Immobilien
Des Pendlers Schmerzgrenze

Mehr Platz kostet Zeit

Von Kristina Pezzei
© dpa, F.A.S.

Eine geräumige Altbauwohnung mit einem Zimmer für jedes Kind, ein Stück Garten hinter dem Haus, das Lieblingsrestaurant um die Ecke, und die Arbeit liegt auch nur ein paar Minuten entfernt – für die meisten Großstadtbewohner ist das mittlerweile ein Wunschtraum. Entweder der Platz reicht hinten und vorne nicht, mehrere Kinder teilen sich ein Zimmer, auf dem Esstisch stapelt sich Bügelwäsche. Oder mindestens ein Elternteil verlässt zu früher Stunde das Haus, um dem morgendlichen Stau auf den Straßen oder der Schnappatmung in der Bahn zuvorzukommen, und verzichtet auf wertvolle Zeit für die Familie oder sich selbst.

Irgendwo dazwischen schließen die meisten einen Kompromiss. In Deutschland liegt er derzeit bei 30 Kilometern – jedenfalls, wenn man einer Studie der Sparda-Bank glaubt. „Wie weit würden Sie maximal zu Ihrem Arbeitsplatz pendeln?“ wurden knapp 1450 Menschen im Januar dieses Jahres gefragt. Jeweils ein gutes Drittel antwortete darauf mit „maximal 15 Kilometer“ oder „maximal 30 Kilometer“. Mehr als 50 Kilometer würden nur drei Prozent der Befragten akzeptieren.

Damit haben die Deutschen ihre Wünsche ganz gut an die Wirklichkeit in Ballungsräumen angepasst. In Berlin etwa müssen Menschen etwa 15 Kilometer pendeln, um sich eine 90-Quadratmeter-Wohnung für einen Preis leisten zu können, den die Sparda-Bank als „erschwinglich“ definiert. Der Studie zufolge liegt dieser Wert bei 242.000 Euro – so viel investierten die Menschen im vergangenen Jahr durchschnittlich in den Erwerb ihrer eigener vier Wände. Dabei schwanken die Preise in Berliner Mikrolagen enorm, und die Entfernung zum Zentrum ist dabei nicht unbedingt der ausschlaggebende Faktor: Während man in 17 Stadtteilen mehr als 3500 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche bezahlt, ist es in zehn weiteren Gegenden nur halb so viel.

Frankfurter können von viel Platz nur träumen

In Berlin mit seiner mehrzentrigen Struktur zeigt sich auch, wie wenig aussagekräftig Durchschnittsangaben oft sind: Die teuersten Stadtteile Grunewald und Dahlem im Südwesten etwa liegen mehrere Kilometer von der Mitte entfernt. Für 242.000 Euro müssen sich Kaufwillige dort mit 45 Quadratmetern zufriedengeben. Am anderen Ende der Stadt, im nordöstlichen Hellersdorf, ist dreimal so viel Wohnraum für das gleiche Geld drin, dafür leben die Menschen in einem Umfeld mit Plattenbau-Image.

In Hamburg sind es 18 Kilometer vom Zentrum, bis die 90-Quadratmeter-Wohnung erschwinglich wird. Dort zählen die an der Alster gelegenen Viertel Harvestehude und Rotherbaum zu den Gegenden, bei denen sich Eigentümer im Platz beschränken, auch der neu angelegte Stadtteil Hafencity ist mit 38 Quadratmeter Wohnfläche für eine Durchschnittsinvestition eher hochpreisig – wobei Neubauwohnungen bisweilen im Schnitt klug geplant sind und den vorhandenen Raum intelligent nutzen.

© F.A.Z., F.A.S.

Frankfurter wiederum können von richtig viel Platz generell nur träumen: Egal wo in der Stadt am Main, für 242.000 Euro gibt es nie mehr als 100 Quadratmeter Wohnfläche. Im südlichen Westend unweit des Bankenviertels sind mit dem Betrag 37 Quadratmeter Wohnung möglich, im Bahnhofsviertel 42 Quadratmeter. Die erschwingliche 90-Quadratmeter-Wohnung liegt im Durchschnitt zwölf Kilometer entfernt; am meisten ausbreiten kann man sich noch in Fechenheim, dafür wohnt man in unmittelbarer Nähe zur Hafenindustrie in Richtung Hanau.

Auf ostdeutsche Städte lohnt ein zweiter Blick

Interessant wäre gewesen, was die Analysten zum Münchner Ballungsraum zu sagen haben – die Stadt hat die größte Preisdynamik und strahlt damit mittlerweile 100 Kilometer ins Umland aus. In ländlichen Orten mit S-Bahn-Anschluss werden längst Preise verlangt, die Menschen andernorts in Großstädten gewohnt sind; dazu kommen die Kosten für den täglichen Pendelweg und die Lebenszeit, die der programmierte Stau verschluckt.

Folglich ist glücklich, wer das Landleben schätzt und dort auch in Lohn und Brot steht. „In den günstigsten Landkreisen sind erschwingliche Immobilien mehr als 50 Prozent größer als im Bundesdurchschnitt“, heißt es in der Studie. Im Landkreis Stendal beispielsweise gibt es fast 300 Quadratmeter Wohnfläche für die Durchschnittsinvestition. Stendal liegt etwa 120 Kilometer von Berlin entfernt, der Zug braucht weniger als eine Stunde – allerdings ist der Landkreis im Nordosten von Sachsen-Anhalt so groß, dass der Weg vom günstig erworbenen Eigenheim bis zum Bahnhof in der Kreisstadt ebenso lange dauern kann wie die Zugfahrt von dort nach Berlin.

Überwiegend im Osten liegen auch die größeren Städte, die nicht gerade im Rampenlicht von Investoren oder öffentlichem Interesse stehen. Wer in Chemnitz oder Magdeburg eine Heimat findet, kann sich im Durchschnitt eine 261 Quadratmeter beziehungsweise 208 Quadratmeter große Wohnung leisten, bei garantiert kurzen Wegen und der realistischen Chance auf einen hübsch sanierten Gründerzeitaltbau. Im Westen und Nordwesten des Landes sind es Gelsenkirchen, Duisburg oder Bremerhaven, die viel Platz für wenig Geld und kurze Wege versprechen; allesamt Städte mit einem eher rauhen Image – die einen zweiten Blick verdienen, sollten sich die Trends in den Ballungsräumen so fortsetzen wie prognostiziert.

Quelle: F.A.S.
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