Krise bei Anleihen

Italien stürzt Finanzmärkte in Krisenmodus

Von Gerald Braunberger
 - 09:40

Bisher war die Reaktion der Kapitalmärkte auf die politische Krise in Italien nicht extrem. Am Dienstag wird es ernst: Die Rendite zweijähriger italienischer Staatsanleihen steigt von 0,80 auf 2,34 Prozent. Das ist ein Krisensymptom ersten Ranges, weil die Renditen zweijähriger Staatsanleihen in normalen Zeiten sehr stark von der Geldpolitik beeinflusst sind und daher innerhalb der Eurozone kaum divergieren.

Heute beträgt die Renditedifferenz zwischen zweijährigen italienischen und deutschen Staatsanleihen weit mehr als 2 Prozent. Man muss in das Jahr 2012 zurückgehen, also in die heiße Phase der Eurokrise, um eine solch große Differenz zu finden. Die Rendite zweijähriger Bundesanleihen fällt um 0,127 Prozentpunkte auf minus 0,818 Prozent. Auch britische Anleihen sind gefragt.

Auch Anleihen anderer Euroländer stehen unter Druck. Um 0,2 Prozentpunkte geht es für die Rendite der zweijährigen portugiesischen Anleihen auf 0,135 Prozent nach oben, die der zehnjährigen steigt sogar um 0,3 Prozentpunkte auf 2,315 Prozent.

Diese Renditedifferenzen stehen in einem krassen Gegensatz zu einem in deutschen Ökonomen- und Finanzkreisen anzutreffenden Credo, nach dem die Anleiherenditen in der Eurozone von der EZB so stark manipuliert würden, dass größere Renditeunterschiede unmöglich seien.

Vielmehr scheint sich am Markt die Ansicht auszubreiten, dass der Handlungsspielraum der EZB zugunsten italienischer Anleihen begrenzt ist. Im Rahmen ihres derzeit laufenden Anleihekaufprogramms für den gesamten Euroraum (mit Ausnahme Griechenlands) könnte die EZB ihre Käufe italienischer Staatsanleihen allenfalls vorübergehend geringfügig ausweiten.

Das sogenannte OMT-Programm würde zwar Stützungskäufe kurzlaufender Staatsanleihen eines Landes erlauben, aber nur, wenn dieses Land ein mit der EU abgesprochenes Sanierungsprogramm akzeptiert. Dies stünde aber in krassem Gegensatz zu den Positionen der Fünf-Sterne-Bewegung und der Lega, die man an den Finanzmärkten als Regierungskoalition nach allfälligen Neuwahlen erwartet.

Wollte die EZB Italien zu Hilfe eilen, müsste dies vermutlich indirekt über Liquiditätshilfen für Banken geschehen wie im Jahre 2011 geschehen. Eigentlich sollte das OMT-Programm diese Art der indirekten Stützung unnötig machen.

Der scheidende Vizepräsident der Europäischen Zentralbank, Vítor Constancio, warnte Italien vor den Folgen einer abermaligen Staatsschuldenkrise.„Als 2012 Finanzmärkte das Land attackiert haben, hat das gezeigt: Sie können in ihrer Wahrnehmung sprunghaft sein und die Risikoeinschätzung für einen Schuldner abrupt und schnell ändern, manchmal mit gravierenden Folgen", sagte Constancio in einer am Dienstag veröffentlichten Vorabmeldung des "Spiegel". "Wir werden sehen, was nun passiert."

Ob die EZB im Notfall eingreifen und Italien vor einer Zahlungsunfähigkeit retten würde, ließ Constancio offen. Jede Intervention müsse "der Erfüllung unseres Mandats dienen" und "bestimmten Bedingungen" folgen, so der EZB-Vize. "Italien kennt die Regeln. Sie sollten diese vielleicht noch einmal genau lesen."

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Derweil wertete der Euro weiter ab. Mit aktuell 1,1548 Dollar steht er nun so tief wie zuletzt im Juli 2017. Die Börsen reagierten auf die Nachrichten vom Anleihemarkt mit Kursverlusten. der marktbreite F.A.Z.-Index fällt um 1,6 Prozent auf 2464 Zähler, der Standardwerteindex Dax gibt ebenso stark auf 12.663 Stellen nach. Der italienische FTSE/MIB verliert weitere 2,8 Prozent auf 21.309 Punkte.

Besonders stark sind die Bankaktien betroffen. Unter den großen europäischen Werten verlieren Banco Santander 7 Prozent, Intesa und Unicredit 5 Prozent. Commerzbank, Deutsche Bank und BNP Paribas geben rund 4 Prozent nach. Der Kurs der Deutschen Bank fiel unter die Marke von 10 Euro.

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Quelle: FAZ.NET
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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