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Das gespaltene Land

Von MARCUS THEURER

20. Juni 2016 • Nicht erst seit dem Mord an Jo Cox ist klar: Großbritannien hat sich dramatisch verändert. Unser Korrespondent ist von London nach Edinburgh gefahren und hat mit den Leuten gesprochen. Seine Bilanz: Es geht ein Riss durch das Land.

© Action Press Vor dem Big Ben: Blumen für die ermordete Politikerin Jo Cox

Großbritannien ist erstarrt. Der Mord an der Parlamentarierin Jo Cox hat das Land getroffen wie ein Blitzschlag. Die 41 Jahre alte Cox, Mutter von zwei Kindern und Abgeordnete der sozialdemokratischen Labour Party, hat sich für mehr Engagement ihres Landes in der syrischen Flüchtlingskrise starkgemacht und ist vor dem britischen EU-Referendum entschlossen für das europäische Bündnis eingetreten. Nach ihrem gewaltsamen Tod steht ein grausiger Verdacht im Raum: Hat sie dieses Engagement das Leben gekostet?

Als der mutmaßliche Täter bei einer Gerichtsanhörung seinen Namen bestätigen sollte, sagte er nur: „Tod den Verrätern. Freiheit für Großbritannien.“ Er soll Kontakt zu einer amerikanischen Neonazi-Gruppe gehabt haben. Der Bruder des Mörders spricht von psychischen Problemen. Noch sind seine Motive unklar. Aber es fällt schwer, die Bluttat nicht im Kontext des bevorstehenden Volksentscheids zu sehen, der Großbritannien tief gespalten hat. An diesem Donnerstag stimmen die Briten über den Austritt ihres Landes aus der EU ab.

Was geht vor in diesem Land? Seit 2009 berichte ich für die F.A.Z. aus London über Großbritannien. Vor dem Anschlag bin ich von Süd nach Nord über die Insel gefahren. Ich habe mit Dutzenden von Bürgern über Europa und ihre eigene Nation gesprochen. Die Route führte mich knapp 700 Kilometer entlang der A 1, der längsten britischen Autobahn, von London nach Edinburgh.

Von Berufs wegen pro-europäisch LONDON
Marco Wouters ist zwischen die Fronten des Referendums geraten. Dabei ist er bei dieser Wahl eigentlich nur Zaungast. Denn Wouters lebt zwar seit 25 Jahren in der britischen Hauptstadt, hat aber selbst gar keinen britischen Pass. Er ist Belgier. Den Ärger aber hat er sich trotzdem eingehandelt, und zwar mit dem Schild, das vorne im Schaufenster seines Blumenladens im Londoner Stadtteil Islington prangt. „Vote Remain“ steht darauf, eine Wahlwerbung der Proeuropäer vor dem Volksentscheid.

F.A.Z.-Korrespondent Marcus Theurer ist auf der A1 von London nach Edinburgh 700 Kilometer über das Land gefahren

Wouters hat sich weiter nichts dabei gedacht. „Bis gestern Morgen eine Kundin wutentbrannt reingestürmt kam“, berichtet er. Was denn dieses Schild da draußen solle? Sie habe bisher immer ihre Blumen bei Wouters gekauft, schimpfte die Frau, aber dies sei das letzte Mal, dass sie den Laden betreten habe. „Und weg war sie“, sagt Wouters. Im höflichen England sind solche Ausfälle nicht gerade alltäglich.

Dabei war das mit der Wahlwerbung ja nicht mal Wouters’ eigene Idee. „Ein Stammkunde hat mich gefragt, ob ich das Schild nicht ans Fenster hängen könne“, erklärt er. Was sollte er machen? „Wissen Sie, das ist ein wirklich guter Kunde, also habe ich es eben getan.“

Der Blumenhändler berichtet, er sei in den vergangenen Wochen hier im Viertel immer wieder Zeuge von hitzigen Wortgefechten über die EU geworden. Die Temperatur in Islington ist gestiegen. Boris Johnson, bis vor kurzem Bürgermeister von London und nun der General der Brexit-Bewegung, wohnt gleich um die Ecke des Blumenladens in der Nähe der U-Bahn-Station Angel. Aber vor der eigenen Haustür, im gediegeneren Teil von Islington, hat Johnson einen schweren Stand. Manche seiner Nachbarn halten ihn inzwischen für so gefährlich wie Donald Trump. „Die meisten hier sind für die EU“, sagt Wouters.

