Alle mal herschauen

Von Julia Löhr, Fotos Andreas Pein

30.08.2017 · Wenn Gaudí auf Sissi trifft: Der Werber Jean-Remy von Matt hat sich in Berlin ein Penthouse geschaffen, das vor Extravaganz nur so strotzt.

D er Wahnsinn begann mit einer Mail am 9. Februar 2011, abends gegen halb elf. Er sei ganz nüchtern, schrieb Jean-Remy von Matt an seinen Architekten, aber er habe eine ziemlich durchgeknallte Idee. Ob man das Dach seines neuen Berliner Zuhauses nicht wie einen Busen formen könne? Konkret, wie den Busen seiner Frau? Mit dem Kaminschlot als Nippel? Das mit der Baugenehmigung könnte vielleicht etwas schwierig werden, aber wenn man es als Kunst deklarierte? „Spektakulär wär’s, oder? Und die ganze Welt würde es googeln!“

Seit kurzem ist das Dach fertig, wie überhaupt die ganze Wohnung, und wenn man von Matt auf seiner Dachterrasse stehen sieht, den Blick auf den „Smoking Boob“ gerichtet, dann ist sein Stolz auf dieses Werk unverkennbar. Ein rauchender Busen, zusammengesetzt aus Hunderten Kupferplatten, wenn das mal keine ausgefallene Idee ist. Offiziell ist das Dach einer Tiffany-Lampe nachempfunden. Die Mitarbeiter im Bauamt fanden die Form angeblich sehr sinnlich. Nur Frau von Matt soll nicht ganz so begeistert gewesen sein.

Wohnzimmer, Essbereich und Küche sind ein großer Raum, der Kamin ist sein Zentrum.
Das Badezimmer führt geradewegs in die Ankleide von Natalie von Matt.

Jean-Remy von Matt weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt, er macht seit vierzig Jahren nichts anderes. Mit Mitte zwanzig fing er als Texter in der Werbebranche an, später arbeitete er für die Kultagentur Springer & Jacoby. 1991 gründete er zusammen mit einem Kompagnon in Hamburg seine eigene Agentur: Jung von Matt. Sie sollte zur besten Deutschlands werden. Von Matt hat Slogans wie „Bild dir deine Meinung“ und „Geiz ist geil“ in die Welt gesetzt, er hat Angela Merkel für Sixt eine Cabrio-Frisur verpasst und für Edeka einen einsamen Rentner seine eigene Beerdigung fälschen lassen. Noch jetzt, im Alter von 64 Jahren, ist er besessen davon, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Die Führung durch sein neues Zuhause zeigt: Dieser Ehrgeiz treibt ihn auch privat an.

Angefangen hat es im Jahr 2008, von Matt und seine Frau Natalie hatten sich gerade die Immobilie in Berlin-Mitte gekauft. Drei Gebäuderiegel in bester Lage zwischen Brunnenstraße und Weinbergspark, teils Mietwohnungen, teils Gewerbeflächen. 2600 Quadratmeter für 2,4 Millionen Euro, eine gute Kapitalanlage sollte es sein. „Nach dem Notartermin sagte meine Frau, wir hätten das hässlichste Gebäude der ganzen Straße gekauft“, erinnert sich von Matt. Er versprach ihr, es zumindest zum meistfotografierten zu machen. Lange überlegte er, wie das gelingen könnte, dann ließ er in dicken Buchstaben „Dieses Haus stand früher in einem anderen Land“ auf die Fassade pinseln. Was soll man sagen, es hat geklappt. Bis heute läuft kaum ein Tourist auf DDR-Spurensuche an dem Gebäude vorbei, ohne seine Kamera zu zücken.

Das Dach ist einem Busen nachempfunden.

