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Homöopathie

Glaubenskrieg um die Globuli

Von Britta Beeger
 - 19:48
Kleine Pille, große Wirkung? Am Erfolg der Globuli scheiden sich die Geister. Bild: dpa, F.A.Z.

Es könnte sich ein bisschen angefühlt haben wie eine Strafarbeit früher in der Schule: An unzählige Nutzer schrieb das Social Media Team der Techniker Krankenkasse in den vergangenen Tagen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter in verschiedenen Varianten eine Nachricht, die dann doch immer gleich klang – „Unser Tweet war unsachlich und tut uns leid.“ So sieht Schadensbegrenzung im 21. Jahrhundert aus.

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Was war passiert? In der Nacht von Montag auf Dienstag hatte ein Nutzer die Krankenversicherung gefragt, ob sie ihm saubere, wissenschaftliche Studien nennen könne, die die Wirksamkeit von Homöopathie belegen. Die aber fragte nur zurück: „Können sie uns saubere, wissenschaftliche Studien nennen, die die Nicht-Wirksamkeit von Homöopathie belegen?“ Das kam nicht gut an, schließlich finanziert die Techniker Krankenkasse homöopathische Behandlungen aus dem Geld aller Beitragszahler. Sie könne daher die Beweislast nicht einfach umkehren, hagelte es Kritik.

Der Entrüstungssturm, der über die mit rund 10 Millionen Versicherten größte Krankenkasse in Deutschland hereinbrach, zeigt wieder einmal, wie emotional die Debatte um Homöopathie in Deutschland geführt wird. Ob die Globuli, Tropfen und Tabletten wirken, ist dabei längst zur Glaubensfrage geworden. Klare wissenschaftliche Belege, dass sie mehr hervorrufen können als einen Placebo-Effekt, gibt es nicht.

622 Millionen Euro Umsatz in 2016

Kann es auch gar nicht, sind ihre Gegner überzeugt, schließlich sind die Wirkstoffe so stark verdünnt, dass sie oft gar nicht mehr nachweisbar sind. Die Anhänger der 200 Jahre alten Lehre des Arztes und Apothekers Samuel Hahnemann hingegen verweisen auf ihre Alltagserfahrungen: Dass nach all den Jahren der Heuschnupfen endlich weg ist, die Kinder viel seltener krank werden als ihre Mitschüler, sie die lästige Erkältung sonst immer noch nicht los wären.

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So kommt es, dass die Umsätze mit homöopathischen Mitteln seit Jahren steigen, 2016 auf 622 Millionen Euro. Das bedeutet zwar ein Plus von 4,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Anteil am Gesamtumsatz mit Arzneimitteln ist jedoch immer noch verhältnismäßig gering. Zum Vergleich: Insgesamt gaben die gesetzlichen Krankenversicherungen im Jahr 2015 für Medikamente fast 35 Milliarden Euro aus.

Jeder Zweite hat inzwischen einer Allensbach-Umfrage zufolge schon mal homöopathische Arzneimittel verwendet, vor allem unter Frauen ist der Anteil mit 73 Prozent hoch. Sie vertrauen darauf, dass die kleinen weißen Kügelchen kaum Nebenwirkungen haben und besonders gut verträglich sind.

Zehn Kinder an homöopathischen Mitteln gestorben?

Umso mehr erstaunte kürzlich eine Nachricht aus den Vereinigten Staaten, wonach zehn Kinder an homöopathischen Mitteln gestorben sein könnten. In 400 weiteren Fällen wurden der amerikanischen Arzneimittelbehörde FDA Nebenwirkungen gemeldet. Konkret geht es um Tabletten, die Eltern ihren Kindern geben, um ihnen das Zahnen zu erleichtern und die offenbar Gifte aus der Tollkirsche in zu hohen Dosierungen enthielten. Dabei ging man doch bislang davon aus, dass Globuli – so sie denn nicht wirken – immerhin keinen Schaden anrichten können. Zumindest, solange Patienten dafür keine schulmedizinischen Behandlungsmethoden aufschieben oder verweigern.

