Ökostrom

Die Baustelle

Von Andreas Mihm, Berlin
 - 16:46
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In der Zukunftswerkstatt der Energiewende sieht es aus wie auf einer Baustelle. Ein paar Zangen, ein Ratschenschlüssel lehnen an der grob verputzen Mauer. Von der Decke baumelt ein Spannungsprüfer, Messgeräte auf dem Arbeitstisch. Im Wandregal Kabelrollen, grün, rot, schwarz, grau. Oben Pappkartons, unten Plastikboxen. Nicht zu übersehen ist ein übergroßer Verteilerkasten. Strom- und andere Anschlüsse ragen aus der Blechverkleidung. In einer Halterung klemmt ein iPad. Der Bildschirm leuchtet: LO3 Energy Microgrid.

Vor dem iPad steht Lawrence Oresini und redet. Lawrence ist Chef und Gründer von LO3 Energy. Sein Unternehmen handelt mit Strom. Viele Kunden in Brooklyn hat er noch nicht. Dennoch ist sein Kellerraum im New Yorker Stadtbezirk Brooklyn weltweit bekannt. Besucher geben sich die Klinke der Stahltür in die Hand. Aus Japan, Taiwan, China, Deutschland. Lawrence lacht. Erst am Vortag waren Deutsche da. Auch das Bundesumweltministerium hat sich schon mal umgesehen. Jetzt löchert ihn eine vom Bundesforschungsministerium organisierte Delegation mit Vertretern aus Industrie, Hochschulen und Medien.

Strom von den Nachbarn

Das Interesse kommt nicht von ungefähr. Oresini will in New York eine dezentrale Stromversorgung aufbauen. Er plant ein Netz, in dem Nachbarn Nachbarn mit Strom versorgen. Zum Beispiel mit Sonnenstrom vom Dach. Oder aus einem Gaskraftwerk um die Ecke. Das liefert Wärme und Strom, wenn die Sonne nicht scheint oder die Batterie alle ist. Das kommt den Deutschen irgendwie bekannt vor – ist in New York aber überraschend. Energiewende auf Amerikanisch? Wollte Präsident Donald Trump nicht Kohle bevorzugen und den Klimavertrag kündigen?

In Brooklyn, wo die Straßenzüge seit Jahren immer schicker werden, hält man nicht viel von Trump. Aber viel von lokalen Produkten. Warum nicht auch Strom? Ein paar Häuser haben sie an das Microgrid angeschlossen. Eines gehört Scott Kessler. Scott ist Managing Director bei LO3 Energy. Er sagt: „Wir wollen viel mehr als nur das Brooklyn-Microgrid.“ Sein Ziel ist ein „transaktives Netz“. Das verbindet Verbraucher und Erzeuger in Echtzeit. Scotts iPad zeigt den aktuellen Strompreis, zu dem sich seine Kunden beliefern lassen können: den ganz billigen aus Atomkraft, günstigen aus Kohle, den teureren aus dem Gaskraftwerk und den ganz teuren aus der Nachbarschaft.

Auch deutsche Anbieter zeigen Interesse

Beim „Nachbarschaftsstrom“ sei das Angebot knapp, die Nachfrage aber hoch. Das treibt den Preis, denn in Brooklyn subventioniert kein Erneuerbare-Energien-Gesetz die Ökostromförderung. Ob das Geschäftsmodell fliegt? Da werden Lawrence und Scott, sonst recht redselig, einsilbig. Lieber als über die Zahlen reden sie über Technologie, die Blockchain-Technologie, auf der ihr „transaktives Netz“ basiert. Die Blockchain habe, glauben Fachleute, das Zeug, die Energiewirtschaft von Grund auf zu verändern. Computer speichern dabei rechtssicher jeden Schritt im Verkaufs-, Liefer- und Abrechnungsprozess, Zwischenhändler werden überflüssig. Der deutsche Traum von der dezentralen und transparenten Stromversorgung könnte also in Amerika Wirklichkeit werden. Einen Moment lang sieht es so aus, als drohe der deutschen Energiewende in Brooklyn der Schneid abgekauft zu werden.

