Präsentationen

Der Powerpoint-Irrsinn

Von Bettina Weiguny
 - 09:00

Gab es ein Leben vor Powerpoint? „Nein, kann nicht sein“, sagt der Jungmanager in einem Dax-Konzern. Kann man heute noch ohne Folien-Präsentation überleben? „Unvorstellbar“. Seine Gegenfrage: „Kann man ohne Atmen überleben?“ Nein. Na, also.

Der Powerpoint-Auftritt ist im Großkonzern eine Fähigkeit wie Lesen und Schreiben, fast noch wichtiger. In jeder, absolut jeder Sitzung kommt Powerpoint zum Einsatz. Und das, obwohl alle wissen: Der Nutzen ist minimal, gleich Null oder – in vielen Fällen – sogar kontraproduktiv.

Wer eine Folie sieht, hört nicht mehr zu. „Sie vergessen die Inhalte schneller“, warnt der Bildungsforscher Christof Wecker, der weltweit 40 Studien zu dem Thema Powerpoint ausgewertet hat. Sein Fazit aus eigenen Untersuchungen: Folien ausblenden, wo immer es geht! „Was nicht auf den Folien steht, geht sonst womöglich verloren“, sagt der Münchner Wissenschaftler.

Todesursache: Powerpoint

Doch wie den Irrsinn stoppen? Die Ausbreitung scheint unaufhaltsam. Nach 25 Jahren Powerpoint sind Konzerne, Behörden und Verbände bis in den letzten Winkel davon durchdrungen. Selbst Bäckerei-Fachverkäuferinnen und Kindergärtnerinnen müssen Powerpoint-Fortbildungen über sich ergehen lassen. Aus Hörsälen und Klassenräumen sind die Folien nicht mehr wegzudenken. Von jedem Neuntklässler wird heute erwartet, dass er sein Referat mit Powerpoint-Folien unterlegt. Die erste Folie zeigt in der Regel den Namen des Referenten, auf der zweiten steht: „Herzlich willkommen“. Nach der dritten schalten die Mitschüler ab, dösen weg.

Das kollektive Wegdämmern wird wenn nicht gewollt, so zumindest toleriert. Der Referent fährt meist unbeirrt fort, liest von seiner Folie vor, was jeder selbst lesen kann. Dazu ein paar bunte und bewegte Charts, Wörter, die durch die Gegend wirbeln, sich drehen und kreisen, das alles mit ein bisschen Ton unterlegt, fertig ist die Powerpoint-Hölle, in der die Zuhörer stundenlang schmoren müssen.

Die driften ab, düddeln am Smartphone und erliegen spätestens, wenn der Vortragende ansetzt zum: „Wie Sie auf Folie 397 deutlich erkennen können...“, dem „Powerpoint-Death“. So schimpft sich das weitverbreitete Einnicken im abgedunkelten Seminarraum.

Trotzdem: Ein Vorstand, der sein Büro ohne ppt-Datei (Powerpoint-Präsentation) verlässt? Undenkbar. Jedes interne Meeting, jede Verhandlung, jede Schulung – die Folien sind immer mit dabei. Und da der Großmanager sich dazu nicht selbst hinsetzt, übernimmt das der Vorstandsassistent, der darüber als „Powerpoint-Maler“ verspottet wird.

Tarnung für inhaltliche Leere

Selbst auf Großveranstaltungen der Konzerne – neudeutsch Town-Hall-Meeting, traditionell Betriebsversammlung – werden dem Publikum Folien mit Diagrammen (steigende Kurven sind immer gut) – zugemutet. Da werden ganze Autofabriken leer geräumt, damit die Großleinwände Platz finden: Mann und Frau vom Fließband, angerückt im Tausender-Trupp, soll an unleserlichen Balken erkennen, wie toll die eigene Firma dasteht (oder wie ernst die Lage tatsächlich ist, wenn Opfer der Belegschaft gefordert sind).

Eigentlich durchblickt jeder, was da an Blendwerk betrieben wird, um zu vertuschen, wie wenig der Vortragende zu sagen hat oder preisgeben will. An anderen Referenten wird das unter Büromenschen auch heftig kritisiert. Nur die eigenen Folien, die sind natürlich die strahlende Ausnahme; erhellend, zielführend. Schon klar.

Der ganze Powerpoint-Zirkus sei nicht nur nervig, sondern schädlich, schrieb schon 2003 der Yale-Professor Edward Tufte in einem Artikel mit der Überschrift „Powerpoint is evil“. Powerpoint ist grausam. Und nicht nur das: Powerpoint macht dumm, behauptete der Emeritus für Statistik, Grafik-Design und politische Ökonomie. Denn das Programm fördere die ausufernde Vermüllung der Präsentationen mit gehaltlosen Info-Grafiken, mit „Chart-Junk“.

