Luxuswohnungen

Frankfurt im Höhenrausch

Von Birgit Ochs
 - 12:27
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Es ist erst wenige Jahre her, da musste man ins Museum gehen, wenn man sich in Frankfurt neue, schicke Wohnhochhäuser ansehen wollte. "So etwas müssten wir auch haben", seufzten die Ausstellungsbesucher des Deutschen Architekturmuseums (DAM) angesichts einer Schau, die die Teilnehmer am Wettbewerb um den Internationalen Hochhauspreis zeigte. Darunter waren zwei mehr als 100 Meter hohe Wohngebäude in Singapur und Seoul; beides alles andere als anonyme Wohnmaschinen, das eine sogar mit begrünter Fassade.

Angesichts solcher Beispiele klagte Museumsdirektor Peter Cachola Schmal, in Frankfurt sei man im internationalen Vergleich wirklich völlig hintendran. Von sogenannten Hybridgebäuden, die mit ihrem Mix aus Wohnen, Büro- und Gewerbeflächen, Hotel und Freizeitangeboten einen eigenen Organismus bilden, ganz zu schweigen. Das war 2008. Die Finanzkrise schüttelte die Bankenwelt gerade durch, und in der hessischen Großstadt herrschte Katzenjammer. Es war nicht die Zeit für hochfliegende Pläne, weder im Büro- noch im Wohnungsbau, schon gar nicht in Deutschland, wo spektakuläre Wohnhochhäuser wahlweise als unwirtlich oder Ausdruck von Größenwahn galten, wenn nicht beides.

Keine zehn Jahre später ist alles anders. Am Finanzplatz Frankfurt wie mit dem Bau von Wohntürmen geht es aufwärts. Die befürchteten Heerscharen arbeitsloser Banker sind ausgeblieben. Zwar haben die Geldhäuser viel Personal entlassen, aber unter dem Strich verdienen heute mehr Menschen als zuvor in und an der Finanzbranche ihr Geld - und von Gehaltdeckeln für Banker redet auch niemand mehr. Neue Arbeitsplätze in der Finanzaufsicht sind entstanden, Frankfurts Einwohnerzahl wächst stetig. Von Niedergang am Main keine Spur.

Unübersehbares Symbol für die tragende Rolle, die die Stadt in Europas Bankenwelt im Jahr 2017 spielt, ist ein 185 Meter hohes Gebäude: Abseits des innerstädtischen Bankenturmrudels erhebt sich der gläserne Doppelturm der Europäischen Zentralbank. Er ist der Vorposten im Osten der Stadt, deren Skyline immer größere Ausmaße annimmt. Neuerdings hat das maßgeblich mit all den Wohnhochhäusern zu tun, die dort mit einem Mal in den Himmel wachsen. Ihr Anteil am Wohnungsmarkt der Stadt ist jetzt schon bedeutend: Im vergangenen Jahr waren 30 Prozent aller in Frankfurt verkauften Eigentumswohnungen Hochhauswohnungen.

Sie tragen Namen wie Omni Turm, Tower 90, One Forty West und Praedium. Manche wie "Axis" sind bezogen, andere so gut wie fertig wie "Onyx", das 2014 mit einem für Frankfurter Verhältnisse Spitzenquadratmeterpreis von fast 14.000 Euro von sich reden machte, später mit Lärmschutzklagen der Nachbarschaft und schließlich mit der Insolvenz des Investors. Auch der Turm, an dessen Bau die Bewohner der Stadt emotional den meisten Anteil genommen haben, steht kurz vor der Vollendung: der neue Henninger Turm. Der 140 Meter hohe Bau nach einem Entwurf des Architekturbüros Meixner Schlüter Wendt erhebt sich an der Stelle seines Vorgängers, einst Wahrzeichen der Stadt, auf dem ehemaligen Areal der früheren Brauerei im Stadtteil Sachsenhausen. DAM-Direktor Schmal erinnert sich noch an die anfängliche Skepsis und Ablehnung, die dem Vorhaben entgegenschlug, hinter dem die Unternehmerfamilie Hopp steht. Die neue Landebahn des Frankfurter Flughafens und der Fluglärm würden die Verkäufe mindern, hieß es seinerzeit. Drei Jahre später sind alle Wohnungen verkauft. Die Penthäuser wollen die Hopps dem Vernehmen nach selbst behalten.

Deutsche Millionenstädte können davon nur träumen

"Wir erleben gerade einen radikalen Imagewandel - das betrifft sowohl Frankfurt als auch das Wohnhochhaus", urteilt Thomas Zabel, Chef des Maklerunternehmens Zabel Property GmbH, angesichts des Booms. Während man in den wirklichen Großstädten des Landes, in Berlin, München und Hamburg aus unterschiedlichsten Gründen beim Thema Hochhausbau im Klein-Klein steckenbleibt, baut das nur etwas mehr als 730.000 Einwohner zählende "Mainhattan" sein Alleinstellungsmerkmal konsequent aus. Frankfurt ist die einzige deutsche Stadt mit einer Skyline. Die zehn höchsten Hochhäuser des Landes stehen hier.

Der Überblick fällt angesichts der Vielzahl an Projekten schwer. Von den Profis aus der Immobilienbranche abgesehen, erfasst kaum jemand die Dimension der aktuellen

Entwicklung. Selbst im Stadtplanungsamt kann man mit einer offiziellen Übersicht über die Neuzugänge nicht dienen. Allerdings hält man dort die Auflistung des Immobilienvermittlers Jones Lang LaSalle für zutreffend. Der hat achtzehn Gebäude dieser Art gezählt - darunter etliche, die die 100-Meter-Marke lässig übertreffen. Mindestens vier erreichen mit mehr als 150 Metern gar Wolkenkratzerformat.

