Eigenkapitalregeln

„Banken sollen exzessive Risiken zurückfahren“

Von Markus Frühauf
 - 07:22

Die neuen Eigenkapitalregeln sind zwar für deutsche Banken kein Wunschergebnis, aber die Auswirkungen sind insgesamt beherrschbar. So fasst Andreas Dombret, im Bundesbankvorstand für die Bankenaufsicht zuständig, die Einigung der Notenbanken und Bankenaufseher zusammen. Im Basler Ausschuss für Bankenaufsicht hat Dombret zusammen mit Raimund Röseler, dem obersten Bankenaufseher der deutschen Finanzaufsicht Bafin, jahrelang an dem Abschluss des neuen internationalen Regelwerks für Banken „Basel III“ mitgewirkt.

Im Basler Ausschuss, dem die Notenbanken und Aufsichtsbehörden aus 27 Ländern sowie der Europäischen Union angehören, hatten sich Europäer und Amerikaner lange Zeit nicht einigen können. „Wir wollten den Banken einen noch größeren Spielraum in der Verwendung interner Risikomodelle zur Berechnung ihres Eigenkapitalbedarfs erhalten“, sagt Dombret im Gespräch mit dieser Zeitung. Die amerikanischen Vertreter in dem Gremium, das der in Basel sitzenden Bank für Internationalen Zahlungsausgleich („Bank der Zentralbanken“) angegliedert ist, wollten die internen Risikomodelle ursprünglich ganz untersagen. In dem Beschluss, den die Notenbankgouverneure und Chefs der Aufsichtsbehörden am vergangenen Donnerstag in Frankfurt fassten, wird der Einsatz dieser internen Methoden zwar eingeschränkt, sie sind aber weiterhin bis zu einem gewissen Maß zulässig. „Letztlich müssen und können wir mit dem Ergebnis leben“, zeigt sich Dombret zufrieden. Mit der Einigung besteht weiterhin ein international verbindlicher Aufsichtsrahmen für Banken. Das bedeutet, es gibt keine Schlupflöcher in Ländern mit laxeren Regeln. Zudem können nationale Behörden ihre Banken nur sehr eingeschränkt vor ausländischen Wettbewerbern schützen.

Basel III soll auf bessere Vergleichbarkeit zielen

Allerdings dürften für die amerikanischen Institute die zusätzlichen Kapitalanforderungen sehr gering sein, denn sie hätten ja bisher auch keine internen Risikomodelle verwenden dürfen, räumt Dombret ein. Europäische Banken fühlen sich deshalb benachteiligt. Nach Angaben von Dombret betreffen die neuen Regeln zu den Modellen in Deutschland rund 50 von knapp 1800 Instituten. Für die großen Häuser werde die zusätzliche Eigenkapitalanforderung im Durchschnitt im niedrigen zweistelligen Prozentbereich liegen. Die kleineren Institute, die bislang keine internen Risikomodelle verwendet hätten, weil sich diese für sie nicht rechneten, könnten sogar teilweise von Entlastungen ausgehen. „Denn der Standardansatz zur Messung der Bilanzrisiken sieht etliche Erleichterungen vor.“

Dombret ist davon überzeugt, dass die deutsche Kreditwirtschaft die härteren Vorgaben angesichts der langen Umsetzungsfrist bis zum Jahr 2027 bewältigen wird. Der Basler Ausschuss zielte mit dem Abschluss des Basel-III-Reformpakets nicht auf höhere Eigenkapitalanforderungen, sondern auf eine bessere Vergleichbarkeit der Banken, in dem die Verwendung interner Risikomodelle deutlich eingeschränkt wird. Vor allem in Europa ist es zu einem regelrechten Wildwuchs gekommen, weil Banken diese Modelle auch eingesetzt haben, um sich nach Ansicht einiger Aufseher „schönzurechnen“. Dombret entgegnet: „Die internen Risikomodelle sind von den Aufsehern immer sehr genau geprüft worden, das Genehmigungsverfahren ist anspruchsvoll.“