Die ppt-Schwächen sind also hinlänglich bekannt, trotzdem rührt sich kein Widerstand in Unternehmen oder Hörsälen, ganz im Gegenteil. An den Universitäten fordern die Studenten Powerpoint regelrecht ein. „Die sind ganz heiß auf die Foliensätze“, erzählt Wecker von der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Da sparen sie sich das Mitschreiben, haben schwarz auf weiß, was sie für ihre Klausuren lernen müssen. Und wehe, der Dozent hält sich nicht daran, fragt Themen ab, die er zwar ausführlich, aber nur mündlich, ohne Folie, behandelt hat. Dann jammern die Studenten, das wäre ja gar nicht vorgekommen in der Vorlesung. „Ihr Argument: Was wichtig ist, steht auf den Folien! Viele Professoren haben dem Druck nachgegeben und erklären zu Semesterbeginn: Es gilt ausschließlich das geschriebene Wort – also die Folie.

Das bekommt bereits der Buchhandel zu spüren. Traditionelle Universitätsbuchhandlungen stellen ihr Sortiment um von Fachliteratur auf Belletristik, weil die Studenten keine Standardwerke mehr kaufen, ihnen reichen die Folien-Sätze. Kein Wunder, dass der Powerpoint-Wahn sich so in alle Ritzen der Gesellschaft frisst. Im Fußball-Club ist der Jugendtrainer gehalten, seine taktischen Vorstellungen powerpointmäßig aufzuarbeiten. Die Konfirmanden erwarten vom Pfarrer die Beherrschung desselben in ihrem Unterricht.

Nun ist nicht jeder Trainer oder Feuerwehrmann, auch nicht jeder Manager ein begnadeter Redner. Drei Viertel der Menschen hassen öffentliche Auftritte, „Glossophobie“ nennt sich diese Panik. Und da ist nichts leichter, als sich hinter einem Haufen Folien zu verstecken in dem Glauben: Da kann nichts schiefgehen, muss man ja nur ablesen.

Doch da geht was schief. Schon der Ansatz ist falsch. Folien bringen dem Zuhörer nichts, wenn der Redner sie als Spickzettel missbraucht. Sie sollen, wenn überhaupt, die Rede ergänzen: Wenn ein Mediziner eine spezielle Gewebeprobe zeigt, ein Architekt seinen Entwurf für den Rathaus-Neubau einblendet, mag das sinnvoll sein. Alles andere ist ein Zeichen von Unsicherheit. Schon Apple-Gründer Steve Jobs wusste: „Menschen, die wissen, worüber sie reden, brauchen kein Powerpoint.“ Auch Amazon-Chef Jeff Bezos hat Powerpoint-Präsentationen generell in seiner Firma verboten. Und es lässt sich beileibe nicht sagen, dass der Mann etwas gegen den technischen Fortschritt hätte.

Trendsportart Powerpoint-Karaoke

Ohne Folien fallen viele Vorträge in sich zusammen wie ein Soufflé, reihen sich doch nur Allgemeinplätze aneinander: Von Corporate Identity ist da viel zu lesen, von Agendasetting und Problemlösungen, von Evaluation, Qualitätssicherung, Potential, Performance und Exzellenz. Überall warten Herausforderungen, inputs und outputs werden angeführt, upsides und downsides: alles „Bullshit Bingo“, so der Fachbegriff für die beliebige Aneinanderreihung von Managerfloskeln.

Daraus hat sich ein neuer Trendsport entwickelt: Powerpoint-Karaoke – eine bundesweite Bewegung, in jeder Stadt treffen sich Leute in Kneipen und Cafés dazu, beliebt ist das Spiel auch für Familien- und Firmenfeiern. Man sucht im Internet verschiedene Präsentationen erlesener Quatsch-Güte zusammen, dann darf jeder Teilnehmer fünf Minuten zu einem Thema schwadronieren, von dem er gerade mal den Titel kennt: die „kleine Geschichte des Kieferholzmöbels“ zum Beispiel, „PE-Beratung – Quo vadis“ oder „Die ATR-Systemik inverser Plasmen“. Der lustigste, kreativste Beitrag gewinnt.

In einem namhaften Autokonzern, nicht für Albernheiten bekannt, haben Angestellte neulich ihrem Aufsichtsratsvorsitzenden einen Abend Powerpoint-Karaoke geschenkt. Der Manager musste aus dem Stegreif zu übelsten Folien hochtrabende Vorträge halten. Der Mann, offenbar mit Selbstironie gesegnet, hat die Prüfung bestanden, die Stimmung war bestens. Ganz anders vermutlich als in den Original-Vorträgen.

Quelle: F.A.S.
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Bettina Weiguny
Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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