Mehr als ein Anhängsel

Von BIRGIT OCHS, Fotos ANDREAS PEIN

13.07.2017 · Anbauten sind oft klotzig. Doch es geht auch ganz anders, wie ein Beispiel aus Berlin zeigt.

E s war der zweite Winter nach dem Einzug, und für die Familie stand fest, dass es in dem neuen Haus so nicht weitergehen konnte. Das neue Haus ist eigentlich ein altes: eine schmale Doppelhaushälfte aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der sich die Zimmer auf drei Etagen drängeln. Der Architekt, den man zur Besichtigung hinzugebeten hatte, um das Kaufobjekt in Augenschein zu nehmen, nannte es ein "armes altes Haus". Für die damals vierköpfige Familie erwies sich das Gebäude dennoch als Glücksgriff und bot die Chance, durch den Umzug Richtung Stadtrand der immer trubeligeren Gegend um den Berliner Mauerpark zu entkommen. Das neue Zuhause war nicht nur für einen erschwinglichen Preis zu haben und gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Es war auch sofort bewohnbar. Denn finanziell hätten sich seine neuen Eigentümer zu diesem Zeitpunkt weder eine Sanierung noch einen Anbau leisten können.

Aber dann in jenem zweiten Winter standen sich die Familienmitglieder samt den Gästen der Kinder im Erdgeschoss in Küche, Bad, Esszimmer und dem winzigen Wohnraum ständig im Weg. In den engen Kinderzimmern im ersten Stock war zu wenig Platz zum Spielen. Im Schlafzimmer unter den Dachschrägen war es kalt und feucht. Da mochte man den Tag nicht verbringen. So reifte die Erkenntnis, dass ein Anbau hermusste. Wieder kam der Architekt und mit ihm der Anspruch, nicht einfach nur mehr Platz zu schaffen. Man könne in so einem Fall den üblichen Kasten an das Bestandsgebäude anbauen, sagt Ralph Brandt vom Büro "brandt+simon architekten". Er suchte eine andere Lösung.

Schluss mit bündig: Die Planer des Anbaus setzen auf Dachüberstände als Schattenspender und zum Schutz der Fassade. Die Fenster lassen sie hervortreten.

Für die Bauherren ging es nicht nur darum, Raum zu gewinnen, sondern auch um den Einsatz emissionsarmer Materialien, um mehr Licht und mehr Bezug zum Grün des Gartens. Als Esszimmer etwa diente ihnen der recht große, aber innenliegende Flur im Erdgeschoss, der nur indirekt Tageslicht aus den angrenzenden Räumen erhielt. Einen Zugang von der schmalen Küche zur Terrasse gab es nicht. Dafür wuchs seitlich des Hauses eine stattliche Birke, die unter keinen Umständen fallen sollte. Und dann war da noch das übersichtliche Budget der Auftraggeber.

Der Planer entwarf einen leichten Holzrahmenbau, der neben dem alten Haus brilliert, ohne jedoch aufzutrumpfen. Der neue Teil, der einen großzügigen Wohnraum beherbergt, verfügt über die gleiche Grundfläche wie der Altbau, dessen Flucht er aufnimmt. Allerdings schließt er nicht direkt an diesen an. Als Bindeglied zwischen Alt und Neu - und Herzstück des Gesamtgebäudes - fungiert der dazwischen liegende Küchentrakt. Lange hätten sie darüber nachgedacht, wie das alte Haus sich zum Anbau hin öffnen soll, erzählen die Beteiligten. Auch die Wege innerhalb des Hauses waren ein Thema. Es gibt genügend Beispiele, in denen die Bewohner nach einem Anbau ziemliche Strecken zu bewältigen haben.

  • Altbau: Wo sich alle drängten, ist nun Platz
  • Anbau: Küche, Essplatz und Wohn- und Freiraum

Am Ende entschieden sie sich für einen halb offenen Übergang zwischen altem Haus und neuer Küche, in die man über einige Stufen gelangt. Durch die ineinandergefügten Baukörper gelingt innen wie außen die räumliche Differenzierung. Während Küche und Essplatz sich noch an der Raumhöhe des Altbaus orientieren, verfügt der von diesem abgerückte neue Wohnraum über deutlich mehr Spiel und Großzügigkeit nach oben.

Schön sind die Fassadenöffnungen. Licht sollte hinein, aber weder Bauherren noch Architekten haben auf die modischen raumhohen Glasfronten gesetzt. Auch der derzeit im Neubau allgegenwärtigen Bündigkeit der Fenster (und des Dachs) haben sie eine Absage erteilt. Stattdessen schieben sich die Fenster- und Türkästen aus der Fassade heraus - und sind echte Hingucker. Neben der guten Belichtung tragen sie auch der Tatsache Rechnung, dass in einer bebauten Nachbarschaft nicht alle ungehindert Einblick ins Familienleben haben sollen. Besonders schön ist der Küchenerker, der auch als Arbeitsfläche dient und Einsicht zur Straße wie zum Garten hin ermöglicht.

Was die Bauphysik angeht, wäre die Klötzchenbauweise definitiv einfacher umzusetzen gewesen. Durch die Erker, die unterschiedlichen Höhen und Einschnitte in die Fassade sei der Anbau am Ende doch eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe gewesen, räumt Architekt Brandt ein. Auch der Erhalt der Birke erwies sich als Tüftelei. Unter anderem musste die Gründung des Anbaus dem üppigen Wurzelwuchs angepasst werden. Wenn der Baum wie jetzt mit seiner üppigen Krone dem Haus Schatten spendet und mit seinem Grün den Garten prägt, wissen die Bauherren, dass es die Mühe wert war.

Überdies hebt sich der neue Trakt auch durch seine Fassade von gängigen Anbauten ab. Man hat ihn mit einer Holzschalung aus Nordischer Fichte versehen, die sich den Ecken, Vorsprüngen und Öffnungen anpasst und ein grafisches Muster zeichnet. Die Latten wurden dabei so geschnitten und gefugt, dass das Material möglichst wenig schadensanfällig ist und die Fassade nicht leidet, wenn das Holz sich zusammenzieht oder ausdehnt. Ferner erhielt der Anbau einen matten, lösungsmittelfreien, mineralischen Anstrich, der leicht auch von Laien aufgebracht werden kann.

Gestrichen hat denn auch der Bauherr selbst. Überhaupt hat der Familienvater beim Ausbau kräftig mit angepackt und etwa die alte Küche abgerissen. Für die Familie war das Vorhaben eine Herausforderung. Rund neun Monate haben sie auf einer Baustelle gelebt - zeitweise ohne Küche und ohne Bad, denn auch das wurde erneuert.

Der Aufwand hat sich gelohnt. Vier Jahre nach dem Einzug ist der Altbau immer noch das "arme alte Haus", das sie gekauft haben. Dank des neuen Teils aber hat das Ganze deutlich an Qualität gewonnen - und nun Platz für mittlerweile fünf Familienmitglieder.

Das Haus kurz und knapp

Baujahr 2016
Bauweise Holzrahmenbau mit Zellulosedämmung
Energiekonzept Gasheizung
Wohnfläche 160 Quadratmeter (vorher 100 Quadratmeter)
Baukosten (ohne Grundstück) 110.000 Euro
Standort Berlin

Quelle: F.A.S.