Reiner Wohnturm mit einer Höhe von 173 Metern

Zu ihnen zählt der Grand Tower, der gerade zwischen Bahnhof und Messe am Beginn des neuen Stadtteils Europaviertel entsteht. Als reiner Wohnturm mit einer Höhe von 173 Metern wird er nicht nur Frankfurts, sondern auch Deutschlands höchstes Gebäude dieser Art. Kurzfristig jedenfalls, denn am Ort wächst die Konkurrenz schon nach. Auf seinen 47 Etagen entstehen mehr als 400 Wohnungen. Keine zehn Stockwerke ist der Bau bislang hoch, doch 80 Prozent der Wohnungen sind nach Angaben des Maklers verkauft - zu Preisen von im Schnitt 10.000 Euro je Quadratmeter. Zum Vergleich: Der Gutachterausschuss der Stadt hatte ermittelt, das Hochhauswohnungen im Durchschnitt zuletzt 7000 Euro und damit 2000 Euro mehr als normale Neubauwohnungen gekostet haben. Makler Zabel sagt: "Weniger könnte das aber gar nicht sein, Sie haben ja schon 4700 bis 5000 Euro reine Nettobaukosten je Quadratmeter, dazu kommen noch die Grundstückskosten."

Wer sich das leistet? Vor allem Käufer aus dem Ausland, darunter viele Chinesen. Man habe dieses Projekt speziell auf die Bedürfnisse einer internationalen Klientel zugeschnitten, bekennt der Vermittler. "Wobei die spannendere Frage ja ist, wer will da einziehen?" Ein zugegeben nicht repräsentativer Einblick offenbart Vielfalt: Da ist ein Unternehmerpaar aus Süddeutschland, das auf Reisen immer gerne in Hoteltürmen abgestiegen ist und nun im Ruhestand vom Hochhausleben mit Taunusblick träumt. Zwei Brüder, von denen einer Mitglied der griechischen Fußballnationalmannschaft ist, wollen gemeinsam in den Wohnturm ziehen. Auch ein junger Banker, derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätig, hat vor, im Grand Tower mit internationalem Flair zu wohnen, wenn er in naher Zukunft in seine Heimatstadt zurückkehrt. So ein Angebot, wie er es aus dem Ausland kenne, habe er zu Hause bisher vermisst, erzählt er.

Richtig ins Schwärmen gerät Zabel aber bei einem anderen Projekt, für das der Vermittlungsauftrag noch gar nicht vergeben ist. "Das ,Four' wird alles bisher Dagewesene in Frankfurt übertreffen, in Deutschland sowieso", ist er sich sicher. Auf einem ehemaligen Areal der Deutschen Bank im Bankenviertel sollen ein 228 Meter hoher Hotel- und Büroturm, zwei Wohntürme mit 175 und 120 Metern und ein 100 Meter hoher Büroturm entstehen. Außerdem sind zahlreiche Geschäfte und Restaurants sowie eine Kita geplant. Damit nicht genug, soll das neue Ensemble mit einem öffentlich zugänglichen Dachgarten auf dem Hochhaussockel in 20 Meter Höhe aufwarten - mit "Tanz-Garten". Ferner wird eine zweigeschossige "Food Hall" mit rund 30 Ständen das Projekt komplementieren. Wenn alles glattgeht, wird das eine Milliarde Euro teure Vorhaben 2022 fertig sein. "Damit wird ein internationales Publikum angesprochen, das gewohnt ist, hart zu arbeiten, keine riesigen Wohnungen braucht, aber gewohnt ist, alle Annehmlichkeiten in nächster Nähe zu finden", charakterisiert Zabel das Projekt.

"Ich denke, die Projektentwickler und Investoren haben auf den Standort Frankfurt gewettet", sagt DAM-Direktor Schmal. Offenbar erfolgreich. Spätestens seit der Brexit-Entscheidung der Briten im vergangenen Sommer und der Diskussion um den Exodus der Londoner Banker, von dem auch Frankfurt profitieren wird, herrscht in der Immobilienbranche kein Zweifel mehr, dass all die Hochhauswohungen Mieter finden werden. "Die Leute aus der Finanzbranche, die kriegen doch Zuschüsse und Packages von ihren Arbeitgebern, die können sich das leisten", ist sich auch der junge Banker sicher, der im Grand Tower gekauft hat.

Aus Sicht der Makler entlasten die neuen Wohntürme daher den örtlichen Wohnungsmarkt. Jeder Spitzenverdiener, der sich dort einmiete, belege schließlich keine Wohnung im Nordend oder Sachsenhausen, heißt es in der Branche. Dringlicher, als die Brexit-Banker zu versorgen, sei es, Wohnraum für Menschen mit kleinerem Geldbeutel zu schaffen, bemerkt dazu Mark Gellert, Sprecher des Frankfurter Planungsdezerneten Mike Josef (SPD). Auch er nennt das "Four" vorbildlich, denn dort werden nach Vorgaben der Stadt 30 Prozent der neuen Wohnungen Sozialwohnungen sein. Zufrieden mit dem Vorhaben ist auch Museumsdirektor Schmal. Das sei endlich mal ein Hybrid, wie es es im Ausland längst gebe. Allerdings: Im internationalen Vergleich sei der Hochhausboom am Main doch eher harmlos. "In New York, Singapur oder Toronto haben Sie eine ganz andere Dynamik."

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Quelle: F.A.Z. Woche
Birgit Ochs-Koffka  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Birgit Ochs
Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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