Frankfurt

Der mächtige Magnet am Main

Von Daniel Mohr
 - 12:50

In einer Stadt wie Frankfurt befindet man sich in einer wunderlichen Lage. Sich kreuzende Fremde deuten nach allen Weltgegenden hin und erwecken Reiselust. Das meinte der gebürtige Frankfurter Johann Wolfgang Goethe, den es als jungen Mann 1775 fort zog aus Frankfurt, nach Weimar, aber auch zu ausgedehnten Italien-Reisen. Zwar gab es zu Goethes Zeit noch keinen Flughafen. International war die Stadt aber trotzdem. Die zentrale Lage in Europa, genau in der Mitte zwischen Nordsee und Alpen, hat sie schon früh zur bedeutendsten Handels- und Messestadt mindestens in Deutschland wenn nicht in Europa werden lassen.

Als Drehscheibe zwischen Osteuropa, Frankreich und Flandern wurden die Herbst- und Frühjahrsmessen mehr und mehr zum internationalen Zentrum des Fernhandels. Nicht ganz unproblematisch waren die vielen verschiedenen Münzen, die auf den Messen kursierten, so dass sich folgerichtig ein geregelter Markt etablieren musste und 1585 zur Gründung der Frankfurter Börse führte, der heute noch wichtigsten europäischen Börse, die gerade wieder für viele Schlagzeilen gesorgt hat.

Zwei von drei Kindern haben Migrationshintergrund

Frankfurts heutiges Gesicht kann nur der richtig lesen, der auch die Vergangenheit kennt: Wäre Goethe nur ein paar Jahre länger geblieben, so hätte er 1785 auf der Herbstmesse zu einem der Zehntausenden Zeugen der ersten Luftreise in Deutschland werden können. Sie trug den Luftfahrtpionier Jean-Pierre Blanchard im Ballon von der Bornheimer Heide in 39 Minuten bis Weilburg an der Lahn. Kein Wunder, dass in Frankfurt später einer der weltgrößten Flughäfen entstand. Ganz im Sinne Goethes weckt dies nicht nur die Reiselust der Frankfurter. Es führt zu einer Internationalität der Stadt und der dort angesiedelten Unternehmen, die hierzulande ihresgleichen sucht. 2017 könnte das Jahr sein, in dem erstmals die Mehrheit der mehr als 700.000 Einwohner einen Migrationshintergrund hat. 2016 waren es 47 Prozent der Einwohner, unter den Erwerbsfähigen sogar 64 Prozent, unter den Kindern 68 Prozent.

Die Zahlen sind beeindruckend. Vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass Frankfurt zu Goethes Zeiten nur rund 40.000 Einwohner hatte. Bis 1871 verdoppelte sich die Zahl, Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Marke von 200.000 genommen, Anfang des 20. Jahrhunderts waren es schon mehr als 300.000 Einwohner. Nach Phasen langsameren Wachstums erstaunt indes der Aufschwung, den Frankfurt seit der Finanzkrise nimmt. Wer meinte, eine Bankenstadt müsse durch die Finanzkrise in eine tiefe Depression stürzen, der sah sich in den vergangenen Jahren mit dem Gegenteil konfrontiert. Plötzlich wächst Frankfurt wieder jedes Jahr – und zwar um etwa 15.000 Einwohner und damit viel dynamischer als in den Jahren zuvor.

Noch eindrücklicher ist der Zuwachs an Arbeitsplätzen. Der ist nämlich fast genauso hoch wie der Einwohnerzuwachs. In Frankfurt gibt es ungefähr so viele Arbeitsplätze wie Einwohner. Da aber die Hälfte der Bevölkerung Rentner, Kinder, Jugendliche und Studenten sind, schwillt Frankfurt jeden Werktag zur Millionenstadt an, weil mehrere hunderttausend Pendler in die Stadt strömen.

Gute Lage
Arbeitsmarkt in Deutschland blüht auf
© afp, afp

Frankfurts Wachstumsdynamik hängt nicht vom Brexit ab

Doch warum nur? Was machen all diese Menschen? Die Banken können für diese Magnetfunktion kaum verantwortlich sein. Ja, die Branche ist wichtig. Aber die Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), die sich intensiv mit der Entwicklung des Finanzplatzes befasst, misst seit Jahren eine relativ konstante Zahl von gut 70.000 Arbeitsplätzen in der Finanzbranche in Frankfurt. Das ist viel, aber eben für Frankfurt nicht alles entscheidend.

