Pyramide im Hinterhof

Von BIRGIT OCHS, Fotos von ANDREAS PEIN

06.12.2017 · Sag keiner, beim Bauen in der zweiten Reihe komme es nicht auf Qualität an. Ein Bauherr aus Berlin will ein Zeichen setzen.

I n den neunziger Jahren hat sich Ulrich Köstlin noch eine Abfuhr geholt. Damals hat er mit seinem Ansinnen, den Hinterhof eines ihm gehörenden Mehrfamilienhauses in Prenzlauer Berg zu bebauen, bei der zuständigen Behörde nicht landen können. Die Zeiten ändern sich. Berlin ist nicht mehr die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, der Freiräume und der unschlagbar günstigen Mieten. Die Frage, wie und wo man Wohnraum nachverdichten kann, betrachtet die Bauaufsicht schon lange nicht mehr als Zumutung für die Nachbarschaft.

So wurde in den vergangenen Jahren in vielen Bezirken der Stadt in zweiter Reihe saniert, aus- und umgebaut. Auch in Prenzlauer Berg, der immer noch bei Familien besonders beliebt ist. Remisen, ehemals kleine Brauereigebäude, einstige Polizeistationen und was sich sonst so an alten Bauten hinter den hohen Wohnhäusern verbirgt, haben sich in schmucke Eigenheime verwandelt. Und so hieß es, als Köstlin vor ein paar Jahren nochmals bei der Behörde anfragte: Ein Neubau im Hinterhof, warum nicht?

2011 war der einstige Vorstand des Pharmakonzerns Bayer-Schering mit dem Vorsatz in den Ruhestand gewechselt, ein Wohnhaus als positives Beispiel für private Bauinitiative und Bauqualität zu errichten – als Gegenentwurf zur in Berlin weitverbreiteten kommerziellen Bauentwickler-Architektur. Kunst und Architektur gilt die Begeisterung des Vierundsechzigjährigen. Mit der Restaurierung denkmalgeschützter Gebäude hatte Köstlin da schon Erfahrung. Für einen Neubau aber fand sich trotz intensiver Suche kein Grundstück. Insofern war es ein Glück, dass er im Hinterhof bauen konnte.

Alles eine Frage des Abstands: Die eigenwillige Gestalt ist kein Zufall.
Wirkungsvoll: Eichenholz trifft Beton - nicht nur im Treppenhaus.

Den Entwurf lieferte ihm das Büro Barkow Leibinger, das mit der Standortentwicklung für Bayer-Schering in Berlin vertraut war. „Es war ein Freundschaftsdienst, eigentlich übernehmen die so ein kleines Projekt nicht“, stellt Köstlin klar. Als Bauherr ging er sein Vorhaben offen an. Größe, Anzahl der Wohneinheiten, äußeres und inneres Erscheinungsbild – all dies hat sich erst im Laufe des Planungsprozesses ergeben. Klar war: Es sollte ein zeitgenössischer Bau entstehen, der sich jedoch in das historische Ensemble einfügt. Da dieses unter Denkmalschutz steht, hatte neben der Baubehörde auch das Denkmalamt ein Wörtchen mitzureden. Dessen Vertreter wollten, dass sich die Kubatur des Neubaus am früheren Hinterhaus orientiert, das zu DDR-Zeiten abgerissen worden war. Das aber lehnte die Bauaufsicht ab – weil der Abstand zu den Nachbarn so zu klein gewesen wäre.

Die Behörde setzte dem Bauprojekt diesbezüglich klare Grenzen, und Köstlin bat die Architekten, diese für ihn nachzuzeichnen. Das Ergebnis war eine Hülle in höchst ungewöhnlicher Pyramidenform. Was zunächst nur als Orientierungshilfe gedacht war, überzeugte die Beteiligten. „Mit einem Mal war klar, wir bauen das Haus genau so, wie es äußerlich durch die Bauvorschriften definiert wird“, erzählt der Bauherr. So kam es zu der eigenwilligen Gestalt des Hauses.

Ziemlich schräg: Von langweiligem Neubau kann keine Rede sein.
Im Zentrum: Hinter der Küche führen Treppen in die untere und obere Etage.
In den Innenräumen kleidet Eiche nicht nur die Fußböden, sondern auch die Fensterlaibungen.

Das steht nun mit seinem steil aufragenden, gut 10 Meter hohen Dach zwischen den Altbauten. Barkow Leibinger haben, um den Abstandsflächen Rechnung zu tragen, das Dach mit einer Traufhöhe von nur 7,50 Metern sehr tief angesetzt. Mit einer Neigung von immerhin fast 70 Grad zieht es sich über die oberen drei Etagen hinweg bis zur Oberkante des Hauses in etwa 18 Metern Höhe. Oben kappt eine Terrasse die Spitze. Das schräge Dach, das für die darunterliegenden Stockwerke zugleich auch Fassade ist, sei eine Herausforderung gewesen, gesteht Köstlin. „Schließlich darf ja in die bündig sitzenden Fenster kein Regenwasser eindringen.“ Um die strenge Geometrie des Baukörpers aufzubrechen, setzten die Architekten auf eine unregelmäßige Fensteranordnung.

