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Fertigkeller

Schneller zum Keller

Von Jörg Niendorf
© Jörg Niendorf, F.A.S.

Wieso das halbe Haus in den Boden eingraben, wenn’s auch überirdisch geht? Wieso im Keller bügeln, wenn ich dabei in den Garten schauen kann?“ Das hat in einer Leserdiskussion dieser Zeitung mal ein Herr gefragt, als es um die Unterkellerung von Eigenheimen ging. Im Internet tauschten nach einem Artikel die Fachleute ihre Meinungen aus: Früher habe es kaum ein Haus ohne gegeben – der Keller sei ein Muss! Fanden die einen. Die alten Keller seien doch alle muffig, hielten andere Bauexperten dagegen. Außerdem sei jeder Keller ohnehin ein Kostentreiber beim Hausbau und für weniger als 60.000 Euro kaum zu haben.

Tatsache ist, dass Keller längst kein Standard mehr sind. In Deutschland bekommt nur jedes fünfte neu errichtete Eigenheim ein Untergeschoss. Eine genaue Erfassung gibt es nicht. Aber von einer steigenden Nachfrage berichten gerade jene Hersteller, die nach dem Fertighausprinzip Betonelemente für Keller produzieren. Aus dem Katalog bieten gleich mehrere Firmen ihre Module für Fertigkeller an: in einer Basisversion, wenn es nur Wirtschaftsräume werden sollen, oder voll ausgestattet mit allen notwendigen Installationen für eine Fußbodenheizung. Um den kellermüden Deutschen die Entscheidung möglichst leichtzumachen, haben einige Betonwerke mittlerweile sogar neuartige und kostengünstige Mikrogeschosse im Programm. Es gibt sie als reine Technikboxen, die am oder unterm Haus angedockt werden und zumindest den Heizungsraum aufnehmen, oder als vorgefertigten Ein- und Zweizimmerkeller. „In nur zwei Stunden ist so etwas vor Ort zusammengeschraubt“, verspricht Dirk Wetzel von der Glatthaar Fertigkeller GmbH aus dem Schwarzwald.

Für ein vollständiges Kellergeschoss, das zum Wohnen und Arbeiten ausgebaut wird, muss man hingegen mit zwei, drei Wochen Bauzeit rechnen, berichtet Anja Deuter. Die Berlinerin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, und ihre Familie bauen auf einem Grundstück direkt an der Havel. Nur ein öffentlicher Fußgängerweg trennt das Flussufer von der Baustelle, auf der ein Holzhaus entsteht. Die Bauherren setzen an diesem ufernahen Standort auf Natürlichkeit. Beim Keller hingegen haben sie sich pragmatisch für eine reine Betonkonstruktion entschieden. Dass sie mit einem Untergeschoss planen, habe außer Frage gestanden, berichtet Anja Deuter. Sie brauchten den Platz als fünfköpfige Familie, und zudem steigere der Keller den Wert des Gebäudes. „Wir hatten ihn eingepreist, keine Diskussion“, erzählt die Bauherrin. Die Hausbaufirma, die für die Familie tätig ist, empfahl einen Kellerbauer.

Prinzip der „weißen Wanne“

Der hat inzwischen das Untergeschoss per Lastwagen aus dem Werk in Dessau nach Berlin geliefert. Wo eben noch eine leere Baugrube war, steht nun ein grauer Kasten in der Erde. „Wir haben hier schon die ersten vier Zimmer, obwohl das eigentliche Haus ja noch gar nicht steht“, sagt Anja Deuter. Eine Woche zuvor erst war der Boden ausgehoben worden, eine spezielle Kiesschicht wurde eingebracht und die Bodenplatte aus Stahlbeton gegossen. Die vorgefertigten Wandteile zusammenzubauen dauerte dann gerade mal einen Arbeitstag. Im nächsten Schritt werden dann alle Außenwand-Elemente, die zunächst noch hohl sind, mit Fließbeton ausgefüllt, außerdem wird die Kellerdecke verstärkt.

Der Betonkasten misst zehn mal vierzehn Meter. Es werden große Zimmer. Je eines zum Spielen, zum Arbeiten, für Gäste und für die Haustechnik. Gebaut ist der Keller nach dem Prinzip der „weißen Wanne“: Der Beton ist wasserfest, und alle Fugen müssen so abgedichtet werden, dass keine Feuchtigkeit durch Grundwasser oder versickerndes Regenwasser eindringen kann. Ferner erhalten die äußeren Wände eine Dämmschicht. Damit erfüllt der Keller die energetischen Vorgaben für Wohnräume.