Kein Wunder, die Gegend ist mittlerweile so teuer geworden, dass vor allem Leute mit gutbezahlten Finanzjobs im nahen Bankenviertel hier wohnen. Wouters hat sich darauf eingestellt: Er verkauft in seinem Laden neben Blumen auch Champagner. „Viele hier sind schon von Berufs wegen Pro-Europäer“, sagt er. Denn für kaum eine Wirtschaftsbranche steht beim Brexit so viel auf dem Spiel wie für die Banken. Schließlich ist die City die Bankzentrale Europas. Bisher jedenfalls. Und wie denkt der belgische Londoner Wouters über das Referendum? „Natürlich will ich nicht, dass die Briten austreten“, sagt er.

Eingeschüchtert von den vielen Einwanderern PETERBOROUGH
In der Bäckerei von Linda Spires zählen Investmentbanker nicht zur Stammkundschaft. Champagner hat sie auch nicht im Angebot. Stattdessen sind die Regale in dem schönen alten Geschäft halb leer. Diesen Bäckerladen in Millfield, einem Viertel der englischen Stadt Peterborough, die gut zwei Autostunden nördlich von London an der A 1 liegt, gibt es schon seit 136 Jahren. Aber nicht mehr lange. Die traurige Geschichte, die Linda Spires zu erzählen hat, könnte aus einem Wahlwerbespot der Brexit-Bewegung stammen. „Freitag schließen wir“, sagt die Bäckerin. Der Familienbetrieb in vierter Generation trägt sich nicht mehr.

Wann die Schwierigkeiten angefangen haben? Spires denkt nach. Vor sieben Jahren etwa habe der Umsatz angefangen zu bröckeln, sagt sie – und ja, das habe auch mit den Einwanderern aus Osteuropa zu tun, die in immer größerer Zahl in diese Gegend im Norden des Zentrums von Peterborough gezogen sind. „Unsere älteren Kunden kommen nicht mehr her, die fühlen sich eingeschüchtert von den vielen Ausländern im Viertel“, sagt die Ladenbesitzerin.

Die Polen und Litauer wiederum kauften zwar ab und zu bei ihr ein und lobten auch das gute Brot. Aber Stammkunden seien sie nicht. „Die gehen aus Loyalität dann doch zu ihren Landsleuten“, vermutet Spires. Diese Möglichkeit bietet sich ihnen inzwischen in Hülle und Fülle. In der Lincoln Road, der Haupteinkaufsstraße, reiht sich ein osteuropäisches Lebensmittelgeschäft ans nächste. Sogar ein Bioladen, der aus Litauen importiertes Gemüse anbietet, hat kürzlich aufgemacht.

Geschichten wie die vom Ende der Bäckerei Spires sind der Hauptgrund dafür, warum viele Briten raus wollen aus der EU. Denn zu den Regeln des europäischen Binnenmarkts zählt, dass sich jeder EU-Bürger in einem anderen Mitgliedsland niederlassen darf, um dort zu arbeiten. Faktisch ist für viele auf der Insel das Referendum zu einer Abstimmung über die Einwanderung geworden. Meinungsumfragen zufolge sehen die Bürger seit Jahren die Massenimmigration in ihr Land als eines der drängendsten politischen Probleme. Die Zeitungen heizen die Stimmung weiter an. Viele fürchten, dass bald auch die Türkei EU-Mitglied wird und dann noch mehr Einwanderer kommen.

© Visum Erntehelfer aus Polen und Litauen auf einem Feld in Mittelengland

Dabei ist der Anteil ausländischer EU-Bürger in Großbritannien im europäischen Vergleich bisher gar nicht mal außergewöhnlich hoch. Sie machen – ähnlich wie etwa in Deutschland – nur rund 5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Und dennoch sind die Angst vor der Überfremdung und das Versprechen, nach dem Austritt die Kontrolle über die Grenzen zurückzugewinnen, zum Wahlkampfschlager der Brexit-Bewegung geworden.

Peterborough ist einer der Brennpunkte in dieser Angelegenheit, denn in der Gegend gibt es vor allem in der Landwirtschaft viele Jobs für die Neuankömmlinge. Die Stadt in der Grafschaft Lincolnshire wurde durch die vielen Wirtschaftsmigranten zu einer der am schnellsten wachsenden Gemeinden in ganz Großbritannien. In den vergangenen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl um fast ein Fünftel nach oben geschnellt, auf mehr als 180 000 Menschen. Wohnungen, Schulplätze, Krankenhausbetten – alles wurde knapp. Der Sparkurs der Regierung in London verschärfte die Engpässe zusätzlich.

Sie habe ja nichts gegen die Ost- und Südeuropäer, sagt Linda Spires. „Aber es sind einfach zu viele.“ Ökonomen rechnen zwar vor, dass die ungeliebten EU-Migranten ein Gewinn für die britische Wirtschaft und Staatskasse seien, weil sie besser ausgebildet und arbeitswilliger seien als viele Briten. Aber: „Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht alles im Leben“, verkündete Nigel Farage, der Parteichef der EU-feindlichen UK Independence Party (Ukip), kürzlich in einer Fernsehdebatte – und sprach damit Wählern wie Spires aus der Seele. Der Feldzug gegen die EU, er ist auch eine Anti-Globalisierungsbewegung.

Linda Spires sagt, sie wisse noch nicht, wie sie abstimmen werde beim Referendum. Doch das, was sich draußen vor dem Schaufenster ihrer Bäckerei abspielt, gefalle ihr nicht: Binnen weniger Jahre sei die Lincoln Road für weiße Briten eine „No Go Area“ geworden. In der Kinderkrippe, schräg gegenüber der Bäckerei, stammen neun von zehn Kindern aus Osteuropa. In der nahen Arztpraxis des Gesundheitsdiensts NHS werden mittlerweile osteuropäische Rezeptionistinnen beschäftigt, weil viele Patienten nur schlecht Englisch sprechen. Und was wird aus ihrem Laden? „Ein Pole übernimmt ihn“, sagt Spires. „Wahrscheinlich macht er noch einen osteuropäischen Supermarkt auf.“

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Wo Margaret Thatcher herstammt GRANTHAM
Wenn Briten den Namen Grantham hören, dann denken sie an Margaret Thatcher. Die Boulevardzeitung „Sun“ bezeichnete die Kleinstadt in der Grafschaft Lincolnshire einmal boshaft als die langweiligste in ganz Großbritannien. Aber Grantham ist eben auch der Geburtsort von Thatcher, der konservativen Parteichefin, die Großbritannien von 1979 bis 1990 regierte und das Land bis heute stärker geprägt – und gespalten – hat als alle anderen Politiker seit dem Zweiten Weltkrieg. „Ausländische Touristen, die hierherkommen, wundern sich immer, warum wir kein Denkmal für sie haben“, sagt Ray Wootten. Niemand in Grantham bedauert das so sehr wie er.

Der pensionierte Polizist, Stadtrat und glühende Thatcher-Fan kämpft schon lange für eine Statue. Bisher vergeblich. Drei Jahre ist „Mrs T.“ jetzt tot. Aber nicht mal ihr eigener Geburtsort hat mit der radikalen Reformerin und glühenden Marktwirtschaftlerin Thatcher seinen Frieden gemacht. „Die Leute lieben oder verabscheuen sie“, sagt Wootten. Aber das werde schon noch mit dem Denkmal. Er arbeitet weiter dran.

Vor dem Referendum ist wieder ein Streit um Thatcher entbrannt: Wo würde sie beim Volksentscheid ihr Kreuz machen? Sowohl EU-Gegner als auch Proeuropäer reklamierten die frühere Regierungschefin als posthumes Wahlkampf-Zugpferd für sich. Selbstverständlich würde die nüchterne Pragmatikerin Thatcher für die EU stimmen, behauptete ihr ehemaliger Vertrauter Charles Powell – und trat damit eine hitzige Debatte los.

© AFP Margaret Thatcher hat Großbritannien von 1979 bis 1990 regiert

„Zu versuchen, die Nationalstaatlichkeit zu unterdrücken und die Macht im Zentrum eines europäischen Konglomerats zu konzentrieren, wäre höchst schädlich und würde die Ziele, die wir verfolgen, in Frage stellen“ – so hat Thatcher 1988 in ihrer berühmten Brügge-Rede die Europäer ermahnt. Aber sie war eben auch eine Vorkämpferin für den verspäteten Beitritt des Landes im Jahr 1973 gewesen. Kaum zu glauben, aber wahr: Vor vier Jahrzehnten, als Großbritannien noch „der kranke Mann Europas“ war, galt der Staatenbund den Briten als das Versprechen auf eine bessere Zukunft. „Die Gemeinschaft öffnet uns Fenster in die Welt“, warb Thatcher damals im Unterhaus für den Beitritt.

Für den Lokalpolitiker Wootten steht trotzdem fest: „Selbstverständlich würde sie heute für den Austritt stimmen.“ Er ist Mitte sechzig und hielt die EU wegen ihrer wirtschaftlichen Vorteile früher selbst für eine gute Sache. Damals, bevor die vielen Einwanderer vom Kontinent kamen und es diese unselige Währungsunion gab. Er erzählt von seinen Freunden in Deutschland und dass er im Sommer Urlaub in Bayern macht. Fühlt er sich als Europäer? Wootten lächelt entschuldigend. „Nein“, sagt er. „Zu viel Geschichte.“

Von der Stadtmitte von Grantham aus sind es zu Fuß nur wenige Minuten zu Thatchers Geburtshaus. Der Weg führt über die High Street, auf der reihenweise Geschäfte leer stehen. In dem Eckhaus, wo Margaret Thatchers Vater einst seinen Krämerladen betrieb, hat heute ein Physiotherapeut seine Praxis. Ihr ehemaliges Kinderzimmer könne man leider nicht anschauen, bedauert die Dame am Empfang. „Das ist eines unserer Behandlungszimmer.“

© AFP Videografik Brexit: Die Briten und ihre Beziehungen zur EU

Einwanderer werden zu Sündenböcken YORK
Don Phillips ist Jazzmusiker. Er mag Django Reinhardt und kräftige Farben. Das Hemd leuchtet himbeerrot. An den Füßen trägt er blaue Wildlederslipper zu roten Socken. Wer ihn in seinem Reihenhäuschen im nordenglischen York besucht, der kann viel über die Brexit-Bewegung erfahren. Phillips, ein Mann von Mitte sechzig mit schlohweißer Mähne und Schnauzbart, organisiert vor dem Referendum den örtlichen Wahlkampf der Proeuropäer in York. Seit Monaten diskutiert er Wochenende für Wochenende an irgendeinem Wahlkampfstand mit europamüden Bürgern, um sie vom Brexit abzuhalten. Phillips weiß mittlerweile, wie die politische Gegenseite tickt.

„Ich habe nur sehr wenige Leute getroffen, die aus rationalen Beweggründen für den Austritt stimmen wollen“, sagt der Wahlkämpfer. Das sei ja gerade das Problem der Proeuropäer vor dem Referendum. Wie soll man da argumentativ gegen halten? „Die Leute sagen Sachen wie: ‚Lasst uns dafür sorgen, dass Großbritannien wieder groß wird.‘ Aber was soll das heißen? Wir haben schließlich kein Empire mehr.“

© ddp Images Die Kathedrale von York

Die meisten Leute, die für den Brexit stimmen wollten, seien unzufrieden, sagt Phillips. Doch daran sei in Wahrheit nicht die EU schuld. „Das ist so, als würde ein unglücklicher Alkoholiker beschließen, sein Leben zu ändern, indem er seine Frau verlässt. Ja klar, das ist eine Veränderung, aber eine, die seine Lage nur noch miserabler macht.“

Die Empörung über die EU-Einwanderer ist für ihn das beste Beispiel: „Sie werden zu Sündenböcken gemacht.“ Dabei sei doch in Wahrheit die Sparpolitik der Regierung schuld daran, dass der staatliche Gesundheitsdienst NHS aus allen Nähten platze und die Schulplätze knapp würden. „Wir müssten einfach mehr Hospitale und Schulen bauen.“

Aber Phillips räumt auch offen ein: Der größte Wettbewerbsnachteil der Proeuropäer im Wahlkampf ist, dass sie unzufriedenen Bürgern letztlich nur den Status quo zu bieten haben. „Die Gegenseite verspricht dagegen Aufbruch und Wandel, so unglaubwürdig diese Versprechungen auch sein mögen.“ Dass an der Spitze der Proeuropäer nahezu das gesamte politische und wirtschaftliche Establishment steht, macht die Sache auch nicht einfacher.

Der Premierminister David Cameron, sein Finanzminister George Osborne, die Banken, die großen Konzerne, sie alle werben für die EU – und allesamt sind sie bei vielen Briten in den vergangenen Jahren nicht gerade populärer geworden. So könnte das Referendum für viele zum Ventil für ihre aufgestaute Wut auf die Mächtigen in Politik und Wirtschaft werden. Eine Stimme gegen die EU, das ist auch eine Stimme gegen die herrschenden Eliten. Don Phillips, der Streiter für die EU in York, sagt von sich, er sei Sozialist. „Dass ich jetzt plötzlich mit David Cameron auf einer Seite stehe, ist schon ein seltsames Gefühl.“

Proeuropäer rechnen anders NEWCASTLE
Auf der Satellitenbild-Karte von Google sieht es so aus, als sei da eine riesige Raumstation an der Mündung des Tyneflusses niedergegangen: Das „Metrocentre“ ist Großbritanniens größtes Einkaufszentrum, und es liegt direkt an der A1, strategisch günstig plaziert zwischen den beiden Großstädten Newcastle und Gateshead. Eine Shoppinghölle auf 190 000 Quadratmetern, mit mehr als 340 Geschäften – von A wie Apple bis Z wie Zara.

Die große Herausforderung im Metrocentre ist eindeutig die Kommunikation: „Geordie“ heißt der Dialekt, der in Newcastle gepflegt wird, und er ist einer der heftigsten im ganzen Land. Das Gespräch mit einem aufrechten Geordie kann für Zugereiste anspruchsvoll werden.

Unter dem Glasdach der zentralen „Platinum Mall“ des Einkaufszentrums ist Anna Singh mit ihren drei kleinen Kindern unterwegs, und sie ist erfreulich gut zu verstehen. Beim Referendum werde sie wohl für den Verbleib in der EU stimmen, sagt die junge Mutter. Sehr enthusiastisch klingt das allerdings nicht. Warum also ist sie für „Remain“? Verwirrend findet Singh die vielen Argumente auf beiden Seiten. Aber eines ist bei ihr glasklar angekommen: „Unser Sommerurlaub in Spanien wird jetzt schon teurer, als wir das letzten Herbst noch gedacht hatten.“

© Marcus Theurer Schaufenster im Einkaufszentrum Metrocentre Gateshead/Newcastle

Das Pfund schwächelt gewaltig. Seit November hat es gegenüber dem Euro um mehr als 11 Prozent abgewertet, und das hat maßgeblich mit dem Volksentscheid zu tun. Denn die Investoren an den Finanzmärkten können dem Brexit sehr viel weniger abgewinnen als Großbritanniens EU-Gegner. Sie halten den in greifbare Nähe gerückten EU-Austritt der Briten für eine ausgemachte Schnapsidee. Deshalb stoßen sie den Sterling vorsorglich schon jetzt ab. Nach dem Brexit würde der Ausverkauf wohl erst so richtig losgehen.

Im Grunde sieht Anna Singh, die Kundin im Einkaufszentrum, die Dinge genauso wie die Analysten in den Londoner Bankentürmen. Nur drückt sie es anders aus: „Wir stellen hier in Großbritannien doch selbst kaum noch etwas her“, sagt sie. Fast alles werde aus dem Ausland importiert und vieles davon aus anderen EU-Ländern: „VW, Audi, BMW“, zählt sie auf. „Warum sollen wir uns davon abschneiden, indem wir aus der EU austreten?“ Ihr will das nicht einleuchten.

Im Wahlkampf vor dem Referendum sind die wirtschaftlichen Risiken des Brexits so etwas wie die nukleare Abschreckungswaffe der Proeuropäer: Dass Großbritannien nach dem Austritt womöglich den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt verlieren würde, ist ihr bestes Wahlkampfargument – und es könnte am 23. Juni durchaus den Ausschlag geben. 4300 Pfund an jährlichem Einkommen würde der EU-Ausstieg jeden britischen Haushalt auf lange Sicht kosten, das ließ jedenfalls der proeuropäisch gesinnte Finanzminister George Osborne von seinen Beamten errechnen.

Auch die Bank von England, der Internationale Währungsfonds, die OECD und die Welthandelsorganisation raten dringend vom Brexit-Experiment ab. Die EU-Gegner haben dagegen kürzlich allen Ernstes versucht, skeptischen Wählern den Austritt mit dem Argument schmackhaft zu machen, das Land werde danach im wichtigen EU-Außenhandel einen ähnlichen Status genießen wie Albanien. Die Wählerin Singh im Konsumparadies an der A1 konnten sie damit nicht überzeugen. Ihr ist der Brexit zu heiß. „Ich muss auch an die Zukunft meiner Kinder denken“, sagt sie.

© Niels Bo Bojesen

Hochburg der Europa-Skeptiker BLYTH
Das Ortszentrum von Blyth ist an diesem Morgen ein unwirtlicher Ort. Betongrau und tief hängt die Wolkendecke über dem Küstenstädchen, gut eine Stunde nördlich von Newcastle. Es ist Mittwoch und deshalb Markttag. Aber auf dem weiten, leeren Marktplatz im Ortszentrum warten um kurz nach neun Uhr morgens nur ein einzelner Gemüsemann und ein paar Trödelhändler auf Kundschaft, die Hände in den Taschen vergraben und die Kapuzen über den Kopf gezogen. Von der Nordsee her bläst ein kalter Wind.

„Sie glauben das jetzt wahrscheinlich nicht, aber früher ist das hier mal ein richtig großer Markt gewesen“, sagt John Paton, der gerade in einem Kiosk eine Flasche Milch kauft. Er ist 23 Jahre alt und hat einen Job beim örtlichen Arbeitsamt. Die Entwicklung, die Blyth seit seiner Kindheit genommen hat, fasst er in drei Worten zusammen: „Ein kontinuierlicher Niedergang.“

© Marcus Theurer Wochenmarkt in Blyth, wo sogar die Labour-Politiker gegen die EU sind.

Interessant ist Blyth, weil das Städtchen einerseits ein bombensicherer Wahlkreis für die britische Labour Party ist, zugleich aber eine Hochburg der Europa-Skepsis. Der örtliche Parlamentsabgeordnete Ronnie Campbell, ein knorriger Sozialist, der Blyth seit 1987 im Unterhaus vertritt, ist einer von zehn Labour-Dissidenten im Unterhaus, die gegen die offizielle Parteilinie genug haben von der EU. Undemokratisch und teuer sei der Staatenbund, findet der Linksaußen. EU-Kritik gibt es in Großbritannien nicht nur von rechts, sondern auch von links.

„Es gibt nicht viele Dinge, bei denen ich mit Ronnie Campbell einer Meinung bin“, sagt John Paton. „Aber was die EU angeht, da muss ich ihm recht geben.“ Denn natürlich werde auch er selbst für den Brexit stimmen. Zu viele Einwanderer. Der Kiosk-Inhaber pakistanischer Herkunft, der ihm eben die Milch verkauft hat, schaut etwas betreten. „So sehen das die meisten Leute hier“, versichert Paton.

Schon fast schottisch BERWICK-UPON-TWEED
Eigentlich ist dieses Referendum ja schon kompliziert genug. Aber in Berwick-upon-Tweed gibt es noch eine ganz besondere Unwägbarkeit: Das schmucke Städtchen mit seinen 12 000 Einwohnern ist die nördlichste Stadt Englands. Nur wenige Kilometer weiter erreicht die A1 schottischen Boden – und genau deshalb liege ihm der EU-Volksentscheid schwer im Magen, sagt Bob Coull.

Der Besitzer eines Fish & Chips Shop in der Altstadt von Berwick steht hinter seinem blitzblank polierten Edelstahltresen und erklärt, wo das Problem liegt: Was eigentlich wäre die Folge, wenn am Donnerstag zwar die Wähler in England für den Brexit stimmen sollten, aber die traditionell stärker proeuropäisch eingestellten Schotten für die EU?

Die Antwort auf diese Frage ist für viele hier in Berwick alles andere als beruhigend: Nach dem Referendum wäre dann womöglich vor dem Referendum. Denn es ist gut möglich, dass im Brexit-Fall über kurz oder lang ein weiterer Volksentscheid folgen würde. Bei dem würden dann die Schotten darüber abstimmen, ob sie dem großen Rest des Vereinigten Königreichs wirklich auf dem Weg aus der EU folgen wollen.

Die Alternative wäre die Gründung eines souveränen schottischen Nationalstaats, der dann Mitglied in der EU werden könnte. „Great Britain“ würde nach dem Brexit also womöglich auf ein „Little England“ zusammenschrumpfen.

