Dieselkrise

Deutschlands Ausstieg aus dem Verbrenner

Von Andreas Mihm
 - 12:52

Das nun in Stuttgart ergangene Gerichtsurteil über Fahrverbote für ältere Dieselautos befeuert die Diskussion um die Zukunft des Verbrennungsmotors auch in Deutschland. Die Bundesregierung plant zwar kein Verbot von Verbrennungsmotoren bis zum Jahr 2040. Das hatte sie erst am Mittwoch bekräftigt, nachdem solche Ankündigungen aus Großbritannien und ähnliche Hinweise aus Frankreich gekommen waren.

Doch klar ist: Wenn die deutsche Regierung ihre eigenen Festlegungen ernst nimmt, woran keine Zweifel bestehen, wird es ab dem Jahr 2040 auch in Deutschland sehr viele Millionen weniger diesel- oder benzingetriebene Autos als heute auf den Straßen geben.

Einen Fahrplan dafür gibt es schon. Den hat das Kabinett im vergangenen November beschlossen. Er heißt „Klimaschutzplan 2050“. Er beschreibt auf 92 Seiten, wie es gelingen könnte, die Klimaziele bis 2050 zu erreichen und die Emissionen deutschlandweit von Kohlendioxid um 80 bis 95 Prozent des Niveaus von 1990 zu drücken. Dazu werden die großen Wirtschaftssektoren analysiert, in denen Klimagase emittiert werden. Das sind Stromerzeugung, Industrie, Landwirtschaft, Immobilien sowie der Verkehr. Wobei der Verkehr als einziger Bereich seine Emissionen seit 1990 nicht nur nicht vermindert, sondern auf mehr als 163 Millionen Tonnen Kohlendioxid gesteigert hat. Laut Regierung ist das knapp ein Fünftel der deutschen Kohlendioxid-Emissionen.

40 Prozent Minderung bis 2030

Grund für die klimapolitisch ernüchternde Bilanz ist allen sparsameren Motoren und Effizienzfortschritten zum Trotz die gestiegene Verkehrsleistung. Allein auf Straßen und Schienen hat sich der Personen- und Güterverkehr seit den 60er Jahren vervierfacht, der Energieverbrauch verdreifacht. Der ungleich klimaschädlichere Flugbetrieb ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Hier hakt die Regierung ein. Ihr Ziel lautet: „Das Verkehrssystem in Deutschland wird im Jahr 2050 nahezu unabhängig von Kraftstoffen mit fossilem Kohlenstoff und somit weitgehend treibhausgasneutral sein.“ Auf dem Weg zu einer Wirtschaft, die ab 2050 fast ganz ohne CO2-Emissionen auskommen soll, markiert sie Zwischenziele für das Jahr 2030.

Der Verkehr soll laut den „Meilensteinen“ seine Klima-Emissionen bis 2030 auf 95 bis 98 Millionen Tonnen im Jahr reduzieren. Das wäre eine Minderung um mehr als 65 Millionen Tonnen und mehr als 40 Prozent in nur gut einem Jahrzehnt. Eine größere Reduzierung wird nur den Stromerzeugern aufgebürdet, sie sollen auf das Verfeuern von Braun- und Steinkohle möglichst ganz verzichten.

Umweltschutz
Ist das Flüssiggas LNG besser als Diesel?
© DW, Deutsche Welle

„Stadt der kurzen Wege“

Der vom Verkehrssektor erwartete Einsparbeitrag wird im Klimaschutzplan selbst als „ambitioniert“ bezeichnet. Er ist umso gewaltiger, als die Regierung laut eigener „Verkehrsverflechtungsprognose 2030“ einen Anstieg im Pkw-Verkehr zwischen 2010 und 2030 um zehn Prozent auf 657 Milliarden Kilometer im Jahr erwartet. Der Lkw-Verkehr soll demnach im gleichen Zeitraum um fast 30 Prozent auf 100 Milliarden Fahrzeugkilometer zunehmen.

Der Regierung geht es um mehr als nur um den Umstieg vom Verbrennungsmotor auf Batterieantrieb. Stichworte sind die „bedarfsgerechte Umgestaltung des Straßenraums“ oder die „Stadt der kurzen Wege“ mit einem deutlichen Anstieg des Fuß- und Radverkehrs. Intelligent verknüpfte öffentliche Verkehrssysteme und neue Mobilitätsangebote wie Car- und Bikesharing sollen „wesentlich zur umweltschonenden Mobilität“ beitragen. Alle anderen Bereiche sollen „auf Biokraftstoffe und ansonsten weitgehend auf Strom aus erneuerbaren Energien sowie weitere treibhausgasneutrale Kraftstoffe umgestellt“ werden.

Die Ministerien wissen, dass anspruchsvolle Flottenzielwerte bei Neuwagen „alleine mit der Verbesserung der Energieeffizienz von Verbrennungsmotoren nicht mehr erreicht werden können“. Leichtere Karosserien sowie alternative, insbesondere elektrische Antriebe seien zudem eine technische und ökonomische Herausforderung. Um die zu bestehen, müsse man „in Deutschland und in der EU eine aktive, nachfrageorientierte Politik betreiben, um diese neue, zukunftsweisende Technologie zu unterstützen“. Dazu gehöre eine wettbewerbsfähige Batterieproduktion. Auch auf Plug-in-Hybridantriebe werden für die kommenden Jahre viele Hoffnungen gesetzt.

Bis 2030 strebe die Regierung eine signifikante Absenkung der Emissionen von Pkw an, hießt es. „Die Elektrifizierung der Neuwagenflotte wird dabei einen maßgeblichen Beitrag leisten und sollten Priorität haben.“ Schärfere Ankündigungen wie die Vorgabe, ab 2030 sollten möglichst nur noch Fahrzeuge mit Elektromotor erlaubt sein, tauchen in der Endversion des Plans nicht mehr auf.

Was kostet das alles?

Damit sind konkretere Forderungen und schärfere Vorgaben aber nicht ausgeschlossen. Im nächsten Jahr soll der Klimaplan 2050 konkretisiert und fortgeschrieben werden. Die Ministerien sind bereits dabei, für die unterschiedlichen Sektoren Umsetzungsvorschläge zu entwickeln und sie mit den Betroffenen zu diskutieren. „Der nächste notwendige Schritt ist es nun, im Kontext des Treibhausgas-Minderungsziels für 2030, Rahmenbedingungen für die Einführung und Marktdurchdringung der notwendigen Antriebstechnologien und Energieträger zu ermitteln“, heißt es in dem Regierungspapier.

Offen sind noch viele andere Fragen: Woher soll der ganze Ökostrom kommen, der Wirtschaft, Haushalte und Verkehr antreiben soll? Und: Was kostet das alles? Andererseits spart eine niedrigere Benzin- und Dieselrechnung den Verbrauchern Milliarden-Kosten. „Die Importaufwendungen für Erdöl beliefen sich allein in Deutschland auf rund 50 Milliarden Euro im Jahr 2014“, rechnet der Klimaschutzplan vor. Allerdings war der Ölpreis da auch auf seinem historischen Hoch von über 100 Dollar je Barrel. Seither hat sich der Ölpreis halbiert.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat unlängst eine Lanze für den Diesel gebrochen: „Aber für den Klimaschutz ist das Dieselauto heute genauso ein gutes Auto wie es das gestern und vorgestern war.“ Nur: Über dessen Zukunft hatte sie dabei nichts gesagt.

Quelle: FAZ.NET
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
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