Nordlink-Projekt

Norwegen als Deutschlands Batterie

Von Andreas Mihm
 - 14:43
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Die deutsche Energiewende hört an der Nordseeküste nicht auf. Sie reicht viel weiter in den Norden, bis ins beschauliche Vollesfjord. Ferienhäuer ducken sich dort in dunklem Rot oder verblichenem Grau zwischen Felsbrocken am baumbestandenen Ufer, ein paar Motorboote ziehen Kreise. Eine muntere Kaffeerunde sitzt im sonnigen Garten und winkt. Die Einheimischen wissen um die reichen Fischgründe: Lachs- und Meerforellen. Nur der Aal sei „leider“ seit Kurzem ganzjährig geschützt. Ein paar Wasservögel kreischen, sonst nur das Plätschern des vom Wind erregten Wassers.

Perfekte Ferienstimmung im südnorwegischen Idyll, wenn sich nicht ein großes rotes Schiff mit eigenartigen Aufbauten ins Bild drängen würde. Die „Nexans Skagerrak“ hat im Vollesfjord mit ungewöhnlicher Fracht festgemacht. Sie hat Kabel geladen, besser: ein Kabel. Es ist 124 Kilometer lang und mehr als 6000 Tonnen schwer. Ein paar hundert Meter hat das Spezialschiff schon abgespult.

Das Kabel wird am Heck über eine Rampe geführt, taucht 30 Meter tief ins Wasser, geht dann über in einen schräg in den Berg gebohrten, mit einem Rohr ausgekleideten, schmalen Tunnel, um 400 Meter weiter oben auf ein Hochplateau durchzustoßen.

Das grüne Kabel
Die Batterie Europas
© F.A.Z., Andreas Mihm, F.A.Z., Andreas Mihm

Es ist kurz vor elf Uhr am Dienstag dieser Woche, als das Kabel, von motorgetriebenen Seilwinden langsam gezogen, aus dem Berg hervorlugt. Zuerst kommt Wasser, dann ein überdimensionierter roter Karabinerhaken, an dem die Zugseile befestigt sind, dann das mit den Haken verbundene Kabel. Gut ein Dutzend Arbeiter macht sich gleich an ihm zu schaffen, kontrolliert die Führung, passt auf, dass alles glatt geht. Erleichterung bei den Verantwortlichen über den geglückten „Kabeleinzug“. Der erste Schritt für eine direkte Stromverbindung vom Süden Norwegens in den Norden Deutschlands ist getan. „NordLink“ wird Realität.

Die Idee hinter dem Mammutprojekt ist bestechend einfach: Beide Strommärkte werden über das Kabel verbunden und können sich wechselseitig kohlendioxidfreien Strom liefern. „Erst Projekte wie NordLink ermöglichen einen integrierten europäischen Strommarkt“, heißt es bei den Projektpartnern Tennet (Deutschland) und Statnett (Norwegen).

Norwegens Energiebedarf wird fast vollständig aus Wasserkraft gedeckt

Das Kabel soll die Probleme der deutschen Energiewende lindern – und sich für beide Seiten lohnen: Gibt es im deutschen Norden zu viel Windstrom, und das ist wegen der Netzengpässe in Richtung Süden absehbar, dann schickt man ihn nach Norwegen. Herrscht in Deutschland dagegen Flaute, und auch das kommt häufig vor, helfen die Norweger mit ihrem Wasserstrom aus. So können beide Seiten ihre Versorgungssicherheit erhöhen und von Preisdifferenzen auf den Strommärkten profitieren. Konkurrenz belebt auch hier das Geschäft: Ist der Preis in Norwegen niedrig, können deutsche Verbraucher künftig Geld sparen. Ist er in Deutschland hoch, können die Norweger ein Geschäft machen, indem sie ihre Wasserkraftwerke anwerfen.