Und jetzt kommt Bewegung in die Branche. Der diese Woche beantragte Abschied Großbritanniens aus der Europäischen Union bietet eine Chance für Frankfurt. Große amerikanische und asiatische Banken könnten sich stärker der deutschen Finanzmetropole stärker zuwenden, um von hier aus den europäischen Markt zu bedienen und weniger von London aus. Das dürfte für sie einige Vorteile haben – und es wäre schön für Frankfurt, einige hundert oder gar mehrere tausend gutbezahlte Neubürger zu gewinnen. Doch davon hängt die Frankfurter Wachstumsdynamik nicht ab.

Attraktiver Finanzplatz
Wird Frankfurt zum Krisengewinner des Brexit?
© Stefanie Silber, reuters

Symbolkräftiger könnte da schon das Scheitern der Börsenfusion mit London sein. Frankfurt bleibt Sitz der wichtigsten europäischen Börse und damit erste Anlaufstelle für Unternehmen, die sich über den Kapitalmarkt finanzieren wollen. Das ist auch für internationale Unternehmen wichtig zu wissen. Das kapitalistische Herz Deutschlands schlägt weiter in Frankfurt und das ist Anknüpfungspunkt für viele Unternehmen und Dienstleistungen.

Fast wäre Frankfurt Hauptstadt geworden

Nicht nur durch die Börse, vor allem auch durch den Flughafen ist die Stadt für viele Geschäftsleute gefühlt die deutsche Hauptstadt oder zumindest die wichtigste deutsche Stadt. Das trifft einen wunden Punkt, denn Frankfurt hätte tatsächlich 1949 Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland werden sollen. Wiesbaden wurde deshalb die Rolle als hessische Landeshauptstadt zugewiesen, um nicht in einer Doppelfunktion alles in Frankfurt zu zentrieren.

Doch Konrad Adenauer schaffte es in seiner unnachahmlichen Art, zwar nicht seinen Wohnort Rhöndorf, aber doch das in Sichtweite befindliche Bonn überraschend gegen Frankfurt durchzusetzen. Die entscheidende Abstimmung im Parlamentarischen Rat ging mit 33 zu 29 Stimmen für die nordrhein-westfälische Stadt aus. Der Frankfurter Bürgermeister Walter Kolb hatte schon eine Dankesrede aufnehmen lassen, ein Regierungsviertel ausgewiesen und einen Plenarsaal nach Vorbild der Frankfurter Paulskirche als Wiege der deutschen Demokratie bauen lassen. Darin residiert bis heute der Hessische Rundfunk. Frankfurt profitierte gleichwohl davon, dass viele Banken und Unternehmen das isolierte Berlin verließen und sich am Main ansiedelten.

Die CDU hat gut 40 Jahre nach dem Bonn-Beschluss die Sache aus Frankfurter Sicht immerhin halbwegs wiedergutgemacht, als sich der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Gründung der Gemeinschaftswährung Euro mit viel Nachdruck und letztlich erfolgreich für die Ansiedlung der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Stadt am Main einsetzte. Die Entscheidung fiel damals gegen Frankreich, dem im Gegenzug die baldige Besetzung des Präsidentenamts zugesichert wurde, das Jean-Claude Trichet von 2003 bis 2011 innehatte. Die mittlerweile um die wichtige Funktion der Bankenaufsicht erweiterte Zentralbank hat eine enorme Sogfunktion für die Finanzbranche und war für Frankfurt eine ideale Steilvorlage auf dem Weg zum europäischen Regulierungszentrum in Finanzfragen. Das mag nicht besonders aufregend klingen – ist aber ein Pfund, mit dem die Stadt wuchern kann.

Luxussanierungen in Altbauten sind überall sichtbar

Dass so viele auch finanzfremde Unternehmen und so viele Neubürger in den vergangenen Jahren zugezogen sind, lässt sich damit aber nicht erklären. Offenbar bietet Frankfurt wie schon vor Hunderten Jahren Vorzüge als Wirtschaftsstandort, aber auch eine gewisse Lebensqualität. Es wäre nicht die Frankfurter Art, dies an die große Glocke zu hängen, aber einige internationale Studien versuchen in Zahlen und Worte zu fassen, was die Stadt ausmacht. Sie ernennen Frankfurt zur „In-City“ oder küren sie zur lebenswertesten Stadt in Deutschland.