Durch seine eigenwillige Kubatur ist der obere Teil des Hauses Wind und Wetter extrem ausgesetzt. Derzeit kämpften sie gegen die Algenbildung auf der Fassade, sagt der Bauherr. „Wenn man experimentiert, muss man immer mit Unwägbarkeiten rechen.“ Die Ziegelfassade war in jeder Hinsicht der bei weitem aufwendigste Teil des Hauses. Der Entwurf von Barklow Leibinger sah vor, den gesamten Bau nahtlos mit einer Ziegelhaut zu versehen, die ohne Fuge von den vertikalen in die schrägen Flächen übergeht. „Da war Handarbeit gefragt“, sagt Ulrich Köstlin. Das Haus selbst wurde aus Betonfertigteilen errichtet. Das ging ziemlich zügig und verhältnismäßig leise vonstatten. Bei so einem Vorhaben sei schließlich Rücksicht auf die Menschen in der Umgebung gefragt, sagt Köstlin. Damit das Haus sich optisch seiner Umgebung annähert, ermittelten die Planer die dominierenden Farben der Nachbarschaft. Köstlin ließ in einer brandenburgischen Ziegelmanufaktur 20 000 Ziegel in sechs verschiedenen Farbtönen von Weißlich, Gelb, Orangenbraun, Rosa bis Grau erstellen, die im wilden Verband (so nennt man eine scheinbar ungeordnete Anordnung der Steine) gemauert wurden. Die Ziegelei konnte immer nur eine Farbe brennen. Ging eine Tranche kaputt, ruhte der Bau, weil die Farbe fehlte.

Köstlins Tochter Luisa bewohnt mit Mann und Sohn die oberen drei Etagen des Hauses.
Die Wände sind Weiß gehalten, und nur die Decken zeigen, aus was sie sind: Beton.

Zu den Kosten des Vorhabens sagt Köstlin nichts, nur, dass der Bau finanziell aufwendig gewesen sei. Hätte er die insgesamt fast 550 Quadratmeter Wohnfläche in mehrere kleinere Einheiten aufgeteilt, hätte sich das Vorhaben wohl besser gerechnet. Doch durch die eigenwillige Form verjüngt sich der Bau mit zunehmender Höhe. So entschied sich Köstlin dafür, die insgesamt fünf Stockwerke in zwei Einheiten aufzuteilen. Große Wohnungen seien bei Familien schließlich gefragt, sagt er.

Seiner Tochter Luisa und ihrer wachsenden Familie, die um Weihnachten herum ihr viertes Mitglied erwartet, kam das zupass. Mit Mann und Sohn bewohnt die Ärztin seit Februar 2016 die oberen drei Etagen mit knapp 200 Quadratmetern. Es ist ein Haus im Haus. Auch die untere Wohnung, zu der eine vom Hof abgeschirmte Terrasse gehört, ist als Maisonette angelegt. Die Bewohner betreten das Gebäude durch einen gemeinsamen Eingang. Im Treppenhaus dominiert der Sichtbeton. Doch der Eingang ist mit Eichenholz getäfelt, und auch der Handlauf der Treppe ist aus dem natürlichen Baustoff, was zugleich eine warme, aber auch feine Atmosphäre schafft. In den Innenräumen kleidet Eiche nicht nur die Fußböden, sondern auch die Fensterlaibungen. Die Wände sind Weiß gehalten, und nur die Decken zeigen, aus was sie sind: Beton. Sonst wäre ihr das zu unwohnlich, räumt Luisa Köstlin ein, die beim Innenausbau der Wohnung einige Details angeregt hat – wie etwa den Einbau einer Dusche in einem der Bäder oder den Einbauschrank im Schlafzimmer.

Drei Generationen: Ulrich Köstlin mit Tochter und Enkelsohn

Das liegt wie auch die beiden Kinderzimmer in der dritten Etage, von der aus die Familie in der Regel ihre Wohnung betritt. Der offizielle Eingang befindet sich eigentlich ein Stockwerk höher, wo man vorbei an einem kleinen Gästebad in der offenen Wohn-Ess-Landschaft steht, die fast die ganze Etage einnimmt. Räumliches Zentrum ist die Küche, die wie alle Einbauten ein Tischler angefertigt hat. Wäre es nach der jungen Frau gegangen, hätte sie die Küche nicht so zentral, sondern eher Richtung Eingang angesiedelt, erzählt sie. Doch durch die schrägen Wände kam nur der jetzige Standort in Frage. Die eigenwillige Gestalt des Hauses schränkt, so gesehen, ein. Allerdings gewinnen die Räume im Gegenzug an Reiz. Besonders schön ist die oberste Etage, die als Wohn-, Lese- und Gästezimmer dient. Von hier aus gelangt man weiter auf die kleine Dachterrasse.

Die Tücke des Baus, das verschweigt Ulrich Köstlin nicht, ist das Raumklima. Der Bauherr hatte auf eine automatische Innenraumlüftung verzichtet. Er selbst lebe in einem technisch hochgerüsteten Haus, erzählt er. „Die ständigen Wartungen kann man niemandem zumuten.“ Um die Luftfeuchtigkeit im Gebäude in den Griff zu bekommen, ließ er nachträglich eine automatische Fensterlüftung einbauen, die Tochter Luisa und Familie nun nach Bedarf programmieren können. Ein Kompromiss. Aber so sei das beim Bauen, sagt Köstlin. Er ist froh, dass sich sein Wunsch, ein Haus neu zu bauen, erfüllt hat. „Der einzige Fehler im Plan ist, dass es im Hinterhof steht.“

Zeichnung: Barkow Leibinger, Berlin Architekten

Das Haus Kurz und Knapp

Baujahr 2016
Bauweise Stahlbetonkonstruktion mit Verblendmauerwerk aus individuellen Ziegeln
Wohnfläche 547 Quadratmeter verteilt auf zwei Wohneinheiten
Grundstücksgröße 690 Quadratmeter im Hinterhof
Standort Berlin

Die Beiträge der Reihe „Neue Häuser“ erscheinen in loser Folge. Mehr aus der Serie unter faz.net/haus
Quelle: F.A.S.