Gentechnik

„Hier geht es um die Interessen der gesamten Menschheit“

Von Alexander Armbruster
 - 12:35

„Die Biotechnologie steht an einem Wendepunkt: Die Fortschritte bei Gentests und Genetic Editing – beschleunigt durch die neuen Techniken der Genmanipulation – sind dabei, Science Fiction in Realität zu verwandeln.“ So steht das nicht in einer Prophezeiung sektiererischer Futuristen, sondern in einer Analyse der amerikanischen Geheimdienste aus diesem Jahr, welche die Fachleute von CIA und Co. eigentlich für ihren Präsidenten anfertigen, die aber zugleich der Öffentlichkeit verfügbar gemacht wird.

Sie begründeten ihre Einschätzung so: „Die Zeit und die Kosten, die aufgewendet werden müssen, um das Genom eines Menschen zu sequenzieren, sind auf einen Bruchteil geschrumpft.“ Und sagen daran anschließend eine – je nach Perspektive erschreckende oder hoffnungsvolle – Entwicklung voraus: „Hier eröffnen sich Möglichkeiten für maßgeschneiderte Ansätze zur Verbesserung menschlicher Fähigkeiten, Therapie von Krankheiten, Verlängerung des Lebens oder Steigerung der Nahrungsproduktion.“ Es sei anzunehmen, dass „die meisten neuen Techniken am Anfang in einigen wenigen Ländern verfügbar sein werden, das heißt, dass der Zugang zu diesen Technologien begrenzt sein wird auf jene Menschen, die das Geld haben, für die neuen Prozeduren zu reisen und zu bezahlen“.

Es geht nicht nur um die „Genschere“

Vor ungefähr einem Monat haben Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten um Shoukhrat Mitalipov von der Oregon Science and Health University demonstriert, was das zum Beispiel bedeutet: Sie berichteten in einem Beitrag für das renommierte Magazin „Nature“, wie sie bei 42 von 58 eigens dafür hergestellten menschlichen Embryonen das Gen für eine Herzkrankheit reparierten – und zwar, ohne den Embryonen währenddessen an anderer Stelle zu schaden. Das ist nicht weniger als ein Eingriff in die Keimbahn, der das Erbgut über Generationen hinweg verändert.

Manipuliert haben die Forscher das kaputte Gen mit einer Methode, die derzeit im Mittelpunkt steht, wenn es um neue Hoffnungen im Bereich der Genetik geht. Sie wird gelegentlich „Genschere“ genannt und verbirgt sich hinter dem Kürzel CRISPR/Cas. Damit können Fachleute offenkundig mit vergleichsweise geringem Aufwand zielgenau das Erbgut verändern.

Nachdem die amerikanische Wissenschafts-Akademie im Februar ihre eigene Position zur Frage von Keimbahn-Eingriffen abänderte und sich freizügiger äußerte, hat nun der Deutsche Ethikrat eine eindrückliche Warnung ausgesprochen. „Entwicklungen der jüngsten Zeit verdeutlichen jedoch, dass die Forschung auf diesem besonders sensiblen Gebiet erheblich schneller voranschreitet als erwartet und damit zumindest in einigen Staaten Fakten geschaffen werden. Weil hiermit jedoch nicht nur nationale, sondern auch Interessen der gesamten Menschheit berührt werden, bedarf es einer weitgespannten Diskussion und einer internationalen Regulierung“, schreiben sie (zum Original-Aufsatz geht es hier entlang). Sie beziehen sich darin ausdrücklich auf den Versuch in den Vereinigten Staaten, aber auch auf vorangegangene, etwa in China.

„Druck auf künftige Eltern?“

Die Besonderheit dieses Forschungsfortschritts erklären sie so: „Erstmals in der Wissenschaftsgeschichte sollen medizinische Maßnahmen entwickelt und gegebenenfalls eingesetzt werden, die nicht allein einen einwilligungsfähigen erwachsenen Patienten oder – und schon dies ist ethisch umstritten – ein noch nicht einwilligungsfähiges geborenes oder ungeborenes Kind betreffen, sondern Generationen noch nicht gezeugter Nachkommen unbestimmter Zahl.“

Die Ethiker, deren Aufgabe es ist danach zu fragen, ob wir etwas wollen sollen, diskutieren die Forschung durchaus differenziert. Sie nehmen einmal Bezug auf neue Möglichkeiten, (Erb-)Krankheiten zu behandeln oder komplett zu heilen. Oder etwa Paaren, die bislang keine eigenen Kinder bekommen können, dies zu ermöglichen. Dafür können sie sich schneller erwärmen, und das scheint auch insgesamt eher konsensfähig zu sein.

