Ein Paar, ein Grundstück, zwei Häuser

Von BIRGIT OCHS, Fotos ANDREAS PEIN

12. April 2017 · Eigentlich wollten sie nur ein Sommerhäuschen. Doch was als Datschenprojekt am Rand von Berlin begann, hat die Wohnverhältnisse eines Paars ziemlich umgekrempelt.

Am Anfang war es eine charmante Idee: Sie würden sich ein Haus für die Sommerfrische zulegen, fürs Wochenende. Draußen am Stadtrand von Berlin, fast schon in Potsdam und das Ufer der Havel beinahe vor der Tür. Als der Bund vor einigen Jahren zwei Datschengrundstücke und eine sich anschließende kleine Wildnis verkaufte, griffen Anne Bein und ihr Lebensgefährte Arnoud de Kemp zu. Fremd war ihnen die Gegend nicht, eine Freundin hatte das Fleckchen ursprünglich gepachtet, irgendwann aber ihre Zelte in Deutschland abgebrochen und den beiden den Schlüssel zu ihrem Schrebergartengrundstück hinterlassen. Vielleicht könnte man die kleine Holzbude wieder in Schuss bringen oder sich ein einfaches Schwedenhäuschen bauen und hier schöne Tage mit der Familie, mit Freunden und Gästen verbringen? Anne Bein und Arnoud de Kemp sahen die Datsche und das sie umgebende Dickicht, in dem Waschbären, Dachse und Füchse hausten, malten sich ihre Freizeit im Grünen aus – und ahnten nicht, dass sie im fortgeschrittenen Alter von 63 und 68 Jahren noch Bauherren werden würden.

Das Haus von Anne Bein und Arnold de Kemp war ursprünglich ihr Ferienhaus. Sie haben es durch ein zweites Haus erweitert, nachdem sich der Wunsch, dauerhaft dort zu wohnen, verstärkt hat.

Andererseits: Wenn man die beiden kennenlernt, wundert es einen nicht. Sie kommen aus der Verlagsbranche und sind bis heute beruflich und ehrenamtlich so rührig, dass von Ruhestand nicht wirklich die Rede sein kann. Die langjährigen Lebensgefährten hatten unter anderem viele Jahre in Frankfurt und Heidelberg gelebt. Sie in einer mehr als 200 Quadratmeter großen Altbauwohnung gleich hinter den Türmen der Deutschen Bank, er im Zentrum der Stadt am Neckar. Heidelberg oder Frankfurt? Die Frage ihres gemeinsamen Aufenthaltsorts hatten sie jedes Wochenende immer wieder neu beantwortet. Dass sie im Ruhestand nach Berlin ziehen würden, wie so viele ihrer Freunde, war schon länger im Gespräch und selbstverständlich, dass dort jeder, wie gehabt, seinen eigenen Haushalt führen würde.

Für ihr Sommerhausvorhaben wollten sie sich architektonischen Rat holen – und kamen über ein paar Ecken mit Jens Kopmann-Severin vom Büro AKM Architekten zusammen. Der war zunächst ein wenig ratlos, was die beiden von ihm wollten. „Nur um das alte Häuschen in Ochsenblutrot zu streichen, braucht ihr mich nicht“, wehrte der Planer ab. Und auch für das Ansinnen, die Butze neu zu bauen, sei er nicht zu haben, ließ er das Paar wissen: „Einen Schuppen baue ich nicht!“

Herzstück im ersten der beiden Bauten ist der große Raum – Küche, Ess- und Wohnzimmer zugleich. Die Rückseite des Küchenblocks teilt den Eingangsbereich ab und dient als Garderobe.

Man verständigte sich auf ein „Kleinsthaus“, wie Kopmann-Severin spöttisch sagt. Gleich seine erste Skizze gefiel den beiden ziemlich gut. Er habe eigentlich nur ein paar kleine Änderungswünsche gehabt, erinnert sich Arnoud de Kemp. Aber der zweite Entwurf, den der Architekt vorlegte, zeigte dann ein Bauprojekt von anderer Dimension: Kopmann-Severin hatte einen Bungalow mit 110 Quadratmeter Wohnfläche, Gästetoilette und Wirtschaftsraum inklusive geplant. Ein schlichtes kleines Haus, mit flach geneigtem Satteldach, verdeckten Regenrinnen, aus Ziegeln gemauert, das sich im Innern von allein erklärt. Gleich hinterm Eingang liegen die Funktionsräume wie WC, Technik- und Wirtschaftsraum sowie die Garderobe, die zugleich als Trennwand vom zentralen Wohnbereich fungiert und auf deren Rückseite die Küche angesiedelt ist. Dieses Herzstück des Hauses öffnet sich über die (zusammenschiebbaren) Glasfronten zur großen Terrasse hin. Im dahinterliegenden Teil schließen sich ein Schlaf-/Arbeitszimmer sowie ein Bad an.

All das sagte Anne Bein und Arnoud de Kemp sehr zu, war aber schon viel mehr, als die beiden sich vorgestellt hatten. „Der eigentliche Aufwand war uns aber anfangs gar nicht klar“, gesteht de Kemp. Um auf diesem Grundstück am Rande der Hauptstadt ein Haus zu bauen, das zeitgemäßen Ansprüchen genügt, musste zunächst überhaupt erst die entsprechende Infrastruktur geschaffen werden: Denn der einstige Schrebergarten hatte keinen Anschluss an die Gas-, Strom- und Wasserversorgung. Und dass das stattliche Gefälle den Einbau einer Hebepumpe für das Abwasser nötig machte, hatte in den Ferienhausträumen der beiden keine Rolle gespielt.

