Energieeffizienz

Abrüsten auf der Baustelle

Von Birgit Ochs
 - 13:32
zur Bildergalerie

Das große Aufregerthema dieses Sommers ist der Diesel. In all dem Wirbel um eine in Verruf geratene Antriebstechnik, Schadstoffwerte, getäuschte Verbraucher, das Verhalten der Automobilbranche und ihr Verhältnis zur Politik geht es im Kern immer auch um gestern verschlafene technische Lösungen für die Mobilität von morgen. „Und wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir auch unsere Vorreiterrolle beim Bauen“, fürchtet Stefan Krötsch.

Der Münchener ist Architekt – Spezialgebiete Holz- und Passivhausbau – und nennt sich selbst einen „Überzeugungstäter“, wenn es um energieeffizientes Bauen geht. Um dies ist es in jüngster Zeit ziemlich ruhig geworden. Ja, sagt Krötsch, bei diesem Thema sei bei vielen Kollegen im Jahr 15 der Energieeinsparverordnung (EnEV) und nach etlichen Verschärfungen derselben einfach der Schwung raus.

Dabei sind viele Bauherren damit längst nicht durch und die Politik schon gar nicht. Seit Jahren stehe Energieeffizienz für eine nennenswerte Käufergruppe ganz oben auf der Prioritätenliste, heißt es etwa aus der Holzfertighausbranche. „Und zwar deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinaus“, präzisiert Detlef Bühmann von Schwörer Haus, dem größten deutschen Hersteller. Bei Schwörer ist das Effizienzhaus 55 Standard, was durch die Kombination aus Wärmepumpe und Lüftungsanlage nebst hochgedämmter Hülle erreicht wird. Viele Bauherren aber fragten außerdem noch nach Photovoltaikanlagen fürs Dach, Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Stromspeichern und automatisierter Haustechnik. „Das autarke Haus fasziniert“, hat Bühmann in Verkaufsgesprächen festgestellt.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Die Ambitionen Einzelner passen zum ehrgeizigen Ziel der Europäischen Union: Bis 2050 soll der Gebäudebestand klimaneutral sein, das heißt, der Energieverbrauch und damit auch der Ausstoß des schädlichen Treibhausgases Kohlendioxid sollen drastisch sinken. Über das Ziel wird kaum gestritten, aber die Frage, wie, mit welchem Aufwand und zu welchem Preis es erreicht werden soll, hat zu ideologischen Grabenkämpfen geführt.

Widerstand gegen die Wärmedämmung

Beispiel Wärmedämmung: An keinem Thema erhitzen sich in diesem Zusammenhang die Gemüter mehr – breite Publikumswirkung garantiert. Eine dichte Gebäudehülle ist für die gute Energiebilanz eines Gebäudes im laufenden Betrieb zwingend. Und weil Altbauten oft wahre Energieschleudern sind, liegt die Idee nahe, sie eben einfach rundherum zu verpacken.

Doch seit im Zuge der EnEV immer mehr alte Fassaden hinter Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) verschwunden sind und Häuser sich bis zur Unkenntlichkeit verändert haben, tobt der Widerstand – gegen den Angriff auf die Baukultur und die Tatwaffe: die Styroporplatte. Die ist nicht nur leicht entflammbar, sondern ökologisch betrachtet ohnehin Nonsens – weswegen sie mittlerweile Sondermüllstatus genießt.

Im immer wieder aufflammenden Geätze und Gehäme über den „Dämmwahnsinn“ und die „Volksverdämmung“ geht aber dreierlei unter: Erstens ist die Mehrheit der Eigentümer ohnehin zu dem Schluss gekommen, dass es sich für sie nicht lohnt, ihre alte Bude auf ein Energiespar-Vorzeigehaus zu trimmen. Jährlich werden weniger als ein Prozent der Bestandsimmobilien in Schuss gebracht.

Zweitens ist aber nicht jeder Altbau mit einer so hervorragenden Bausubstanz gesegnet, dass er keiner Dämmung bedarf. Die Käufer von Nachkriegsbauten können ein Lied davon singen. Drittens muss es ja nicht unbedingt ein Wärmedämmverbundsystem sein, mit dem man ein altes Gemäuer energetisch in Schuss bringt oder einen Neubau EnEV-konform errichtet. Es gibt Alternativen wie Holzfaserplatten, Dämmsysteme aus Hanf, Kork, Zellulose. Und es lohnt, ausgetretene und bequeme Pfad zu verlassen.

Es braucht Kreativität, Pragmatismus und Kompromisse

„Überzeugungstäter“ Stefan Krötsch etwa hat bei der Sanierung seines eigenen Hauses eine Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Holz gewählt, die mit Mineralwolle gefüllt ist und hinterlüftet wird. Dachrinnen, Fallrohre und Markisen hat er dort ebenfalls untergebracht und als Wetterschutz Stoffbahnen aus Polyethylen gewählt, die angetackert wurden. Es war ein Experiment, der Kunststoff als nicht biogenes Material ein Kompromiss und dazu der Beweis, dass eine solche Maßnahme auch gestalterisch reizvoll sein kann.

Ohne Kreativität, aber auch Pragmatismus kommt man insgesamt nicht weiter. Diese Erfahrung haben Julia Buschlinger und Jan Dechow mit ihrem Büro Mind AC im hessischen Bischofsheim gemacht. Den beiden Anfangdreißigjährigen sind ideologische Grabenkämpfe fremd. Derzeit bekommen sie für ihr erstes gemeinsames Projekt viel Aufmerksamkeit, was auch daran liegt, dass das Haus – im Zentrum der Kleinstadt auf einem nur 225 Quadratmeter großen Grundstück gelegen – so geplant ist, dass es Einfamilienhaus wie auch Büro sein kann, und so dem Wunsch nach Flexibilität und leichter Umnutzung Rechnung trägt.

