromobilität unabdingbar“, erklärte Ionity-Geschäftsführer Michael Hajesch, der zuvor für BMW arbeitete. Er versprach, den Fahrern von Elektroautos ihre Reichweitenangst zu nehmen. Bisher ist es ihnen fast unmöglich, mit ihren Stromern lange Strecken zu absolvieren. Ionity will das mit einem dichten Netz von Schnellladesäulen an den Hauptverkehrsachsen des Kontinents ändern. Mindestens alle 120 Kilometer soll es künftig Möglichkeiten zum Laden geben. Schnelles Laden gegen digitale Bezahlung lautet das Geschäftsmodell des Unternehmens.

Konkurrenz für Daimler & Co
Das E-Auto aus der Hochschule für den kleinen Geldbeutel
© DW, Deutsche Welle

Ionity verspricht zudem eine recht hohe Geschwindigkeit des Ladevorgangs. Mit einer Leistung von bis zu 350 Kilowatt können Elektroautos dort dann deutlich schneller geladen werden als an herkömmlichen Ladesäulen. Fachleute gehen davon aus, dass das Laden in weniger als 10 Minuten möglich ist. Verwendet wird der Ladestandard CCS, den alle Stromer der beteiligten vier Autokonzerne unterstützen. Bislang gibt es aber kaum Elektromodelle, die so viel Energie auf einmal aufnehmen können. Selbst der BMW i3, Vorzeige-Stromer des Münchner Autoherstellers, verkraftet nur 50 Kilowatt. Erst die nächste Generation von Elektrofahrzeugen wird bereit sein für 350 Kilowatt.

Eine Kampfansage an Elektropionier Tesla

Dass von der Ankündigung des Gemeinschaftsunternehmens bis zu seinem operativen Startschuss so viel Zeit vergangenen ist, hat nicht nur damit zu tun, dass gleich vier Autohersteller gemeinsame Sache machen. Auch die Prüfungen durch die Kartellbehörden haben lange gedauert. Und die Verhandlungen über Stromlieferanten und Standorte der Ladesäulen wiederum haben gerade erst begonnen. Als Kooperationspartner hat Ionity bisher die deutsche Tank & Rast mit ihren Rastanlagen an den Autobahnen gewonnen sowie den internationalen Tankstellenbetreiber Circle K und den österreichischen Mineralölkonzern OMV. Die 400 Ladesäulen will Ionity bis 2020 vorrangig in Deutschland, Österreich und Norwegen errichten. Wie aus dem Unternehmensumfeld zu hören ist, rechnen die vier Kooperationspartner mit Investitionen von mehreren hundert Millionen Euro. Selbstbewusst ist vom „Aufbau des leistungsstärksten Schnellladenetzes“ die Rede. Das darf getrost als Kampfansage an den amerikanischen Elektropionier Tesla gewertet werden, der an den Fernstraßen in Europa schon eigene Ladesäulen errichtet hat. Doch die sogenannten „Supercharger“ von Tesla erreichen eben nicht jene 350 Kilowatt.

Obgleich auch Stadtwerke und Stromkonzerne wie etwa der drittgrößte deutsche Energieversorger EnBW Ladesäulen in Betrieb genommen haben, ist die Infrastruktur heute völlig unzureichend. Nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) existieren hierzulande nicht einmal 11000 Ladepunkte, darunter nur 600 Schnellladestationen. Für die von der Bundesregierung als Ziel ausgegebenen eine Million Elektrofahrzeuge wären aber mehr als 70000 Ladepunkte nötig. Der Bau von Lade-Infrastruktur ist eine wichtige Voraussetzung, um der Elektromobilität zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Fachleute der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) sind davon überzeugt, dass Elektrofahrzeuge vom Jahr 2030 an die Hälfte des globalen Automobilmarktes ausmachen werden. Und fünf Jahre früher wird der Wendepunkt für Elektromobilität aufgrund sinkender Batteriekosten, strengerer Vorschriften und größerer Nachfrage erreicht. Zu diesem Ergebnis kommen die BCG-Fachleute in ihrer jüngsten Studie „The Electric Car Tipping Point“, die dieser Zeitung vorliegt. Die Kehrseite dieser Entwicklung: Der Marktanteil von Verbrennungsmotoren wird von 96 auf 50 Prozent schrumpfen. Größter Verlierer ist danach der Selbstzünder, der immer höhere Investitionen erfordert, um die Emissionsgrenzwerte zu erfüllen. „Dies wird zu einem deutlichen Rückgang der Nachfrage nach Dieselmotoren führen“, sagte BCG-Fachmann Andreas Dinger.

Quelle: F.A.Z.
Henning Peitsmeier - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
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