Geldpolitik der EZB

Allen Sparern kann angst und bange werden

Von Dennis Kremer
 - 10:29

Eines der Worte, das vom Deutschen ins Englische übernommen wurde, ist das Wort Angst. Als Deutsche müssen wir uns da nicht geschmeichelt fühlen. Klar, Briten und Amerikaner sagen auch „Wunderkind“ oder „Kindergarten“, zwei deutlich freundlichere Wörter. Allein die Angst aber ist für die Angelsachsen untrennbar mit uns Deutschen verbunden, sie ist für sie Teil unseres Nationalcharakters – German Angst ist in der englischsprachigen Welt ein feststehender Begriff.

Deswegen war es so perfide, was Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), nach der Ratssitzung in der vergangenen Woche auf der Pressekonferenz sagte, die wie stets auf Englisch stattfand. Die „Angst“ – Draghi benutzte das deutsche Wort – wegen der Geldpolitik der EZB sei völlig unangebracht. Negative Nebeneffekte dieser Politik gebe es so gut wie keine.

Man muss sich klarmachen, wer hier spricht: Draghi ist der Mann, unter dessen Führung die EZB den Leitzins seit mittlerweile drei Jahren bei nahe null Prozent hält und der für die wohl umstrittenste Finanzmarktoperation die Verantwortung trägt, die es in Europa je gab. Seit 2015 kauft die EZB für insgesamt Hunderte von Milliarden Euro in erster Linie Staatsanleihen der Eurostaaten auf, um – so die mantraartig vorgetragene Argumentation – den Firmen im Euroraum leichter Zugang zu Krediten zu verschaffen. Das soll mehr wirtschaftliche Aktivität entfachen, die in höherer Inflation münden soll. Es steht in Frage, ob dies wirklich funktioniert.

Sparen lohnt sich nicht mehr

Negative Nebeneffekte gibt es dagegen, anders als von Draghi behauptet, eine ganze Menge. Der schlimmste: Sparen lohnt sich nicht mehr. Die DZ Bank hat in diesem Jahr berechnet, dass allein den deutschen Sparern zwischen 2010 und 2016 insgesamt 344 Milliarden Euro an Zinserträgen wegen der EZB-Politik verlorengegangen sind. Wenn das kein negativer Effekt ist! Trotzdem macht Draghi noch immer keinerlei Anstalten, einen Ausstieg aus der jahrelangen Nullzinspolitik zumindest vorzubereiten. Kein Wunder, dass es vielen deutschen Sparern da ganz anders wird.

Der EZB-Präsident ist es gewohnt, dass jedes seiner Worte höchste Beachtung findet. Man kann darum sicher sein, dass er das Wort „Angst“ im vollen Bewusstsein aussprach. Das ist ein dreistes Ablenkungsmanöver des Notenbankers. Unterstellt er auf diese Weise doch indirekt allen seinen Kritikern (von denen es vor allem in Deutschland viele gibt), ihre Bedenken hätten keinen rationalen Kern, sondern seien fester Teil ihres Charakters – German Angst eben. Gleichzeitig verschleiert Draghi geschickt, dass es in Wahrheit er selbst sein dürfte, den die Angst fest im Griff hält.

EZB weiß keinen Ausweg aus der Geldpolitik

Denn während sich die Deutschen völlig zu Recht vor den Folgen der Geldpolitik fürchten, sieht es ganz danach aus, als fürchte Draghi den Ausstieg aus dieser Politik. Ein Indiz dafür ist, dass sich die EZB noch immer die Möglichkeit offenhält, die Anleihekäufe sogar noch auszuweiten – ein absurder Gedanke angesichts der Tatsache, dass ganz Europa gerade einen lange nicht gekannten Wirtschaftsaufschwung erlebt.

Notenbanker betreiben ein von Natur aus anmaßendes Geschäft. Sie trauen sich zu, durch die Änderung einer wichtigen Stellschraube – des Zinses – die Wirtschaftswelt in ihrem Sinne lenken zu können. So einfach ist das aber nicht. Die EZB hat mit ihrer ultralockeren Zinspolitik und dem milliardenschweren Anleihekaufprogramm ein Monster geschaffen, über das ihr die Kontrolle abhandenzukommen droht: Der Kurs des Euro steigt gegen ihren Willen, und die Finanzmärkte sind sowieso immer nervös.

Mario Draghi hat in der vergangenen Woche selbst das Signal gegeben: Hier macht einer einfach immer so weiter, weil er auch keinen Ausweg weiß. So gesehen, kann allen Sparern wirklich angst und bange werden.

Quelle: F.A.S.
Dennis Kremer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Dennis Kremer
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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