Das Vorhaben wuchs also in jeder Hinsicht über die Ursprungsidee hinaus. Doch es sollte noch ganz anders kommen. Die Bauarbeiten waren schon weit gediehen. Arnoud de Kemp hatte sich bereits eine Wohnung in Steglitz zugelegt, und Anne Bein sah sich nach einer passenden Unterkunft in Mitte um, als ihr die Idee kam, man könne angesichts des ganzen Aufwands doch gleich in das neue Häuschen übersiedeln. Landschaftlich gefiel ihnen die Gegend ja ohnehin. Und dass sie gut an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen waren und es weder an Geschäften noch ärztlicher Versorgung mangelte, sprach ebenfalls für den Standort. „Plötzlich kam es mir absurd vor, dass sich unser Leben an drei auseinanderliegenden Orten abspielen sollte“, erinnert sich die heute 67-Jährige.

„Haus Heidelberg“ und „Haus Frankfurt“: Autarke Bauten, die doch zusammengehören

Ob man das Häuschen nicht um eine Etage aufstocken könne, fragten sie und ihr Lebensgefährte den Architekten. Man kann sich vorstellen, wie dieser vor seiner Antwort erst mal tief durchatmen musste. Nein, beschied er seine Bauherren, das gehe so einfach nicht. Um genau zu sein, gehe es überhaupt nicht. Dann hätte man das Haus anders planen müssen. Außerdem, gab er ihnen zu bedenken, hätten sie nie zusammengewohnt, und es sei vermutlich keine gute Idee, zu einem so fortgeschrittenen Zeitpunkt ihres Lebens damit anzufangen. Grummelnd und verstimmt sei das Paar danach weggegangen, erzählt Kopmann-Severin, der dann vorschlug, doch ein zweites Haus auf dem Grundstück zu bauen. Nachdem die Bauherren ihren anfänglichen Unmut überwunden hatten, gefiel ihnen die Idee zunehmend besser.

Wenn man den dreien zuhört, wie sie von der Planungs- und Bauphase mit viel Gelächter und Gestichel erzählen, bekommt man eine Ahnung davon, dass um manche Entscheidung hart gerungen wurde und die eine wie die andere Seite dann und wann über ihren Schatten springen musste. Ein gutes Ergebnis kann es letztlich nur geben, wenn weder die Bauherren darauf beharren, dass, wer zahlt, bestimmt, noch der Architekt seine Kunden bevormundet.

  • Große Offenheit: Die grünen Schiebetüren ermöglichen es, die Räume in „Haus Frankfurt“ zusammenzuschließen.
  • Das grüne Sideboard bietet viel Stauraum für Papiere und Aktenordner.
  • Der Blick aus dem Badezimmer

Kopmann-Severins Vorschlag jedenfalls erwies sich als absolut passend für das Paar. Als Pendant zu dem ersten Gebäude, das 2014 fertig wurde, entwarf er ein zweites Haus, das ebenfalls autark bewohnbar ist. Der Bau kontrastiert seinen Nachbarn innen wie außen: Es ist ein leichter Holzständerbau, der eine klar strukturierte Fassade aus Cortenstahl trägt. Die Innenwände wurden partiell als mobile Sperrholz-Schiebewände ausgeführt, so dass sich – je nachdem, welche Wand man öffnet oder schließt – neue Raumzuschnitte und -eindrücke ergeben. Auf Verkehrswege wurde völlig verzichtet. Ins Auge stechen die Einbauten. „Frau Bein besitzt ziemlich viele Aktenordner“, scherzt ihr Lebensgefährte. Den nötigen Stauraum für die Dokumente, Papiere und all die anderen Dinge, die aufbewahrt werden müssen, bietet ein lineares Sideboard, das fast die gesamte Hauslänge einnimmt und wie die Schiebetüren in einem kräftigen Grün gehalten ist. Parallel zum Sideboard hat der Planer eine minimalistische Lichtlinie als Deckenleuchte entworfen, die je nach Raumabschnitt zu- oder abgeschaltet werden kann.

Bauherren: Anne Bein und Arnoud de Kemp

Jedes Haus ist einem Bewohner zugeordnet, das erste Arnoud de Kemp, das zweite Anne Bein. Man hat den Eindruck, dass die beiden, die übrigens sehr ähnlich eingerichtet sind, je nach Tag und Situation entscheiden, wie sie die Gebäude nutzen: als Tag- und Nachthaus, Wohn- und Arbeitshaus, Gäste- und Privathaus. Von der Terrasse des Cortenstahlbaus gelangt man über wenige flache Stufen zur Terrasse des Satteldachgebäudes mit der feinen weißen Putzfassade. „Hier hat es sich offenbar eingebürgert, dass man die Häuser nicht über den Haupteingang betritt“, merkt Kopmann-Severin mit demonstrativer Strenge an. „Annes Haus ist das Obergeschoss, das uns der Architekt beim ersten Haus verwehrt hat“, kontert der Bauherr lachend.

Tatsächlich schätzen er und seine Lebensgefährtin, dass sie räumlich so dicht zusammengerückt sind. Der Garten und die ganze Anlage machen ihnen das leichter als gedacht, gestehen sie. Und an ihrer alten Gewohnheit können sie weiter festhalten: Heidelberg oder Frankfurt – das ist auch an ihrem neuen Wohnort immer noch die Frage, nur dass „Heidelberg“ und „Frankfurt“ nun auf einem 1300 Quadratmeter großen Grundstück am Stadtrand von Berlin liegen.

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 2014/2016
Bauweise Massiver Ziegelbau/Holzständerbau mit Cortenstahlfassade
Wohnfläche 110 Quadratmeter/80 Quadratmeter
Grundstücksgröße 1300 Quadratmeter
Baukosten (ohne Grundstück) 250 000 und 280 000 Euro
Standort Berlin
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Quelle: F.A.S.