Für kontinentaleuropäische Ohren mögen solche Schlussfolgerungen ziemlich abenteuerlich klingen. Sie sind es aber nicht, denn die dominierende politische Kraft im britischen Norden ist die Scottish National Party (SNP) – und die streitet seit Jahrzehnten für ein unabhängiges Schottland. Vorletztes Jahr war die SNP bereits fast am Ziel: Ein damals in Schottland abgehaltenes Unabhängigkeits-Referendum scheiterte relativ knapp. Falls jetzt die Engländer den Schotten den Brexit aufzwingen sollten, wäre das eine abermalige Steilvorlage für die Separatisten im Norden.

© i-Images / Polaris/laif Der Zug Flying Scotsman durchquert Berwick-upon-Tweed im Norden von England

Und was wird aus Berwick, wenn erstens die Briten aus der EU austreten und, zweitens, die Schotten das Vereinigte Königreich verlassen? „Wir haben hier ja engere Verbindungen zu Edinburgh als nach London“, sagt Bob Coull und stemmt die tatöwierten Arme in die Hüften. Wer auf der A1 weiter gen Norden fährt, der erreicht die schottische Hauptstadt in einer Stunde. Nach London braucht man von hier aus ohne Stau mehr als sechs Stunden.

Schon jetzt ist man in Berwick ziemlich schottisch: Der örtliche Fußballverein spielt nicht in der englischen Liga, sondern in der schottischen. Der Gastwirt Coull wohnt – wie viele, die hier in Berwick arbeiten – jenseits der grünen Grenze. Sein Vater ist Schotte, seine Mutter gebürtige Engländerin.

Würde das heute englische Städtchen also nach dem Brexit vielleicht Teil eines unabhängigen Schottlands werden? Alles schon mal dagewesen: Im Mittelalter hat Berwick mehrmals die Seiten gewechselt. Vor einigen Jahren ergab eine Meinungsumfrage der Lokalzeitung „Berwick Advertiser“, dass die Mehrheit der Bürger lieber schottisch als englisch wären. Viele hier im nördlichsten Zipfel Englands fühlen sich von der Regierung im fernen London vergessen. „Wir wären besser dran, wenn wir zu Schottland gehören würden“, sagt auch Coull.

Jetzt aber müssen auch die Wähler in Berwick erst einmal entscheiden, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht. Bob Coull kann dem Brexit nicht allzu viel abgewinnen. Er werde sich wohl an die britische Maxime „the devil you know“ halten, sagt er: Wer die Wahl zwischen zwei Übeln hat, der sollte sich für das entscheiden, welches er zumindest kennt.

Wer hat die besseren Drohungen? EDINBURGH
Wenn es überall in Großbritannien so klare Mehrheitsverhältnisse gäbe wie an der Universität von Edinburgh, dann brauchte sich der Rest Europas keine Sorgen zu machen. Die schottische Hauptstadt ist die letzte Station der Reise entlang der A1 – und zumindest im Universitätsviertel ist es fast unmöglich, jemanden zu finden, der den Brexit für eine gute Idee hält. Das wirklich Verblüffende aber ist: Wer hier nach dem Referendum fragt, der bekommt Argumente zu hören, die auf der ganzen langen Reiseroute von London nach Edinburgh in Dutzenden von Gesprächen kein einziges Mal aufgetaucht sind.

Wird sich Großbritannien zum Beispiel nach dem Austritt wohl auch von der Europäischen Menschenrechtskonvention verabschieden? Und ist es nicht auch ganz gut, dass Brüssel der eigenen Regierung beim Umweltschutz und der Wahrung von Arbeitnehmerrechten auf die Finger schaut? Was ziemlich schnell klar wird: Schottische Studenten trauen den im fernen London schalten- und waltenden Politikern so einiges zu.

© AFP Schotten hoffen auf Unabhängigkeit nach Brexit

„Ich finde, dieses Referendum sollte es gar nicht geben“, sagt die Soziologiestudentin Holly Read-Challen. Für sie ist der Volksentscheid keine Sternstunde der Basisdemokratie, sondern ein Fehler, der ihr Angst macht. „Sollte das Vereinigte Königreich ein Mitglied der EU bleiben oder die EU verlassen?“ – so wird die Frage auf den Wahlzetteln lauten, die Millionen Briten am Donnerstag beantworten sollen. Aber die Studentin Read-Challen fühlt sich damit schlicht überfordert. Viel zu komplex sei die Thematik.