Keine drei Wochen später ist der Keller verschwunden. Alle noch bestehenden Lücken im Erdreich werden wieder verfüllt. Jetzt lugt das versenkte Geschoss lediglich als fünfzig Zentimeter hoher, grauer Sockel aus dem Boden. Darauf baut das Hausbauunternehmen das Eigenheim aus Holzfertigteilen. Wieder rollen die Lastwagen. An einem Tag steht das Gerippe, am zweiten der Dachstuhl.

Nun geht es darum, Fertigkeller und Haus miteinander zu verbinden. Die Anschlüsse müssen perfekt passen. Das setzt voraus, dass die Baupläne für beide Bausysteme gut aufeinander abgestimmt sind. Häufig machen Hausbauer und ihre favorisierten Kellerbauer gemeinsame Angebote. Sie kennen ihre Schnittstellen, gerade bei den Standardausführungen. Die Deuters mussten dagegen im Vorfeld einige Planungen und Koordinationen selbst in die Hand nehmen, erzählen sie. Die Familie will zum Beispiel einen zusätzlichen Kellerausgang an der Stirnseite des Hauses: eine Treppe, die direkt in den Garten führt. „Das ist für uns sinnvoll“, sagt Anja Deuter, denn ihre Kinder sollen direkt vom Spielkeller nach draußen können. Außerdem ist es praktischer, die Gerätschaften auf diesem Weg in den Garten zu schaffen statt durchs Erdgeschoss. Auf einen Schuppen könnten sie so verzichten, nennt die Bauherrin einen aus ihrer Sicht weiteren Vorteil des Kellers.

Wenn schon Keller, dann auch vollwertig zum Wohnen

Deuters wählten den zweiten Eingang über eine Art Keller-Konfigurator des Herstellers. Die Außenkellertür mit Betontreppe ist dort ein Modul, das man hinzubuchen kann. Die großen Hersteller auf dem Markt wie Knecht Fertigkeller, Bürkle Keller oder Glatthaar bieten mittlerweile etliche Varianten an. Die Planung geht etwa so wie der Küchenkauf bei Ikea: Man klickt sich durch eine Welt von visualisierten Optionen, fügt etwas zusammen, verwirft einiges wieder, sucht neue Elemente. Prinzipiell ist das sehr einfach. Nur müsse man sich dafür entsprechend in Detailfragen einarbeiten und die Planungshoheit behalten, mahnt Anja Deuter. Sie will außerdem eine zusätzliche automatische Lüftungsanlage im Keller, zudem Beton-Lichtschächte für die Fenster anstatt der einfachen aus Plastik.

Alles hat seinen Preis. Ihr Keller kostet insgesamt etwa 85.000 Euro. Dafür verspricht der Hersteller, dass in den unterirdischen Zimmern Wohnraumklima herrscht. Die Bauweise ist energetisch zertifiziert und trocken, die Räume werden günstig zu beheizen sein. Für die Bauherrenfamilie ist es ein Kompromiss. So passt das in konventioneller Beton- und Dämmplatten-Bauweise errichtete „Unten“ noch am besten zu ihrem baubiologisch gesunden „Oben“.

Die besonders guten Wärmedämmwerte zeichnen übrigens die meisten Betonkeller aus, auch jene, die vor Ort in einer Schalung gegossen werden. Diese Bauart ist ebenso stark verbreitet. Seltener hingegen werden die gemauerten Keller, die Stein auf Stein errichtet werden und hinterher mit einer Bitumenschicht wasserdicht gemacht werden müssen. Das Risiko, dass sie doch Feuchtigkeit ziehen, ist hoch.

„Und das passt nicht zu dem Anspruch, der heute gilt: Wenn schon Keller, dann auch vollwertig zum Wohnen“, urteilt Andreas May, der als Sachverständiger für den Bauherren-Schutzbund in München tätig ist. May beurteilt die Qualität neuer Keller, noch während sie gebaut werden. Von den wohl 200 Bauvorhaben, die er im Jahr besuche, hätten 198 einen Keller, sagt der Architekt. Im Süden baue man eben traditionell mit Untergeschoss. Diesen Unterschied zum restlichen Deutschland machen viele Beobachter aus. Im Norden gäbe es anteilig die wenigsten Keller, wenngleich sich auch derzeit einiges wandle. Das wiederum kann der Ur-Münchner May nur begrüßen, denn eine Entscheidung zum Keller sei fundamental: „Hat man einmal ohne gebaut, ist es nicht revidierbar.“

Quelle: F.A.S.
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