Sogleich gab die in Deutschland zuständige Behörde, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Entwarnung: Hierzulande könne das nicht passieren, schließlich werde jedes homöopathische Mittel auf seine Qualität und Unbedenklichkeit geprüft. Dabei wird zwischen zwei Arten von Präparaten unterschieden: Zum einen gibt es Mittel, die nur den Wirkstoff und den Verdünnungsgrad angeben, nicht aber wogegen sie helfen sollen.

Diese sind registrierungspflichtig. Die Mittel, die darüber hinaus einen Anwendungszweck wie Grippe oder eine Erkältung angeben, sind zulassungspflichtig. In beiden Fällen aber schauen die Prüfer sich an, welche toxikologischen Stoffe enthalten sind, wie stark die Kügelchen oder Tropfen verdünnt sind und ob sie beispielsweise für Kinder gedacht sind. Schließlich arbeiten auch Hersteller in Deutschland mit Tollkirsche, Arsen und Quecksilber. „Die Regeln sind knallhart, auch für uns“, sagt der Geschäftsführer des deutschen Marktführers Deutsche Homöopathie Union, Peter Braun. Er betont: „Unsere Arzneimittel sind sicher.“

Zwei Drittel der gesetzlichen Krankenkassen erstatten Kosten

Ob sie auch wirken, diese Frage ist in Deutschland allerdings nicht Teil der Zulassungs- und Registrierungsverfahren von homöopathischen Mitteln – hier gelten andere Regeln als etwa für Antibiotika oder Krebsmedikamente, die umfangreiche klinische Studien durchlaufen müssen. Womit wir wieder bei der Techniker Krankenkasse wären, die nach dem Entrüstungssturm auf Twitter mit einer etwas ausführlicheren Stellungnahme nachlegte. Kundenbefragungen hätten ergeben, dass Versicherte sich komplementärmedizinische Angebote wünschten, hieß es darin. Was gleich die nächsten empörten Reaktionen nach sich zog: Warum dann nicht auch Sehhilfen erstattet würden?

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Debatte darüber entbrennt, ob gesetzliche Krankenkassen für homöopathische Behandlungen bezahlen sollten. Diese gehören, anders als beispielsweise die normale Kontrolluntersuchung beim Hausarzt, nicht zu ihrem Leistungskatalog. Zwei Drittel der 118 gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland haben sich trotzdem dafür entschieden, ihren Versicherten die Kosten zu erstatten.

Kritiker monieren, es handle sich dabei um reines Marketing, um neue Mitglieder zu gewinnen. Eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse verweist hingegen darauf, dass der Gesetzgeber den besonderen Therapierichtungen – neben der Homöopathie sind das die Pflanzenheilkunde und die Anthroposophie – ausdrücklich einen Platz in der gesetzlichen Krankenversicherung einräume. Im Fünften Sozialgesetzbuch heißt es, diese seien „nicht ausgeschlossen“.

Keine Lösung des Konflikts in Sicht

Viele Gegner kann das jedoch nicht besänftigen. Der Vorsitzende der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, Josef Hecken, forderte schon vor einiger Zeit in der F.A.Z., es solle „den Kassen untersagt werden, Dinge zu bezahlen, für die es keine Evidenz gibt“. Ähnlich sehen das die Kassenärzte, die ihm umgehend beisprangen. Eine Lösung des Konflikts ist bislang nicht in Sicht.

Die Techniker Krankenkasse sah sich denn auch in dieser Woche bemüßigt, auf eine eigene wissenschaftliche Studie zu verweisen, an der sie schon seit einigen Jahren zusammen mit der Charité in Berlin arbeitet. Nachdem eine Untersuchung mit Daten von 44.500 Techniker-Versicherten im vergangenen Jahr noch gezeigt hatte, dass eine zusätzliche homöopathische Behandlung innerhalb von 18 Monaten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe keine Kosten sparte, geht es nun um die Wirksamkeit etwa bei Asthma oder Kopfschmerzen. Die Ergebnisse sollen im kommenden Jahr vorliegen.

Quelle: F.A.Z.
Britta Beeger
Redakteurin in der Wirtschaft.
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