Denn davon hat das Land sehr viele. Allein der große staatliche Energieerzeuger Statkraft betreibt 237 Wasserkraftwerke in Norwegen, viele kommunale und private Anlagen kommen dazu. Der Elektrizitätsbedarf wird fast vollständig mit Strom aus wassergetriebenen Turbinen gedeckt. Ein paar Gasturbinen und Windparks fallen dabei kaum ins Gewicht.

Dabei muss das wasserreiche Land mit seinen vielen Bergen und Fjorden nicht einmal auf Pumpspeicher wie in den Alpen setzen, für deren Bedarf das Wasser immer wieder den Berg hinauf gepumpt wird. Laufwasserkraftwerke reichen aus. Unten am oder tief im Innern des Berges erzeugen Turbinen Strom, oben läuft das Wasser ganz natürlich nach.

Je mehr in Deutschland über die Energiewende und in ganz Europa über den Verzicht auf Kohlekraftwerke nachgedacht wurde, desto mehr schob sich das Bild von Norwegen als ökologisch einwandfreier „Batterie Europas“ in den Vordergrund. Die wollen nicht nur die Deutschen anzapfen. Schon seit den 70er Jahren wird Strom per Unterwasserkabel mit Dänemark ausgetauscht. Derzeit wird eine vierte Verbindung geplant. Seit 2008 führt ein Kabel aus dem Fedafjord in die Niederlande. Mit den Briten plant Norwegens Staatsgesellschaft Statnett derzeit den Bau einer 730 Kilometer langen Unterwasserverbindung – „North Sea Link“ – ins nordenglische Blyth.

Vorher sind die Deutschen dran. Mit seinem norwegischen Partner treibt der niederländisch-deutsche Netzbetreiber Tennet den Bau von „NordLink“ voran. Mit dabei ist die staatliche KfW-Förderbank, die wie Tennet ein Viertel der Anteile hält. Billig ist das Projekt nicht gerade: Die Beteiligten kalkulieren das Investment auf 1,5 bis 2 Milliarden Euro. „Es ist das bisher größte Projekt für Statnett“, sagt Stein Havard Auno, Projektleiter der Norweger. Und er ergänzt: „Das ist wichtig für den grünen Wechsel, nur so können wir alle die Klimaziele erreichen.“ Mit erkennbarer Freude zeigt er seine Baustellen.

Die erste ist oben auf dem Berg. Da, wo das aus dem Wasser aufgestiegene Kabel ankommt, wurden Bäume gefällt, Felsen zu Geröll gesprengt, Geröll zu Schotter zerstoßen, um Platz zu schaffen für eine große Halle. Dort endet das Kabel, das die PR-Strategen aus politischen Gründen „grün“ nennen, obwohl es quietschgelb ist – und mit 72 Kilogramm je Meter bleischwer, obwohl es kein Blei enthält und kaum 13 Zentimeter Durchmesser hat. Im Innern, sagt Jan Nyborg vom Hersteller Nexans, sei ein Kupferkern. Der sei mit vielen Lagen feinsten Papiers umwickelt, geschützt von einer Metallschicht, die wiederum mit Plastik umhüllt sei, das zu seinem eigenen Schutz eine Ummantelung aus Stahldraht trägt, der zur Korrosionsabwehr in Bitumen getränkt sei. Immerhin soll es 40 Jahre lang halten – mindestens.

Von dem Plateau oberhalb des Vollesfjord wird die Elektrizität später über eine noch zu bauende Freileitung 53 Kilometer weit in ein neues Umspannwerk bei Tonstad abgeleitet. Erst hier wird der deutsch-norwegisches Interkonnektor mit dem norwegischen Stromnetz verbunden. Das ist keine einfache Angelegenheit. Denn auf der am Ende 623 Kilometer langen Strecke von Wilster in Schleswig-Holstein nach Tonstad wird der Strom per Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) transportiert. Der Vorteil dieser Technik ist, dass es dabei weniger Verluste gibt und eine größere Strommenge übertragen werden kann. Überhaupt ist „NordLink“ ausgelegt auf eine Kapazität von bis zu 1400 Megawatt.