Was weiß sie schon über die Regeln der Welthandelsorganisation, das Kleingedruckte in den Europäischen Verträgen und den EU-Binnenmarkt? Aber all das und vieles mehr spiele bei der Abschätzung der Chancen und Risiken doch eine wichtige Rolle. „Die allermeisten Wähler – einschließlich mir selbst – wissen bei weitem nicht genug darüber, um eine verantwortungsvolle Entscheidung treffen zu können“, sagt Read-Challen.

© Nils Thies Blick auf Edinburgh, die Hauptstadt von Schottland

In der Universitäts-Mensa sitzt der angehende Historiker Felix mit seinem Notebook und einem Becher Müsli. Seinen Nachnamen will er lieber nicht in der Zeitung lesen. 26 Jahre alt ist er, in Edinburgh arbeitet er an seiner Doktorarbeit. Der Vater ist Deutscher, die Mutter Engländerin. Deshalb hat Felix auch einen britischen Pass. Und er wird am Donnerstag seine Stimme abgeben.

Trostlos findet er den Wahlkampf und die ganze Europa-Debatte auf der Insel. „Es geht auf beiden Seiten fast immer nur ums Geld und fast nie um die politischen Inhalte“, sagt Felix. Die Proeuropäer versäumten es fast vollständig, darüber zu reden, wie wichtig die EU für die Zusammenarbeit in Europa sei. Stattdessen redeten sie fast nur über den drohenden wirtschaftlichen Schaden nach einem Austritt. „Engstirnig monetär“ sei das alles.

„Wenn es ums Referendum geht, interessierten sich alle nur für das eigene Fortkommen. Dabei ist doch klar, dass Europa vielen existentiellen Problemen nur gemeinsam begegnen kann. Es ist doch eine Illusion anzunehmen, dass sich Großbritannien allein vor der Flüchtlingskrise abschotten kann. Und Russland kann Europa nur gemeinsam die Stirn bieten.“ Doch dieser Wahlkampf sei vergiftet von Negativität und kleingeistiger Selbstbezogenheit.

Das Brexit-Lager malt für den Fall des Verbleibs in der EU den multikulturellen Ruin des britischen Staatswesens an die Wand, die Proeuropäer halten mit ihrer Prognose vom wirtschaftlichen Niedergang des Landes nach dem Brexit dagegen. Viel mehr komme in der Debatte nicht zur Sprache. „Eigentlich geht es doch nur um eines“, sagt Felix. „Wer hat die besseren Drohungen?“

Zurück in London Es ist Samstag. Gut 48 Stunden sind seit dem Mord an Jo Cox vergangen. Zwei Tage lang hat das Trommelfeuer des Wahlkampfs nun geschwiegen. Er wird wohl erst nächste Woche wieder beginnen. Anders als vorher? Seit Donnerstag gibt es in der zuvor aufgeheizten Debatte den Ruf nach mehr Sachlichkeit. Wird der Anschlag möglicherweise sogar über den Ausgang des Referendums entscheiden? Manche glauben, die Tat könne den Ausschlag zugunsten der Proeuropäer geben.

Auf meiner Reise war der Riss, der durch dieses Land geht, allgegenwärtig. Die unterschiedlichen Meinungen prallten überall aufeinander. Es war bei vielen Gesprächspartnern Ärger spürbar, Frust, Bitternis. Aber nichts schien mir auf diesen bevorstehenden Ausbruch der Gewalt hinzudeuten. Man könnte jetzt einwenden: Wie auch? Das war eben ein irrer Einzeltäter. Dennoch bleibt da eine Beklommenheit: Wie kurz ist die Lunte am Pulverfass geworden, selbst in einer über Jahrhunderte gefestigten Demokratie wie der britischen?

Eines zumindest macht Hoffnung: Nach der Bluttat war Schweigen. Alle hielten inne. Kein englischer Donald Trump, der mit dem nächsten Tweet versuchte, Kapital zu schlagen aus der Tragödie. Stattdessen Anstand, Menschlichkeit, vielleicht ein schlechtes Gewissen. Der Schrecken, der allen in die Glieder fuhr. Wenigstens ein paar Tage lang.



Multimedia: Bernd Helfert

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Quelle: F.A.S.