Die Kriterien dafür sind höchst subjektiv und lassen sich kaum fassen. Viele Vergleiche werden derzeit mit dem weit größeren London angestellt. Man überlegt, warum ein Banker aus London nach Frankfurt ziehen sollte oder was ihn abschrecken könnte. Internationalen Spitzenfußball sieht er hier wohl anders als in London auch künftig nicht. Und auch die Zahl der Museen ist niedriger, wenn auch nicht zu verachten. Ebenfalls nur selten zu bieten hat Frankfurt die Queen, die vor zwei Jahren immerhin Frankfurt besuchte und nicht München, Hamburg oder Köln. Dafür blickt man von Frankfurt auf die Taunushänge, die sich – je nach Verkehrslage – in weniger als 20 Minuten erreichen lassen. Frankfurt gehört zu den wärmsten deutschen Städten. Im nahen Umfeld gedeihen Spargel, Wein, Kirschen und Erdbeeren. Der Verkehr stockt in den Stoßzeiten zwar auch in Frankfurt – das ist aber kein Vergleich zu den Zuständen in der Londoner City.

Doch die gute Entwicklung der vergangenen Jahre birgt auch Risiken und Veränderungen, die nicht allen gefallen. Auf dem Gleisfeld des ehemaligen Güterbahnhofs entsteht im „Europa-Viertel“ mal eben Wohnraum für mehr als 10.000 Menschen. Einziehen werden dort keine Durchschnittsbürger, sondern die gehobene Mittelschicht und Spitzenverdiener. Luxussanierungen in Altbauten sind überall in Frankfurt sichtbar. Es werden neue Wohnhochhäuser gebaut. Wer in „Immobilienscout“ sucht, findet eine Wohnung für 18.650 Euro monatlicher Kaltmiete am Opernplatz – immerhin 600 Quadratmeter groß.

Durchschnittsverdienern macht die Entwicklung der Mieten Angst

Die Durchschnittskaltmiete bei Erstbezug hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren von gut 9 auf rund 14 Euro je Quadratmeter um 50 Prozent erhöht. Die Bezugspreise für Eigentumswohnungen haben sich sogar auf 4500 Euro je Quadratmeter verdoppelt – im Durchschnitt und ganz ohne Einfluss von Brexit-Bankern. Die teuer erscheinenden Wohnungen werden den Maklern aus den Händen gerissen, teilweise wird zu den Terminen gleich Bargeld mitgebracht. Die steigenden Preise sind Gesprächsthema in der Stadt, für manche werden sie zur Belastung.

Verweise darauf, dass Frankfurt im Vergleich mit internationalen Metropolen noch immer eher günstig ist, mögen für Immobilieninvestoren eine Rolle spielen. Rentnern und Durchschnittsverdienern macht die Entwicklung eher Angst. Mit Peter Feldmann (SPD) haben die Frankfurter vor fünf Jahren einen Sozialbetriebswirt zum Bürgermeister gewählt, der glaubhaft den Eindruck erweckt, den Sorgen der normalen Frankfurter näher zu sein als den Luxuspartys der Banker. Seine Frau Zübeyde leitete die erste deutsch-türkische Kindertagesstätte in Frankfurt.

Am Geld fehlt es jedenfalls nicht in der Stadt. Die Gewerbesteuereinnahmen von Frankfurt erreichen jährlich neue Rekorde von zuletzt gut 1,8 Milliarden Euro. Das sind rund 2500 Euro je Einwohner. München kommt auf weniger als 1700 Euro. Es ist die große Aufgabe der Frankfurter Politik, mit den hohen Steuereinnahmen die soziale Balance der Stadt zu erhalten. Rentner und Familien der Mittelschicht sehen sich am ehesten an den Rand gedrängt. Im Umland werden täglich neue Neubaugebiete für Familien ausgewiesen.

„Wenn mich jemand früge, wo ich mir den Platz meiner Wiege bequemer, meiner bürgerlichen Gesinnung gemäßer oder poetischen Ansicht entsprechender denke, ich könnte keine liebere Stadt als Frankfurt nennen“, zitiert die Stadt Goethe auf ihrer Internetseite. Es dauerte offenbar, bis sich diese Ansicht weit verbreitet hat. Das Wachstumswunder Frankfurt dürfte den berühmtesten Sohn der Stadt aber kaum verwundern.

Frankfurt am Main
Der größte Internetknoten der Welt
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Quelle: F.A.Z.
Daniel Mohr  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Mohr
Redakteur in der Wirtschaft.
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