Stromausfälle auf der Krim

Kurzschluss in Russlands Versorgung

Von Benjamin Triebe, Moskau
 - 13:57

Vier entführte Siemens-Turbinen sichern allein keine funktionierende Elektrizitätsversorgung. Das zeigte vor wenigen Tagen ein großflächiger Stromausfall auf der Krim. Hohe Temperaturen auf dem russischen Festland hatten zu einer Überlastung des Netzes geführt, und die Versorgung der annektierten Halbinsel über Unterwasserkabel musste abgeschaltet werden. Mit den vier Gasturbinen, die Russland trotz Sanktionen mit Tricks auf die Krim brachte, sollen zwar zwei im Bau befindliche Kraftwerke bestückt und der Strommangel endgültig beseitigt werden. Doch ist derzeit nicht klar, wie schnell dieser Plan aufgehen wird.

Siemens lieferte die Turbinen in dem Glauben, sie seien für ein politisch ungefährliches Kraftwerksprojekt auf dem Festland bestimmt. Als Reaktion auf diesen Irrtum hat der Münchener Konzern sein Geschäft in Russland eingeschränkt. Die Lieferung von Kraftwerksausrüstung an staatliche Kunden ist so lange gestoppt, bis sie Siemens garantieren, dass die Anlagen auch dort bleiben, wo sie laut Liefervertrag hingehören. Ferner trennt sich Siemens von der Minderheitsbeteiligung an einem russischen Unternehmen, das laut Berichten an dem Schmuggel der Turbinen auf die Krim beteiligt war und helfen könnte, sie in Betrieb zu nehmen.

Dass es mit den Siemens-Turbinen Anlaufschwierigkeiten geben könnte, ist Russland bewusst: Ende Juli kündigte das Energieministerium an, ein weiteres Kraftwerk als Auffangsystem auf der Krim zu bauen, diesmal mit einer Leistung von 100 bis 120 Megawatt. Die beiden Kraftwerke, die derzeit für die Siemens-Turbinen errichtet werden, haben eine Kapazität von zusammen 940 Megawatt. Sie sollen im ersten Halbjahr 2018 teilweise ans Netz gehen. Doch Installation, Start und Wartung solch großer, technisch höchst komplizierter Erdgasturbinen sind eine Herausforderung. Sie erfordern üblicherweise das Wissen des Herstellers – zumindest dann, wenn die Anlagen effizient und langlebig arbeiten sollen.

Russland hat den technologischen Anschluss verloren

Es ist klar, dass Siemens dafür auf der Krim keine Hand reichen wird. Die kleinen Gasturbinen, wie sie in dem zusätzlichen Kraftwerk verwendet werden sollen, können russische Unternehmen jedoch selbst herstellen. Das Wissen zur Fabrikation großer Turbinen hat Russland nach dem Ende der Sowjetunion verloren. In den Wirren der neunziger Jahre wurde angesichts maroder Staatsfinanzen kaum in die Stromversorgung investiert; die Hersteller verpassten den Anschluss an den Fortschritt.

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Als nach der Jahrhundertwende der Erdölpreis stieg, wurde zwar stark in neue Großkraftwerke investiert, aber die Betreiber bevorzugten den Einkauf von Turbinen im Ausland. Nur mit deutlich mehr Zeit- und Geldaufwand hätten russische Hersteller die Lücke schließen können. Vom damaligen Standpunkt her war die Entscheidung der Kraftwerksbetreiber verständlich. Inzwischen wird in Russland zwar an der Entwicklung eigener Hochleistungsturbinen gearbeitet, aber die Serienreife ist noch nicht erreicht.

Die Krim braucht neue Kraftwerke

Nach dem Ende der Stromversorgung durch die Ukraine braucht die Krim allerdings schon heute große Kraftwerke. Kohle ist auf der Halbinsel nicht vorhanden, Erdgas schon – auch dank einer Pipeline vom russischen Festland. Die benötigten Gasturbinen konnten in Russland nur vom Gemeinschaftsunternehmen Siemens Gas Turbine Technologies hergestellt werden, das Siemens dominiert und mit dem russischen Partner Power Machines betreibt. Dort wird ein Großteil der Wertschöpfung beim Bau dieser Turbinen erbracht, wenn auch noch oft mit importierten Teilen.

Ein Import ganzer Turbinen wäre hingegen unter die Krim-Sanktionen gefallen. Es ist nicht ohne Ironie, dass mit Moskaus Turbinen-Trick ausgerechnet jenes Gemeinschaftsunternehmen kompromittiert wird, das vielleicht am meisten für den Technologietransfer zum Bau dieser Anlagen nach Russland getan hat. Andere ausländische Hersteller wie General Electric aus den Vereinigten Staaten und Mitsubishi aus Japan dürften sich den Fall genau ansehen.

Der größte russische Produzent von Kraftwerksausrüstung ist Power Machines – der Minderheitspartner mit 35 Prozent an Siemens-Allianz und ein Unternehmen des Magnaten Alexei Mordaschow. Power Machines ist zugleich der größte russische Maschinenbauer. Das Unternehmen steigerte den Umsatz 2016 um 18 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar; es blieb jedoch nur ein kleiner Betriebsgewinn und unter dem Strich ein Verlust von 64 Millionen Dollar. Die Verschuldung ist hoch. Die von der Ratingagentur Moody’s Investors Service als schwach bezeichnete Finanzlage dürfte sich 2017 weiter verschlechtern. Auch die Nachfrage auf dem Inlandmarkt, auf den Power Machines angewiesen ist, sei schwach.

Investitionszyklus für neue Anlagen gerade abgeschlossen

Tatsächlich wurde in Russland ein Investitionszyklus für neue Anlagen gerade abgeschlossen. In den kommenden fünf Jahren werden laut Medienberichten Gaskraftwerke mit rund 6 Gigawatt ans Netz gehen, aber die Ausrüstung sei mehrheitlich schon gekauft. Große Kraftwerksbetreiber erklärten, der Siemens-Lieferstopp habe deshalb derzeit auf sie keine Auswirkungen – abgesehen davon, dass die Deutschen die sehr lukrativen Wartungsarbeiten an bereits gelieferter Ausrüstung ohnehin weiterführen.

Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich Siemens in einem nächsten Schritt ganz vom russischen Markt zurückziehen könnte. Im Energieministerium werden bereits Pläne zur Modernisierung alter Kraftwerke gewälzt, die 2019 beginnt und rund 45 Gigawatt an Kapazität betreffen könnte. Das Programmvolumen wird laut der Bank Renaissance Capital auf 24 Milliarden Dollar veranschlagt. Ob sich Siemens ein Stück von diesem Kuchen entgehen lassen möchte, muss sich erweisen. Davor gewarnt hat jedoch der ukrainische Außenminister Palow Klimkin, der zugegebenermaßen parteiisch gegen Russland ist. In einem Gastbeitrag für die Tageszeitung „Die Welt“ hat er jüngst Siemens und andere Unternehmen der westlichen Welt von Geschäften mit russischen Staatsbetrieben abgeraten – und es diplomatisch formuliert: „Wenn ihr ihnen die Hand schüttelt, zählt danach eure Finger.“

Quelle: F.A.Z.
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