Zunächst wollte sich das Paar nur ein kleines Studio im Dachgeschoss des Hinterhauses ausbauen, für seine Berlin-Besuche und die von Freunden. Doch im Lauf der Zeit wurden aus einem Zimmer zwei, dann drei und schließlich ein veritables Penthouse, das sich nun auf einer Fläche von 400 Quadratmetern über zwei Etagen erstreckt.

Der Stil des Hauses ist schwer zu beschreiben. Hemmungslose Opulenz trifft es vielleicht am besten. Vieles erinnert an den spanischen Architekten Antoni Gaudí und seine Vorliebe für organische Formen, etwa die Fenster mit den riesigen Ornamenten. Anderes, wie das sorgsam in Vitrinen zur Schau gestellte Geschirr, sieht aus, als wäre es einem Sissi-Film entliehen. Es ist ein wilder Mix von Elementen, die nur eines eint: Jedes für sich genommen ist schon ein Statement, ob es nun die türkisen Samtsofas (vom selben Hersteller, der auch die im angesagten Soho House macht), der sechs Meter lange Klostertisch (von einem Flohmarkt in Paris) oder die ausgemusterten Barhocker aus einer Berliner Diskothek sind. Ursprünglich sollte sogar ein Baum in die Wohnung, ein stattliches, vier Meter hohes Exemplar. Es ist eine der wenigen Ideen, die von Matt nicht umgesetzt hat.

„Wir mögen keine moderne Architektur“, sagt er. Strenge Formen, nackte Betonböden und einsame Möbelstücke sind ihm ein Graus. Bei ihm muss es knallen, und zwar in jeder Ecke eines Raums. Vor vielen Jahren erzählte von Matt einmal in einem Gespräch über seine Karriere in der Werbung, er wäre gerne „Erbauer“ geworden. Was er damit meinte, war: Architekt. Das Haus in Berlin ist auch so etwas wie die späte Umsetzung dieses Berufswunschs. „Ich bin schon ein verhinderter Architekt“, sagt er mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein.

Der neue Lieblingsort zum Zurückziehen: das türkisfarbene Samtsofa
Eine etwas andere Fernsehecke: Im alten Lieferwagen verbirgt sich jede Menge Hightech. Es bedurfte eines Krans, um den Citroën in die Wohnung zu hieven.
Die Holztreppe war so teuer wie ein Ferrari.

Von ihm stammt beispielsweise die Idee, die beiden Etagen des Penthouses durch eine wuchtige Holztreppe zu verbinden, die von zwei Seiten zugänglich ist und deren Geländer ebenfalls von Ornamenten durchsetzt ist. Gebaut hat sie ein polnischer Treppenbauer aus Berlin, gekostet hat sie ein kleines Vermögen. Wie viel genau, das will von Matt lieber nicht verraten. Nur so viel: „Die Treppe ist mein Ferrari“, sagt er. Nicht minder sehenswert ist die Wand über dem Aufgang, sie ist olivenfarben gestrichen und mit einem Jute-Kunstwerk der belgischen Künstlerin Lieva Boston geschmückt. Von Matt hat ihm den Namen „Schweigen der Lämmer“ verpasst. Der Jan-Kath-Teppich, der an dieser Stelle anfangs hing, macht sich nun im Eingangsbereich der Wohnung breit.

Auch den alten Lieferwagen, einen Citroën HY, hat Jean-Remy von Matt in die Wohnung gebracht. Er erinnerte ihn an die Pommesbuden in seinem Geburtsort Brüssel. Nun dient der Wagen dem Paar als Fernsehecke, mit einem Sofa anstelle der Rückbank, einem Bildschirm an der Trennwand zum Fahrerhaus und jeder Menge Unterhaltungstechnik unter der Motorhaube. Weil Frau von Matt keine Gummireifen in der Wohnung haben wollte, ließ sie diese von einem venezolanischen Künstler durch Wagenräder aus Holz ersetzen. „Er ist mein Jahrgang“, sagt von Matt, während er den nicht vorhandenen Staub von der Motorhaube des Citroën wegwischt. Um das Auto in den vierten Stock zu bekommen, musste eigens der Boden des Innenhofs abgetragen und ein Kran auf dem Kellergrund plaziert werden.