Doch das täuscht. Denn längst suchen auch deutsche Energieunternehmen Möglichkeiten, sich diese neue Technologie zunutze zu machen. Denn im Idealfall könnte sie drängende Probleme der immer teurer werdenden Energiewende zumindest etwas lindern. Der Batteriehersteller Sonnen und der Netzbetreiber Tennet verkündeten dieser Tage als Erste ein Pilotprojekt. Sie wollen Tausende dezentraler Sonnenstromspeicher in deutschen Kellern verbinden und dazu nutzen, Schwankungen im Übertragungsstromnetz in Sekundenbruchteilen auszugleichen. Steuerung, Abrechnung und Archivierung übernimmt das Blockchain-Computernetz.

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Weniger Windstrom wegwerfen

„Wir müssen es schaffen, die stark vom Wetter abhängige erneuerbare Stromproduktion flexibel zu steuern“, sagt Tennet-Chef Urban Keussen. Die Blockchain bietet dazu „neue Möglichkeiten, auch dezentrale, verteilte Anlagen sicher und intelligent überregional aus einer Hand zu vernetzen“. Künftig müsse man weniger Windstrom wegwerfen, „weil wir ihn nicht transportieren können“. Das könnte den Verbrauchern bares Geld sparen. Denn heute muss Keussen für „weggeworfenen“ Windstrom zahlen. Er legt das auf die Verbraucher um. Das kostete die bundesweit zuletzt 800 Millionen Euro.

Groß sind die Erwartungen in das Hightech-Projekt, auch wenn es erst einmal klein anfängt. Gerade einmal 24 Megawatt Leistung bringen die vernetzten Batteriespeicher. Das ist mehr als im Laborversuch, sagt Keussen. Aber gemessen an den Volumina, die die Ingenieure auf den Tennet-Leitwarten ausgleichen müssen, sind 24 Megawatt nicht gerade üppig.

Stromautobahnen unter der Erde

Andererseits: Derzeit sind in Deutschland 1,7 Millionen Wind-, Photovoltaik- und Biogasanlagen am Netz. Könnte man die in Zukunft mittels intelligenter Technik zu einigen wenigen virtuellen Kraftwerken zusammenfassen und womöglich mit Speichern ausstatten, würde die Elektrizitätsversorgung sicherer, effizienter und wirtschaftlicher. Ein großes Ziel – und doch ist das nur eine der vielen Baustellen der Energiewende.

Auf einer anderen arbeitet sich die Bundesnetzagentur seit Mitte der Woche ab. In Magdeburg gab sie den Startschuss zu einer ganzen Serie von Planungskonferenzen, die die Basis für den Neubau von Stromautobahnen durch Deutschland legen soll. Neu ist daran, dass die Leitungen unterirdisch als Kabel geführt werden sollen, um Proteste gegen die „Monstertrassen“ zu verhindern. Der Bundestag hatte die Verkabelung vor zwei Jahren verfügt, obwohl Freileitungen billiger wären. Die Folge ist eine Kostenexplosion.

Bau verzögert und verteuert sich

Mit 36 Milliarden Euro dürften die Trassen „Suedlink“ und „Suedostlink“ dreimal so teuer ausfallen wie eine Freileitungsvariante. Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake, ein Architekt der Energiewende, relativiert: „Die teuerste Leitung ist die, die nicht gebaut wird.“

Tatsächlich überflutet der mit der EEG-Umlage finanzierte Wind- und Sonnenstrom schon lange das unzureichende Netz. Kurzfristig ist keine Abhilfe zu erwarten. Die neuen Nord-Süd-Kabeltrassen werden, wenn es gut geht, frühestens 2025 statt 2022 fertig. Hinzu kommt, dass wegen der Verzögerungen in Bayern Gaskraftwerke gebaut werden, damit die Stromversorgung stabil bleibt, wenn 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz geht.