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Gleichwohl hätten sich über die Zeit doch manche Abweichungen ergeben. Mit dem jetzt vorgesehenen geringeren regulatorischen Spielraum würden diese aber wieder reduziert. „Die Banken werden in Zukunft gleiche Kreditrisiken nicht mehr so unterschiedlich bewerten wie bislang“, hofft der oberste Bankenaufseher der Bundesbank. Trotzdem halten die europäischen Aufseher, neben den deutschen insbesondere die französischen, an den internen Risikomodellen fest. Sie beruhten auf umfangreichen Datenreihen der Banken über die Ausfallwahrscheinlichkeiten in bestimmten Kreditklassen, sagt Dombret. Diese Datenreihen prüfe die Aufsicht genau. Eine Bank müsse also nachweisen, wie riskant ein Kreditportfolio und mit wie viel Eigenkapital es zu unterlegen sei. „Die Datenhistorie der Banken ist dafür oft ein besseres Instrument als eine Standardvorgabe der Aufseher. Mit den internen Risikomodellen werde das Risikobewusstsein der Banken geschärft. „Deshalb haben wir in Basel dafür gekämpft, diese internen Modelle in einem bestimmten Maß zu erhalten“, betont Dombret.

Abbau von Derivatepositionen als ein Weg, die Risiken in den Bilanzen zu reduzieren

Die europäischen Banken haben lange Zeit die Einschränkung der internen Modelle strikt abgelehnt und von einem völlig neuen Rahmenwerk („Basel IV“) gesprochen. Nach dem endgültigen Kompromiss scheinen sie sich mit den neuen Regeln abzufinden. Die Aktienkurse europäischer Banken haben seitdem zugelegt. Die früheren Warnungen der Banken vor einer Kreditklemme wirken nun als überzogen. Auch die Bundesbank geht davon nicht aus: „Aufgrund der letztlich doch begrenzten Auswirkungen auf den deutschen Kreditmarkt ist mit keiner Kreditklemme wegen Basel III in Deutschland zu rechnen“, sagt Dombret. Wenn Banken ihre Derivatepositionen abbauen müssten, sei das nicht mit einer geringeren Kreditvergabe verbunden. „Wir erwarten auch nicht, dass die Finanzierungskonditionen teurer werden. Dazu ist der deutsche Markt zu wettbewerbsintensiv, und das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben.“

Wie Dombret weiter ausführt, wollen die Bankenaufseher mit den neuen Regeln erreichen, dass die Institute exzessive Risiken in ihren Bilanzen zurückfahren. Das könnten sie zum Beispiel über den schon erwähnten Abbau von Derivatepositionen erreichen. Als weiteres Beispiel nennen andere Bankenaufseher sehr langfristige Kredite, deren Risiken sich über einen sehr langen Zeitraum nur begrenzt abschätzen ließen.

Erträge der deutschen Institute geben Grund zur Sorge

Jedoch sieht Dombret keinen Anlass zur Entwarnung für die deutschen Banken und Sparkassen. Die Bundesbank ist weiterhin besorgt über die schlechte Ertragslage der deutschen Institute. Obwohl sich Deutschland momentan in einer sehr guten konjunkturellen Lage befinde, fielen die Erträge der Banken immer noch vergleichsweise niedrig aus – und das bei einem derzeit sehr geringen Bedarf an Rückstellungen, so Dombret. „Die deutschen Banken werden durch das Niedrigzinsumfeld ohne Frage besonders stark belastet.“ Die extrem niedrigen Zinsen schlagen nach seinen Worten stark auf deutsche Institute durch, weil drei Viertel der Erträge hierzulande aus dem Zinsüberschuss stammen. „Zum einen müssen sich die Geschäftsmodelle der Institute dieser Situation nach und nach anpassen, zum anderen brauchen wir eine andere Geldpolitik, sobald dies möglich ist.“ Auch Bundesbankpräsident Jens Weidmann kritisiert regelmäßig die sehr lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), weil sie die Preise für Risiken an den Kapitalmärkten verzerre. Das kann zu spekulativen Blasen führen. Trotzdem hält Dombret die deutschen Banken für sehr solide. Niemand müsse sich um sie Sorgen machen.

Quelle: F.A.Z.
Markus Frühauf
Redakteur in der Wirtschaft.
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