Trotz Brexit

Bei Investoren bleibt Großbritannien die Nummer eins in Europa

Von Christian Schubert, Paris
 - 03:39

Trotz Brexit und anderer innereuropäischer Spannungen ist Europa als Investitionsstandort attraktiver geworden. Das ist das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsberatungsgesellschaft EY über ausländische Direktinvestitionen in Europa. Sie misst als einzige größere Untersuchung allein die physischen Investitionen aus dem Ausland, die etwa in Fabriken, Vertriebszentren und Verwaltungsgebäude fließen und damit Stellen schaffen. Unternehmensübernahmen und Finanzanlagen sind ausgeschlossen.

Demnach waren ausländische Direktinvestitionen in Europa, gemessen an der Zahl der Projekte, noch nie so hoch wie 2017. Durch sie entstanden mehr als 353000 Arbeitsplätze, ein gutes Drittel mehr als im Vorjahr. In einer parallel vorgenommenen Image-Umfrage unter mehr als 500 Managern, vor allem Finanzdirektoren, war Europa das attraktivste Investitionsziel der Welt, vor China und Nordamerika.

Im Euro-Krisen-Jahr 2012 hielt gerade ein Drittel der Befragten Europa für die Nummer eins, jetzt sind es 53 Prozent. „Europa profitiert derzeit erheblich von der Wirtschaftskraft Deutschlands und der hohen Investitionsbereitschaft deutscher Unternehmen“, sagt EY-Partner Bernhard Lorentz. Im Gegensatz dazu befinde sich Nordamerika im Kern auf einem absteigenden Ast.

Der Brexit hinterlässt dennoch Spuren

In der Betrachtung einzelner Länder behielt Großbritannien im vergangenen Jahr seinen Spitzenplatz vor Deutschland sowie Frankreich, das aber kräftig aufholte. In Deutschland stieg die Zahl der Projekte um 6 Prozent auf 1124, was gut 31000 Arbeitsplätze schuf – rund die Hälfte mehr als im Vorjahr. Investoren beklagen in Deutschland dabei laut Umfrage die Schwächen in der digitalen Infrastruktur mit ihren Mängeln an Breitband-Telekommunikation und Glasfasernetzen. Zudem bremst viele der Arbeitskräftemangel.

Dennoch halten die Investoren Deutschland für den attraktivsten Standort Europas. Wenn es um konkret realisierte Projekte geht, hat dagegen Großbritannien weiter die Nase vorne. Ausländische Unternehmen – vor allem aus den Vereinigten Staaten, aber auch aus Deutschland – schufen dort gut 50200 Stellen, 12 Prozent mehr als 2016. „Offenbar setzen viele Unternehmen trotz der schwierigen Brexit-Verhandlungen auf eine Einigung, die Unternehmen aus Großbritannien auch künftig einen Zugang zum europäischen Binnenmarkt ermöglicht“, sagt EY-Deutschland-Chef Hubert Barth.

Das schwache Pfund war ebenfalls ein Pluspunkt. Doch der Brexit hinterlässt seine Spuren. Die Steigerungsrate ausländischer Investitionsprojekte in Großbritannien ist nach kräftigen Zuwächsen in den Vorjahren auf 6 Prozent gefallen.

Britische Unternehmen investieren stärker auf dem Festland

Im digitalen Bereich und als Empfänger von Investitionen aus China und Indien bleibt Großbritannien attraktiv, doch für den Finanzbereich steht ein Minus von mehr als einem Viertel. Die Zahl der angesiedelten Hauptquartiere fiel um fast ein Drittel. In der Image-Befragung nach der Städte-Attraktivität liegt Paris erstmals seit Aufnahme der EY-Analysen im Jahr 2003 vor London.

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Zudem steigt das Ansehen von Frankfurt, Amsterdam und Dublin. Der Anteil der Befragten, der London für Europas interessantesten Standort hielt, sank seit 2014 von 54 auf 34 Prozent. Im Gegenzug investierten britische Unternehmen deutlich stärker auf dem Festland, vor allem in Deutschland. Besonders viel Boden gutgemacht hat Frankreich. Seit der Wahl von Emmanuel Macron hat sich das Image deutlich verbessert. Frankreich erhöhte die Zahl der angezogenen Investitionsprojekte um 31 Prozent auf mehr als 1000, darunter auch zahlreiche Industrievorhaben, und liegt damit nicht mehr weit von Deutschland entfernt.

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Die Franzosen haben im vergangenen Jahr auch mehr amerikanische Investoren angezogen als die Deutschen. Die deutschen Unternehmen haben ihrerseits in keinem anderen europäischen Land mehr investiert als in Frankreich. Die Investitionsprojekte in Frankreich schaffen jedoch deutlich weniger Arbeitsplätze als in Großbritannien und Deutschland.

Bei breiter gefassten Untersuchungen über ausländische Direktinvestitionen, die Übernahmen und Finanzanlagen einschließen, ergibt sich teilweise ein anderes Bild. Nach OECD-Angaben sind diese Investitionen 2017 auf der Welt zurückgegangen. Besonders Großbritannien und die Vereinigten Staaten verzeichneten darin starke Verluste.

Quelle: F.A.Z.
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent in Paris.
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