Belsize Park

In London kann man auch im Grünen wohnen

Von Marcus Theurer
 - 11:47
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Man muss nicht unbedingt schon einmal in Belsize Park gewesen sein, um zu verstehen, warum es sich hier gut leben lässt. Der Blick auf einen Stadtplan von London genügt: Viel Grau ist zu sehen. Häuser, Häuser, Häuser – irgendwo müssen die fast neun Millionen Einwohner, die Europas größte Stadt bevölkern, ja alle leben. Und dann gibt es da auf der Karte links oben von der Innenstadt zwei große grüne Flecken: Der südlichere davon, das ist der Regent’s Park mit dem angrenzenden Primrose Hill. Der andere grüne Klecks im Häusermeer ist Hampstead Heath. Und genau dazwischen liegt Belsize Park.

„Diese Gegend hier war die einzige in London, in der sich mein damaliger Mann vorstellen konnte, zu leben“, erzählt Katie Wilson. Ihr Ex stammte aus Sydney: „Sonne, Strand und viel Grün“, sagt Wilson. Mit dem Strand und manchmal auch mit der Sonne ist es so eine Sache im Nordwesten Londons. Aber grüner als in den meisten anderen Ecken der britischen Hauptstadt ist es in Belsize Park definitiv.

Wer an einem schönen Sommertag auf den Wiesenhügeln von Hampstead Heath auf der Picknickdecke sitzt, der wähnt sich angesichts dieses Parkidylls leicht weit draußen auf dem Land in Kent oder Devon. Dabei ist er nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt von Big Ben und der Oxford Street. Um bei der Wahrheit zu bleiben, muss man allerdings hinzufügen: Allein ist man hier selten. Bei schönem Wetter machen sich die Picknickgesellschaften aus ganz London auf den Weg hierher.

Der damalige Lebenspartner von Katie Wilson ist längst weg. Aber die Fotografin und alleinerziehende Mutter lebt noch immer in derselben Gegend wie damals vor elf Jahren, als sie nach London zog. „Wenn man Kinder hat, ist diese Ecke von London perfekt“, sagt sie. In NW3 – so der Postleitzahlbezirk von Belsize Park und den angrenzenden Vierteln Primrose Hill im Süden und Hampstead im Norden – gibt es abgesehen von einer ganzen Reihe sündhaft teurer Privatschulen auch einige gute staatliche Schulen.

Leben im Schuhkarton

Von einigen Londoner Stadtteilen hat fast jeder schon einmal gehört. Namen wie Chelsea und Notting Hill kennt man – und sei es nur aus der Champions League oder aus dem Kino. Belsize Park dagegen ist ein Stadtviertel, das den wenigsten Ortsfremden geläufig ist. Dabei liegt es für Londoner Verhältnisse ziemlich zentral: Wer hier wohnt und samstags einkaufen gehen will, der ist zu Fuß in einer guten Dreiviertelstunde auf der Shoppingmeile Oxford Street – und macht zugleich einen ziemlich schönen Spaziergang: über den Primrose Hill, einen grünen Hügel mit der wohl schönsten Aussicht auf die Innenstadt von London, durch den Regent’s Park, über die so quirlige wie noble Marylebone High Street mit ihren Cafés und Boutiquen – und schon ist man am Ziel.

Einen großen Nachteil hat Belsize Park allerdings. Das Wohnviertel ist – genauso wie Primrose Hill und Hampstead – recht teuer. Die Preise in NW3 liegen zwar nicht ganz so exorbitant hoch wie etwa in Chelsea oder Kensington – aber happig sind sie trotzdem. „Wer nicht Millionär ist, der lebt hier in einem Schuhkarton“, sagt Wilson, die alleinerziehende Mutter, die mit ihren beiden Söhnen in einer kleinen Wohnung nördlich des Primrose Hill lebt.

Ein schwacher Trost: Das Problem mit den Mondpreisen haben nicht nur die Bewohner von Belsize Park. Was die Kosten des Wohnens angeht, ist London insgesamt eine der extremsten Städte der Welt. Die Zahlen sind schwindelerregend: Nach Schätzungen des Maklerunternehmens Savills hatten Wohnimmobilien in der britischen Hauptstadt im vergangenen Jahr einen Gesamtwert von 1,7 Billionen Pfund, umgerechnet also knapp 2 Billionen Euro. Zum Vergleich: Das ist, wie Savills vorrechnet, zweieinhalbmal so viel wie der Wert des gesamten Immobilienbestands in Schottland, Wales und Nordirland zusammen. Allein in den vergangenen fünf Jahren sind die Immobilienpreise in der Hauptstadt im Schnitt um fast 70 Prozent gestiegen.