Zu viele Strom muss ins Ausland

Auch der Ausbau des Wechselstromnetzes auf Freileitungen kommt nur mühsam voran. Immerhin berichten Kenner, dass die Behörden im wichtigen Transitland Niedersachsen nun zügiger genehmigen. Das hängt wohl damit zusammen, dass die Bundesregierung im Norden den Windstromausbau an Land wegen fehlender Netzkapazitäten ausbremst. Eine Konsequenz sind weniger regionale Wertschöpfung und lokale Steuereinnahmen.

Der Ökostromanteil an der Versorgung steigt derweil. Im ersten Quartal 2017 kam Elektrizität aus Sonne, Wind und anderen regenerativen Quellen auf 32 Prozent des Bruttostromverbrauchs, wie Branchenfachleute errechnet haben. Am vergangenen Sonntag hatten die Erneuerbaren am frühen Nachmittag sogar einen Anteil von 85 Prozent an der Stromversorgung. Spätestens Pfingstmontag dürfte es dann wieder zu einem teuren Ausnahmezustand kommen: Viel Sonne und womöglich Wind, die Vorfahrt im Netz haben, treffen auf eine geringe Nachfrage und Kohlekraftwerke, die nicht schnell abgeschaltet werden können. Weil der Überschussstrom auch nicht gespeichert werden kann, bekommen ausländische Kunden dann Geld dafür, dass sie den subventionierten deutschen Strom abnehmen.

Kohleausstieg könnte Versorgung gefährden

Die Ökostromlobby Agora-Energiewende sieht in den „negativen Strompreisen“ ein Zeichen dafür, dass immer noch zu viele inflexible Kohlekraftwerke am Markt seien. Agora verlangt, wie andere Umweltgruppen auch, einen zügigen Kohleausstieg. Nur so seien die klimapolitischen Ziele einzuhalten. Ob sich das mit einer sicheren Versorgung verträgt?

Für den kommenden Winter hat die Bundesnetzagentur die Netzbetreiber jedenfalls aufgerufen, zusätzliche Kraftwerkskapazitäten in Höhe von 1600 Megawatt zu sichern – das entspricht zwei großen Kohlekraftwerken. Die Reserveleistung für den Winter steige damit auf 10400 Megawatt, ein Drittel davon kommt aus dem Ausland.

CO2-Ziel wird nicht erreicht

Der Klimaschutz profitiert von den vielen Milliarden für den Ökostromausbau nur wenig. Ohne viel Aufhebens hat die Bundesregierung dieser Tage nach Brüssel berichtet, dass sie das Ziel einer Senkung der CO2-Emissionen um 40 Prozent bis 2020 verfehlen wird. Das Umweltministerium verlangte deshalb einen schnelleren Ausbau der Erneuerbaren – ungeachtet der bestehenden Netzprobleme. Die bleiben der Dreh- und Angelpunkt der Energiewende.

Das gilt umso mehr, als der Ökostromanteil der Energieversorgung in den kommenden Jahrzehnten kräftig wachsen soll: etwa fürs Autofahren und Heizen der Wohnungen. Fachleute nennen das „Sektorkoppelung“. Der Diskussion folgt auf dem Fuße die Finanzierungsdebatte. Um die Ökostromumlage nicht weiter steigen zu lassen, soll ihre Bemessungsgrundlage verbreitert werden: Auch auf Diesel und Benzin, Gas und andere Energieträger könnte so bald eine Umlage für die Energiewende erhoben werden. Die neue Regierung wird sich neben dem Kohleausstieg damit befassen.

Weitere Förderung auf Kosten der Kunden

Da klingt es tröstlich, wenn technischer Fortschritt und Wettbewerb die Kosten für die Erzeugung weiter sinken lassen. So bekamen unlängst Bieter für Meereswindparks in der Deutschen Bucht den Zuschlag, die ganz ohne Förderung (Netzanschluss ausgenommen) auskommen wollen. Leider hat die Bundesregierung aus dieser kostensenkenden Erfahrung keine Konsequenzen gezogen. Mit neuen „Mieterstrommodellen“ hat sie sogar eine weitere Förderung auf Kosten der Stromkunden aus der Taufe gehoben.

Die Energiewende ist eine von vielen Lobbyinteressen dominierte Sparte der Bundespolitik. Es sieht nicht so aus, als würde sich das nach der Wahl ändern.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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