Es hat eine Weile gedauert, bis Jean-Remy von Matt sein neues Zuhause vorzeigen wollte. Er ist in dieser Hinsicht, wie er auch in seiner Werbeagentur ist: chronisch unzufrieden, detailverliebt, immer auf der Suche nach einer noch besseren Idee. Auch jetzt entschuldigt er sich mehr als einmal dafür, dass vieles noch so „bruchbudig“ und auch so unaufgeräumt sei (was natürlich beides nicht stimmt). Zudem steht von Matt, auch wenn man das angesichts seiner Position kaum glauben mag, nicht gerne im Mittelpunkt. Sein Wesen ist geprägt von einem steten Ringen zwischen Menschenscheu und Eitelkeit. Am Ende siegt meist Letztere.

Angesprühte Klobürsten statt Blumen

Sosehr von Matt diese Wohnung mitgestaltet hat – eines echten Architekten bedurfte es auch. Er heißt Florian Köhler und ist ein alter Freund des Werbers aus Hamburg. Wenn Köhler über die Zusammenarbeit spricht, dann ahnt man, dass diese Immobilie auch für ihn zu einer Lebensaufgabe geworden ist. „Immer wenn ich dachte, ich hätte dieses Haus verstanden, wurde wieder alles ganz anders“, sagt er. Das gilt insbesondere für das Dach, dem die längste Planung vorausging. Zuerst wollte von Matt ein wellenförmiges Dach, das hatte er in Hamburg schon einmal gesehen. Dann kam er von einem Urlaub in Marokko zurück und begehrte ein Beduinenzelt. Die Modelle waren gerade fertig gerechnet, da kam dem Hausherrn, diesmal inspiriert durch einen Griechenland-Trip, die Kuppelform in den Sinn. Und dann schließlich die Brust. Während Köhler das Hin und Her schildert, steht von Matt still, fast bedrückt daneben. „Stimmt, das habe ich alles verdrängt.“

Die Einrichtung stammt weitgehend von Natalie von Matt, die im Erdgeschoss einen Modeladen betreibt. Zum Teil aber legte der Hausherr auch selbst Hand an. Direkt neben dem Lieferwagen hat er beispielsweise ein halbes Dutzend mit rosa Farbe angesprühte Klobürsten in einer Vase drapiert. Das Arrangement, das aus der Ferne täuschend echt wirkt, ist eine Art Wiedergutmachung einer Jugendsünde. Von Matt hat sich die Vase vor vielen Jahren auf einer Kaffeefahrt in Venedig aufschwatzen lassen, für damals 6000 Mark. „Ich hab mich hinterher so geärgert“, sagt er. Wenn schon die Vase so teuer war, dann gibt er jetzt wenigstens kein Geld mehr für Blumen aus.

Auch viele der Lampen hat er selbst gebaut. Etwa die Stehlampe, die auf mehreren Mistgabeln ruht und deren Lampenschirm eine ausrangierte Waschmaschinentrommel ist, die der Werber auf Ebay ersteigert hat. Eine weitere Waschmaschinentrommel hängt im Bad, sie ist mit Knoblauchpressen an der Decke befestigt. Von Matt baut die Lampen in der Werkstatt seines Wochenendhauses (ja, das gibt es auch noch) in Bad Segeberg. „Meine Frau sagt, ich entwickele mich weiter.“

Ins Schwimmbecken im Keller pinkelt auf Knopfdruck ein Manneken Pis.