Ungleich brisanter ist die Frage, ob und wie mittels dieser Möglichkeiten gesunde Menschen „verbessert“ werden können, wenn „mit ihrer Hilfe nicht nur Therapien zur Option medizinischen Handelns werden, sondern sie zugleich ein Werkzeug für weiter reichende „Verbesserungen“ des Menschen bieten (Enhancement)“. Damit dränge sich auch „das Thema der Rechenschaftspflicht angesichts möglicher gesellschaftlicher und kultureller Folgen“ auf. „Könnten durch Keimbahnveränderungen soziale und gesundheitliche Ungleichheiten verstärkt und damit ein gewichtiges Problem sozialer Gerechtigkeit aufgeworfen werden? Werden durch die Möglichkeit von Keimbahntherapie das Verständnis und die Praxis menschlicher Fortpflanzung verändert, wenn die genetische Ausstattung der Nachkommen aktiv gestaltet werden kann? Könnte hier sozialer Druck auf künftige Eltern entstehen, solche Eingriffsmöglichkeiten in Anspruch zu nehmen?“, lauten einige Fragen, die von den Fachleuten aufgeworfen werden.

Großes Interesse im Silicon Valley

Das Interesse am gentechnischen Fortschritt oder anderen Möglichkeiten, das eigene Leben durch ähnliche Eingriffe deutlich zu verlängern und zu verbessern, ist überdeutlich. Unternehmer gerade um das Silicon Valley geben beispielsweise enorme Summen aus. Neben der „Genschere“ setze sie beispielsweise auf Blut und Stammzellen. Das Start-up Forever Labs etwa, das aus dem in Mountain View (dort steht auch das Google-Hauptquartier) ansässigen Gründerzentrum Y Combinator hervorgegangen ist.

Das Unternehmen bietet an, Stammzellen aufzubewahren – und diese gegen mit der Alterung verbundene Krankheiten einzusetzen oder gar gegen das Altern selbst. Der zugrunde liegende Gedanke lautet: Stammzellen sind vielseitig verwendbar, werden mit zunehmendem Alter aber nicht nur zahlenmäßig weniger, sondern auch weniger funktional. Deswegen nun das Angebot, in jungen Jahren Stammzellen zu bunkern und für später aufzubewahren.

Steven Clausnitzer, der das Unternehmen führt und mitgegründet hat, bezeichnete dies gegenüber dem Internetdienst „Techcrunch“ als „Stammzellen-Zeitreise“. Er selbst habe beispielsweise vor zwei Jahren, im Alter von 38, Stammzellen eingelagert – die seien nun im Gegensatz zu ihm nicht älter geworden. Jason Camm, der leitende Medizin-Fachmann der Wagniskapitalgesellschaft des Internetunternehmers Peter Thiel, berät auch Forever Labs. Eine finanzielle Verflechtung zwischen Thiel und dem Unternehmen gebe es aber nicht. Gleichwohl darf man davon ausgehen, dass Thiel das Ziel durchaus sympathisch ist. „Meiner Ansicht nach kann man sich zum Tod auf dreierlei Weise verhalten“, sagte er bekanntlich einmal: „Man kann ihn akzeptieren, man kann ihn leugnen, oder man kann ihn bekämpfen. Ich glaube, unsere Gesellschaft besteht vor allem aus Leuten, die ihn hinnehmen oder leugnen. Ich bekämpfe ihn lieber.“

Jesse Karmazin wiederum hat eine Firma mit dem vielversprechenden Namen Ambrosia gegründet und bietet Menschen, die älter als 35 Jahre sind, Bluttransfusionen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen an. Karmazin geht nicht so weit, seinen Kunden wirklich zu versprechen, dass sie nicht mehr älter werden. Er sieht sich offenkundig als Unternehmer und Forscher zugleich und will vor allem herausfinden, ob das Blut (oder genauer wohl das Blutplasma) junger Menschen bestimmte mit der Alterung einhergehende Symptome lindern kann – wie ein nachlassendes Erinnerungsvermögen oder ein schwächer werdendes Herz. Das Blut kauft er von Blutbanken, die zum Beispiel auch Pharmaunternehmen beliefern. Google wiederum gründete vor einigen Jahren ein eigenes Unternehmen namens Calico, das Wege finden soll, das Altern aufzuhalten. Aubrey de Grey, der schillernde Forschungschef der ebenfalls dort ansässigen SENS-Stiftung, erklärte sein Ziel, das offenkundig andere teile, einmal so: „Mir geht es nicht darum, tausend Jahre alt zu werden. Mein Ziel ist, dass Menschen einmal den Tod so lange vermeiden können, wie sie das wollen.“

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Redakteur in der Wirtschaft.
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