Das junge Team, das ganz selbstbewusst den Anspruch hat, Signale zu setzen, hat sich dafür entschieden, ausschließlich Holz als ästhetisches, konstruktives und dämmendes Material zu verwenden. Die Architektin hatte zuvor in einem anderen Büro an der Planung eines Kindergartens mitgearbeitet – der als Naturparadies gepriesene Bau entstand aus Beton mit Styropordämmung. Das habe für sie nicht zusammengepasst, sagt sie. Und weil der Holzbau beide reizte, fiel ihre Wahl auf Brettsperrholz. Das Thema Nachhaltigkeit habe für sie ganz oben gestanden, sagt Julia Buschlinger. „Aber wir sind keine hardcore Ökos, alles, was wir gemacht haben, hat eine sachliche Begründung, und manchmal waren auch Kompromisse nötig.“

Aus Sicht ihres Kollegen Krötsch könnte noch viel mehr Neues gewagt werden: „Aber die Branche hängt immer noch bequem an ihren alten Gestaltungsbildern, anstatt neue Lösungen zu suchen“, kritisiert der Münchener. Dazu komme die Haltung „wir sind ohnehin schon so gut, das bringt alles nichts mehr“.

Eingebaute Technik verbraucht viel Energie

Tatsächlich schlägt in dieser Hinsicht das Pendel zurück. Thomas Stark vom Büro ee concept GmBH in Darmstadt wundert das nicht. Auch er ist Überzeugungstäter. Seit fast zwanzig Jahren treibt den Planer in seiner Arbeit die Frage um, wie man die Energiebilanz eines Gebäudes optimieren kann. „Ich war fasziniert von der Idee, dass ein Gebäude auf innere und äußere Verhältnisse wie das Bewohnerverhalten, Tag und Nacht, die Jahreszeiten reagiert“, erzählt er. War – weil ihm bewusst geworden ist, dass eine immer komplexere Technik nötig ist, um das letzte bisschen Energie einzusparen.

Es war ein kleines Plusenergiehaus, 60 Quadratmeter groß, das ihn zum Umdenken brachte. Das zu Forschungszwecken errichtete Gebäude ist mit Technik vom Feinsten ausgestattet: Hybridkollektoren auf dem Dach, zweistufiger Wärmepumpe, zwei Speichern, einem Heiz- und Kühldeckensystem mit integriertem Wärmetauscher, Steuerung, Reglern, Lüftungsanlage, Fußbodenheizung und Wärmerückgewinnung. „Es wird so viel Technik – inzwischen würde ich sagen Mist – verbaut, allein schon das hydraulische System, die ganze Steuerung“, sagt Stark. Dafür müsse ein Server 24 Stunden das ganze Jahr über laufen. Wenn der Hilfsenergiebedarf für Steuerungsgeräte jedoch so hoch sei wie Heizenergiebedarf, dann konterkariere das alles.

Auch das Büro Mind AC stand vor der Frage, wie viel Technik in ihrem 145 Quadratmeter großen Neubau zum Einsatz kommen sollte. Die Wahl fiel auf eine Wärmepumpe. Eine kontrollierte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung gibt es dagegen nicht, dafür den altbewährten „Kamineffekt“, das heißt die Fensteröffnungen sind so gesetzt, dass ein gezielter Durchzug zwischen Erd- und Obergeschoss möglich ist. „Am Ende steht die Frage, was man wirklich braucht“, sagt Julia Buschlinger. „Und das ist weniger, als man denkt – gerade bei der Technik.“

Planer Stark fordert mittlerweile: „Bauen muss wieder einfacher werden.“ Was in seinem Fall keineswegs heißt, es jetzt mal mit der Energieeffizienz und Ökologie gut sein zu lassen. Im Gegenteil. Es müssen aus seiner Sicht aber zum Teil andere Lösungen her – und andere Fragen gestellt werden. Zum Beispiel: Was wäre die am einfachsten mögliche Energieversorgung? Und wie kann der Nutzer darauf einwirken – ohne überfordert zu sein?

Lebenszyklus der Materialien bisher kaum beachtet

Gegenwärtig beschäftigt sich Stark mit dem Thema Infrarotheizung. Für eine Baugenossenschaft in Darmstadt hat er ein Gebäude mit möglichst einfacher Heiztechnik entworfen. Dazu wird eine Platte an die Wand gehängt, hinter der Heizdrähte liegen. Diese erwärmt nicht die Luft, sondern strahlt die Oberflächen im Raum an. „Das schafft Behaglichkeit“, verspricht Stark. Bei einem herkömmlichen Heizsystem bleiben im Winter die Wände immer kalt, bei der Infrarotheizung dagegen ist das anders. Betrieben wird das Heizsystem mit Strom. „Noch haben Stromheizungen einen schlechten Ruf, aber in einem regenerativen System wäre das anders, und das wird kommen“, ist sich der Planer sicher.

Bei den Kriterien, die für die Energiebilanz eines Gebäudes entscheidend sind, standen der Ressourcenverbrauch und Kohlendioxidausstoß bei der Herstellung von Baustoffen und ihrer Entsorgung bislang im Hintergrund. Welchen Lebenszyklus haben Materialien? Wie steht es um die Wiederverwertbarkeit und Rückbaubarkeit all der hochkomplexen Energiesparhäuser? Für Architekten wie Stark und Krötsch ist das eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben – das Gebäude von heute als Rohstofflager von morgen. Das setzt allerdings möglichst schadstofffreie Materialien voraus. Und neuen Schwung. „Nur, einfacher macht es die ganze Sache nicht“, seufzt Stark.

Quelle: F.A.S.
Birgit Ochs-Koffka  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenBaustelle