Leben mit dem drohenden Grexit

„Ich mache mir Sorgen um Medikamente“

Von Silvia Papadaki, Frangokastello
 - 11:54

Hier in unserem Dorf Frangokastello im Südwesten Kretas leben überwiegend Menschen, die mit Hilfe des Tourismus die bisherigen Sparprogramme ganz gut überstanden haben. Und die auf keinen Fall den Euro verlieren wollen. Allerdings hatte bei den letzten Wahlen Alexis Tsipras auch hier sehr viele Stimmen. Viele fühlten sich wohl einfach zu sehr gegängelt von Europa (das ist ein wunder Punkt) und glaubten, dass sich mit der Linken ein anderer Weg auftäte und die Politik im Lande „sauberer“ würde. Aber niemand hat mit diesem Chaos gerechnet.

Die Menschen sind mittlerweile sehr verschreckt und nervös. Es gibt Hamsterkäufe in den Supermärkten. In der nächsten großen Stadt Chania geht es ziemlich chaotisch an den Bankautomaten zu. Ich habe gehört, dass es zwar noch Benzin gibt, allerdings ist nicht klar wie lange, denn es gibt schon Schlangen vor den Zapfsäulen. Auch bei Lebensmitteln gibt es noch keine Engpässe, aber die meisten Leute haben nicht viel Bargeld und das bisschen, das sie in der Tasche haben, wird halt gleichmäßig verteilt. Fünf Euro hier, fünf Euro da.


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© Florian Schuh

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Im Notfall an deutsche Ärzte wenden

Ich persönlich mache mir große Sorgen um Medikamente, die mein Mann dringend braucht. Zwar gibt es diese Arzneien derzeit noch, allerdings hat mir der hiesige Apotheker erklärt, dass er nur jeweils eine sehr kleine Menge bekäme. Daher ist es nicht wirklich möglich, etwas auf Vorrat zu kaufen. Im Notfall würde ich versuchen, mich an befreundete Ärzte in Deutschland zu wenden.

In unserem 150-Seelen-Dorf ist die Situation noch recht ruhig, das ist ein großer Unterschied zur Stadt. Man ist vor allem bemüht, die Touristen zu beruhigen. Nur wenige allerdings machen sich wirklich Sorgen um ihren Urlaub. Ansonsten verfolgt man von morgens bis abends die Nachrichten. Natürlich gibt es auch hier vor Ort Diskussionen unter den Leuten. Doch ich habe den Eindruck, dass die Menschen, die weit weg von den städtischen Zentren leben, eher gelähmt die Entwicklung vor dem Fernseher verfolgen.

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© AP, reuters

Auch bei mir selbst herrscht absolute Verunsicherung. Ich lebe seit 1976 in Griechenland, bin mittlerweile 63 Jahre alt. Meine Kinder sind schon lange vor der Krise zum Arbeiten ins Ausland gegangen, nach Deutschland und Österreich. Eigentlich sollte es nur eine Auslandserfahrung für sie werden und eigentlich wollen sie wieder zurück nach Griechenland. Doch sie sehen hier für sich keine Zukunft. Ehrlich gesagt: Auch ich wäre zur Zeit lieber ganz woanders.

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© DW, Deutsche Welle
Quelle: FAZ.NET
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