Im Falle von Belsize Park kommen die geschilderten Vorzüge preistreibend hinzu: eine vergleichsweise ruhige und grüne Wohnlage, die trotzdem zentrumsnah ist. Außerdem verfügt das Viertel über eine sehr gute Anbindung an die U-Bahn, was im großen London ein enorm wichtiger Faktor ist. Berufspendler wissen diesen Standortvorteil zu schätzen. Von Belsize Park aus ist man mit der Jubilee Line in gut zehn Minuten im Regierungsviertel Westminister und in gut zwanzig Minuten am anderen Ende der Stadt im Finanzdistrikt Canary Wharf. Die Northern Line wiederum kutschiert einen in einer Viertelstunde in die City, das traditionelle Banken- und Geschäftsviertel Londons im Zentrum der Stadt. Die allerdings können sich mitunter anfühlen wie Stunden, denn während des Berufsverkehrs sind die Waggons der betagten London Underground hoffnungslos überfüllt.

Nigel Kennedy in Jogginghose an der Supermarktkasse

Wie teuer genau also ist das Wohnen in Belsize Park? Die Immobilien-Suchseite Rightmove listet beispielsweise eine Vierzimmerwohnung im Souterrain in guter Lage auf, die dieses Jahr für 1,7 Millionen Pfund verkauft wurde. Eine Doppelhaushälfte mit sechs Zimmern und Garten ging für 3 Millionen Pfund weg. Einen Tipp zumindest gibt es: Merklich günstiger kommt es in der Regel, wenn man sich für eine Wohnung oder ein Reihenhaus aus den sechziger oder siebziger Jahren entscheidet. Die haben zwar nicht das Flair der eleganten, großbürgerlichen Altbauten aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihren cremeweißen Fassaden und Säuleneingängen das Viertel prägen. Dafür sind die spröden architektonischen Mauerblümchen aus dem 20. Jahrhundert eben erschwinglicher als die viktorianischen Prachtbauten.

Doona Labi ist eine der Alteingesessenen in Belsize Park. Sie ist Anfang sechzig und hat ihr ganzes Leben hier verbracht. Die Labis sind jüdischen Glaubens, und Doonas Mutter Evi, die aus Wien stammte, flüchtete 1938 mit ihren Eltern vor den Nazis nach London. „In den Jahrzehnten nach dem Krieg lebten in Belsize Park viele deutschsprachige Flüchtlinge“, sagt Labi. Sie erinnert sich noch, dass man in ihrer Jugend mit den Ladenbesitzern in der England’s Land, der kleinen High Street im Herzen des Viertels, deutsch reden konnte. Der wohl prominenteste Flüchtling, den es damals nach Belsize Park verschlagen hatte, war Sigmund Freud: Der Psychoanalytiker wohnte die letzten Jahre bis zu seinem Tod 1939 in Maresfield Gardens am westlichen Zipfel des Viertels.

Heute ist die Bevölkerung von Belsize Park so international wie niemals zuvor. Wie in fast allen Stadtteilen der Metropole lebt auch in dieser Gegend die ganze Welt zusammen. Wer hier allerdings das hippe London sucht, der wird enttäuscht sein. Ebenso wie in Hampstead und Primrose Hill wohnen in Belsize Park mittlerweile viele betuchte Banker und Anwälte. Typisch für das Viertel sind auch die zahlreichen „Expats“ aus Kontinentaleuropa, Amerika und Asien, die von ihren Arbeitgebern auf Zeit auf die Insel entsandt wurden.

Das war nicht immer so. Früher einmal war dieser Teil von London ein Ort der Boheme. Richard Burton wohnte in den fünfziger Jahren am Anfang seiner Karriere im Norden von Belsize Park, bevor er Filmstar wurde und vor dem britischen Fiskus in die Schweiz flüchtete. Auch Piet Mondrian und George Orwell lebten in der Gegend. In den ehemaligen Roundhouse-Tonstudios an der U-Bahnstation Chalk Farm im Süden von Belsize Park haben AC/DC Ende der siebziger Jahre ihr Album „Highway to Hell“ aufgenommen. Noch heute kann man im Viertel den Violinisten Nigel Kennedy in Jogginghose und Bundeswehrparka an der Supermarktkasse treffen. Manchmal gibt er Benefizkonzerte in einer der örtlichen Kirchen.

Das viele Geld, das in den Stadtteil geflossen sei, habe Belsize Park verändert, sagt Doona Labi. Der Stadtteil ist gleichförmiger geworden. Längst können es sich etwa die Angestellten der Läden im Viertel nicht mehr leisten, selbst hier zu wohnen. Ein alteingesessenes Geschäft nach dem anderen schließt und macht einem weiteren Café Platz. Selbst Leute wie die Fotografin Wilson, die erst einige Jahre in der Gegend wohnen, berichten von einem spürbaren Wandel. „Als wir hierherkamen, gab es noch viel mehr Leute mit einem kreativen oder künstlerischen Hintergrund“, sagt sie. „Heute sind es viel mehr Geschäftsleute aus der Finanzbranche.“ Aber ein gutes Gemeinschaftsgefühl gebe es immer noch, findet sie. Bevor sie nach Belsize Park zog, lebte Wilson für kurze Zeit im nahen Marylebone. „Da haben wir ein Jahr lang keinen einzigen Nachbarn kennengelernt“, erinnert sie sich. „Das ist hier völlig anders. Die Leute sind offen und aufgeschlossen.“

Quelle: F.A.S.
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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