In drei Jahren soll es losgehen

Über die Leitung kann damit mehr Strom transportiert werden als ein Atomkraftwerk erzeugt. Tennet-Projektleiter Gunnar Spengel sagt: „NordLink kann mehr als 3,5 Millionen deutsche Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgen.“ Einmal installiert, kann sie in kurzfristig von Import auf Export oder zurück geschaltet werden. Doch bis es soweit ist, muss der freundliche Herr Auno noch ein paar Millionen Euro verbauen, auf seiner Geröllwüste bei Tonstad. 600.000 Kubikmeter Stein hat er von der einen Seite auf die andere bringen lassen. Der Hang wurde abgetragen, ein Sumpf verfüllt, Betonplatten gegossen, Stahlwände hochgezogen. Jetzt stehen da Hallen von beeindruckender Größe in der Wildnis – so gebaut, dass die anfällige Technik mit Überdruck gegen unerwünschten Staub abgeschirmt ist.

Wenn alles fertig ist, wird hier in drei Jahren der Strom von Gleich- auf Wechselspannung umgeschaltet. Erst damit wird er für das norwegische Transportnetz verträglich. Die Anlage Ertsmyra wird später funktionieren wie ein Hafen, in dem das Handelsgut von Hochseeschiffen für den Weitertransport auf Binnenschiffe umpackt wird. Die meterhohen Brandmauern für die Boxen, in denen Transformatoren von ABB aus schwedischer Produktion dann für die gewünschte Spannung sorgen, stehen schon, in manchen auch die ersten der übermannshohen Trafo-Stahlkolosse.

So ähnlich wird es bald auch 600 Kilometer weiter südlich in Wilster (Schleswig-Holstein) aussehen, nur ohne das Geröll. Hier wurde vor knapp einem Jahr mit den Vorbereitungen begonnen. Schon hat Tennet den feuchten Baugrund mit hunderttausenden Kubikmetern Sand trockengelegt und auf jene tonnenschweren Lasten vorbereitet, die dort installiert werden. Bei Büsum laufen die Vorbereitungen für das Verlegen des Kabels auf deutscher Seite. Die ersten Leerrohre sind schon unter dem Landesschutzdeich eingezogen.

Der Start für die Verlegearbeiten in Deutschland soll im kommenden Sommer sein. Bis dahin soll das Kabel, entlang der dänischen Küste vorbei Richtung Süden bis zur deutschen Grenze verlängert und bis zu zwei Meter tief in den Seeboden eingeschlämmt worden sei. Das erledigt ein weiteres Spezialschiff, das dem Kabelleger folgt (siehe Grafik). Auch müssen die diversen Kabelstücke auf hoher See zusammengefügt werden. Eigentlich sind es sogar zwei Kabel, eines für den Plus- und eines für den Minus-Pol, die durch die Nordsee geführt werden. Einmal an Land muss aber auch in Schleswig-Holstein eine beträchtliche Strecke bin zur Umspannstation bei Wilster bewältigt werden. Doch jene 54 Kilometer werden, anders als in Norwegen, per Erdkabel zurückgelegt.

Im Vollesfjord ist das Kabel indes bereits abgelegt. Die „Nexans Skagerrak“ ist ausgelaufen, sie braucht nur zehn Tage für die 124 Kilometer lange Strecke bis zur dänischen Grenze. Auch das Verlegeschiff ist schon weg. Nichts kann jetzt mehr die perfekte Ferienstimmung am Vollesfjord trüben – außer vielleicht die schäbige Bohrinsel „Blackford Dolphin“ auf ihren rostroten Pontons, die wohl zu Wartungsarbeiten am Ufer vertäut ist.

Was auf einen Schlag verdeutlicht: Norwegens Elektrizität kommt aus sauberem Wasser, doch der Reichtum des Landes beruht auf der Ausbeutung der als Klimaschädlinge verrufenen Energieträger Öl und Gas. Aber das ist eine andere Geschichte.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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