Kommentar

Wie sich Inflation und Beschäftigung gegenseitig beeinflussen

Von Gerald Braunberger
 - 08:30

Alban „Bill“ Phillips hielt selbst nicht viel von seinem berühmtesten Aufsatz. „Schnell und schmutzig“ sei die Arbeit gewesen, und gedauert habe sie nur ein Wochenende. Gemeint ist ein unter Ökonomen berühmtes Papier aus dem Jahr 1958, in dem der gebürtige Neuseeländer für die vergangenen einhundert Jahre statistisch einen Zusammenhang zwischen der Lohnentwicklung und der Arbeitslosigkeit in Großbritannien demonstrierte. Wenige Jahre später leiteten andere Ökonomen daraus einen Zusammenhang zwischen der Inflation und der Arbeitslosigkeit her. Sie behaupteten, eine Regierung könne zwischen unterschiedlichen Kombinationen wählen, wobei niedrige Inflation mit hoher Arbeitslosigkeit einhergeht und hohe Inflation mit niedriger Arbeitslosigkeit. „Die Phillips-Kurve“ war geboren, und zu ihrem berühmtesten Verfechter in Deutschland wurde in den frühen siebziger Jahren der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt mit dem legendären Spruch: „Lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit.“

Der Gedanke einer simplen, politisch leicht nutzbaren Austauschbeziehung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation ist längst theoretisch und empirisch überwunden. Wenige Jahre nach Schmidts Feststellung hatten in Deutschland sowohl die Inflationsrate als auch die Arbeitslosenquote die Marke von 5 Prozent überschritten. Aber die hinter der „Phillips-Kurve“ liegende Grundüberzeugung, dass eine Wirtschaft ein umso größeres Inflationspotential besitzt, je besser sie läuft und je stärker leergefegte Arbeitsmärkte kräftige Lohnsteigerungen generieren, prägt auch heute das ökonomische Denken – und damit die in Notenbanken für ihre Wirtschaftsprognosen verwendeten Modelle. Demnach bedingt nicht allein die wirtschaftliche Lage die Höhe der Inflation, aber sie stellt einen wichtigen Einflussfaktor dar. Und das klingt ja auch nicht unplausibel.

Wenig Arbeitslose, niedrige Inflationsrate

Seit einiger Zeit wird diese Auffassung in Frage gestellt, weil in den Vereinigten Staaten und in Deutschland die Wirtschaft seit Jahren gut läuft und die Arbeitslosenquoten sehr niedrig sind – aber die Inflationsrate einfach nicht deutlich steigen will. Dies führt manche Ökonomen zur Ansicht, die „Phillips-Kurve“ sei mausetot und die Notenbanken hätten die Kontrolle über die Inflationsrate verloren. Die Ansicht führender Geldpolitiker wie Janet Yellen und Mario Draghi, die Inflationsrate werde mit einer fortdauernden wirtschaftlichen Belebung schon noch zulegen, gilt diesen Kritikern als eine Art hilfloses Pfeifen im Walde. Sehr wahrscheinlich haben die Kritiker unrecht.

Es ist zwar richtig, dass mächtige Kräfte die Inflation in unserer Zeit niedriger halten als früher, und diese Kräfte dürften auch noch längere Zeit wirken. So gilt der globale Wettbewerb mit Schwellenländern als ein Grund, der in den Industrienationen das Potential für Lohnerhöhungen beschränkt, die in der Folge die Inflation treiben könnten. Zudem nutzen in den Industrienationen gerade gut ausgebildete Arbeitnehmer ihren Spielraum für Gehaltserhöhungen nicht aus, wenn sie von ihrem Arbeitgeber stattdessen flexiblere Arbeitsbedingungen, zum Beispiel die Möglichkeit der Heimarbeit, erhalten können. Zudem tragen die digitale Revolution und die wachsende Bedeutung der Dienstleistungsgesellschaft zur Dämpfung der Inflationsrate bei.

Aber eine These, die Inflation habe gar nichts mehr mit der Wirtschaftslage zu tun, wäre zu extrem. Der Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Inflationsrate ist, wie Berechnungen für viele Industrienationen belegen, zwar weniger eng als früher. Aber er existiert noch. Dies bleibt unter anderem an den internationalen Finanzmärkten nicht verborgen.

Das zeigt der Blick auf die Vereinigten Staaten. Erstmals seit längerer Zeit erwarten die Finanzmärkte für das kommende Jahr ebenso viele Leitzinserhöhungen wie die Führung der Notenbank. Dies lässt sich am deutlichen Anstieg der Renditen amerikanischer Staatsanleihen mit kurzen Laufzeiten erkennen, die stark von der Geldpolitik beeinflusst werden. Drei- bis viermal könnte die Fed nach Ansicht vieler Marktteilnehmer im kommenden Jahr ihren Leitzins um jeweils 0,25 Prozentpunkte erhöhen. Diese Annahme basiert auf der Erwartung, dass als Folge eines nicht enden wollenden Konjunkturaufschwungs die Löhne und danach auch die Preise steigen werden. Befragungen von Kunden durch amerikanische Vermögensverwalter zeigen allmählich zunehmende Inflationserwartungen unter den Kapitalanlegern.

Wohlverstanden: Es existiert keine Erwartung einer sprunghaften Beschleunigung der Geldentwertung in den Vereinigten Staaten. Aber die Zielmarke der Fed von 2 Prozent könnte schneller dauerhaft überschritten werden als erwartet. In der Eurozone, die in konjunktureller Sicht den Vereinigten Staaten mehrere Jahre nachhinkt, dürfte die Inflationsrate erst mit Verzögerung steigen. Aber niemand sollte sich wundern, wenn im kommenden Jahr auch in Europa die Inflation wieder zu einem Thema wird. Dies wird Aktienkurse und Anleiherenditen bewegen. Die „Phillips-Kurve“ ist weder in Amerika noch in Europa tot.

Quelle: F.A.Z.
Gerald Braunberger
Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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