Vergleichsweise kahl ist es noch in von Matts Arbeitszimmer auf der unteren Etage, wo das einzig Auffällige seine Lebensuhr ist, die beharrlich die Sekunden runterzählt, die einem Mann seines Alters laut Statistischem Bundesamt noch bleiben. Zum Zeitpunkt des Besuchs waren es noch gut 336 Millionen – etwas mehr als zehn Jahre. Ein Exemplar dieser Uhr hat von Matt einst auch Altkanzler Gerhard Schröder geschenkt. Der wollte es aber dem Vernehmen nach lieber nicht aufstellen.

Ungleich üppiger geht es im angrenzenden Schlafzimmer zu, das wegen seiner Sammlung von Schafsgemälden an den Wänden im internen Sprachgebrauch nur noch „Schafzimmer“ heißt. „Schafe sollen etwas Beruhigendes haben“, sagt von Matt. Bei ihm will sich diese Wirkung freilich noch nicht so recht einstellen, er hadert mit der Raumabfolge der unteren Etage. Erst Schlafzimmer, dann Bad, dann Ankleide – ob das wirklich eine gute Idee war? Vielleicht besser andersherum? Der Architekt zieht nur kurz die Augenbrauen hoch, er kennt das schon.

Ob diese Wohnung, dieses Haus jemals fertig sein wird? Während von Matt noch überlegt, schüttelt Köhler schon energisch den Kopf. Nein, das glaubt er eher nicht. Derzeit sind die Bauarbeiter im Keller am Werkeln. In direkter Nachbarschaft zu den Gleisen der U8 – der Gebäudekomplex gehörte früher zur BVG, der Eingang zur U-Bahn befindet sich direkt im Erdgeschoss des Vorderhauses – harrt das Fitnesscenter seiner Vollendung. Das Schwimmbecken ist schon gefüllt und schimmert blau in der Dunkelheit, auch das „Manneken Pis“ pinkelt bereits auf Knopfdruck ins Wasser. Doch das Wichtigste fehlt noch: die Geräte. Exakt 15,5 Minuten widmet von Matt sich jeden Tag seinem Körper. Ein Prozent seiner Lebenszeit, das sei angemessen, findet er. Vor einigen Jahren posierte er als Model in einer Werbekampagne des Unterwäscheherstellers Mey. Wenn er mehr anhat, trägt er gerne T-Shirts, die so eng sind, dass das Sixpack darunter nicht zu übersehen ist.

Hausherr Jean-Remy von Matt

Etwa die Hälfte seiner Zeit wohnt von Matt inzwischen in Berlin. Dabei kommt ihm zupass, dass Jung von Matt in diesem Jahr den Wahlkampf der CDU betreut. Den Abend des 24. September wird von Matt zuerst im Konrad-Adenauer-Haus verbringen, sich dann aber schnell wieder an seinen neuen Lieblingsort zurückziehen: auf das türkisfarbene Samtsofa in seiner Wohnung. Er wirkt nicht so, als ob er nach der Wahl wieder nach Hamburg zurückwill. „Man kann in Hamburg gut und gerne leben“, setzt er an und freut sich über dieses Spiel mit dem Werbeslogan der CDU. „Aber ich bin mit der Stadt nie so richtig warm geworden.“

Ein Projekt wird ihn in Berlin auf jeden Fall weiter beschäftigen: die Mondscheinsonate von Beethoven. Von Matt wollte unbedingt einen Konzertflügel in der Wohnung haben, nicht etwa, um darauf zu spielen, sondern einfach so, weil es gut aussieht. Er hat ihn auch schon gekauft, Steinway, das zweitgrößte Modell. Seine Frau fand das dekadent, was sie sehr sympathisch macht. Er musste ihr versprechen, zumindest ein Stück zu lernen. Und so übt der vielfach ausgezeichnete Werber nun wie ein Grundschüler einmal in der Woche mit einer Klavierlehrerin. „Diese sechs Minuten muss ich schaffen“, sagt er. Zwei kann er schon – so einigermaßen. Jetzt fehlt nur noch der Kran, der den Flügel in die Wohnung hievt. Der Wahnsinn geht weiter.

Quelle: F.A.Z.