FAZ plus ArtikelPanik in Italien

Panik und Populisten

Von Tobias Piller
 - 08:59

Panische Stimmung erfasste am Montag Abend das politische Rom, und das nur wegen einer kleinen symbolischen Begebenheit: Gerade hatte sich der Wirtschaftsprofessor Carlo Cottarelli zum zweiten Mal für ein Gespräch mit dem Staatspräsidenten Sergio Mattarella in dessen Prunkzimmer „Studio alle Vetrate“ zurückgezogen, da wurden die beiden Leibgardisten vor der Türe abgezogen. Diese „Corazzieri“ mit silbern und golden glänzenden Helmen, mindestens 1,90 Meter groß, geben protokollarischen Zeremonien einen offiziellen Anstrich. So war es auch beim Treffen von Cottarelli mit dem Staatspräsidenten. Erwartet wurde, dass Cottarelli eine Liste von Ministern mitbringen würde und kurz danach der Termin für die Vereidigung der 66. Regierung der Nachkriegszeit bekanntgegeben würde. Doch die „Corazzieri“ marschierten weg. Das Treffen mit Cottarelli war zu einem informellen Besuch herabgestuft. Eine neue Regierung erschien damit 85 Tage nach den Parlamentswahlen immer noch in weiter Ferne.

Welche Regierung überhaupt? Denn die römische Politik schien am Montag endgültig all ihre Optionen verbraucht zu haben, gerade als der scheidende Ministerpräsident Paolo Gentiloni schon seinen Schreibtisch geleert hatte. Die beiden erfolgreichsten Parteien der vergangenen Wahlen, die „Fünf-Sterne“-Protestbewegung und die rechtspopulistische Lega, hatten sich zwar auf eine Koalition geeinigt, doch wollte der Staatspräsident die Liste der Minister nicht akzeptieren, vor allem nicht den Euro-Gegner Paolo Savona im Amt des Schatz- und Finanzministers. Der Staatspräsident lancierte seine Idee des neutralen Fachmanns Cottarelli als Ministerpräsident für den Übergang, doch am Ende wollte dem im Parlament niemand das Vertrauen geben: Die Lega und die „Fünf Sterne“ ohnehin nicht, Berlusoni nicht aus Angst um das Bündnis mit der Lega, und am Ende nicht einmal die Demokraten. Italien schien bereits auf dem Weg zu einem neuen Wahlkampf mit noch mehr Polemik gegen Europa und den Euro, mit Rachefeldzügen gegen den Staatspräsidenten, am Ende wohl mit einem noch größeren Triumph der Populisten und einer unaufhaltsamen, radikalen Regierung gegen Europa und Euro.

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Quelle: F.A.Z.
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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